Online-Modehändler

4500 Zalando-Mitarbeiter wählen Betriebsrat

Erstmals bestimmt die Belegschaft der Konzernmutter in Berlin eine Arbeitnehmervertretung nach deutschem Recht.

4500 Beschäftigte des Online-Modehändlers Zalando sind in diesem Jahr zur Wahl eines Betriebsrats aufgerufen.

4500 Beschäftigte des Online-Modehändlers Zalando sind in diesem Jahr zur Wahl eines Betriebsrats aufgerufen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Erstmals sind Beschäftigte des Berliner Online-Modehändlers Zalando zur Wahl eines Betriebsrats nach deutschem Recht für die Konzernmutter Zalando SE aufgerufen. Entsprechende Informationen der Berliner Morgenpost bestätigte das Unternehmen auf Anfrage. Demnach können rund 4500 Mitarbeiter unter dem Dach der SE in Berlin an der Wahl der Arbeitnehmervertreter teilnehmen. Für die Belegschaft der Konzernmutter ist es der erste Betriebsrat, der nach dem Betriebsverfassungsgesetz bestimmt wird.

Zuvor gab es unter dem Dach der Aktiengesellschaft lediglich einen Betriebsrat nach europäischem Recht, der zwar Einfluss auf die Besetzung der Arbeitnehmersitze im Aufsichtsrat, aber nicht entsprechende Mitbestimmungsrechte hatte. Verdi und die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hatten die begrenzten Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer bei dem Berliner Konzern immer wieder kritisiert.

Nach Zalando-Angaben gibt es derzeit unternehmensweit fünf Betriebsräte: an den Logistikstandorten in Erfurt, Lahr und Mönchengladbach sowie in den Zalando Studios und dem Bereich Customer Care International. Für die Zalando SE befände sich neben Berlin noch ein weiterer Betriebrat für den Standort Dortmund in Gründung. Europaweit beschäftigt der Online-Modehändler etwa 15.000 Menschen.

Betriebsratswahl bei Zalando findet noch in diesem Jahr statt

Am größten Standort Berlin sei die Betriebsratswahl Ende des vergangenen Jahres angestoßen worden. Für die Bestimmung des Wahlvorstands hatte Zalando angesichts der Zahl der wahlberechtigten Mitarbeiter die neben der Zentrale in Friedrichshain liegende Mercedes-Benz-Arena angemietet. In den kommenden Wochen wird der Wahlvorstand die Ausschreibung zur Betriebsratswahl vorbereiten. Wann die Abstimmung stattfindet, ist derzeit noch unklar. „Die Durchführung der Betriebsratswahl für die Zalando SE in Berlin obliegt dem gewählten Wahlvorstand und wird aller Voraussicht nach in diesem Jahr stattfinden“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens.

Die Gewerkschaft Verdi sieht in der Ankündigung, einen Betriebsrat für die Konzernmutter wählen zu lassen, eine Zäsur. Betriebsratswahlen in der größten Einheit von Zalando seien ein klares Zeichen dafür, dass das Unternehmen der Start-up-Phase definitiv entwachsen sei, sagte Erika Ritter, Landesfachbereichsleiterin Handel für Berlin und Brandenburg bei der Gewerkschaft. „Damit wird jetzt die gesetzliche Normalität in der betrieblichen Mitbestimmung umgesetzt“, erklärte Ritter weiter. Die Beschäftigten bei Zalando befänden sich damit auf dem richtigen Weg, so die Gewerkschafterin weiter.

Nicht alle Zalando-Mitarbeiter sind mit der deutschen Mitbestimmungskultur vertraut

Zalando wurde 2008 in Berlin gegründet und ist seitdem stark gewachsen. Bislang, heißt es unter einigen Mitarbeitern, sei man auch gut ohne Betriebsrat ausgekommen. Andere wiederum sagen, angesichts der Veränderungen in einigen Geschäftsbereichen seien zuletzt einige Mitarbeiter auf der Strecke geblieben. Ein Betriebsrat sei auch nötig, damit Beschäftigte, die sich ungerecht behandelt fühlten, einen Anlaufpunkt hätten. Ein einheitliches Meinungsbild gibt es angesichts der Masse der Mitarbeiter in Berlin aber nicht.

Das liegt auch daran, dass mittlerweile Menschen aus rund 130 Nationen bei Zalando tätig sind. Nicht alle internationalen Mitarbeiter sind aus ihren Ländern Mitbestimmungsrechte der Belegschaft gewohnt, wie es sie in Deutschland gibt. Dazu sehen ausländische Beschäftigte Zalando mitunter auch nur als Sprungbrett an, um in Europa Fuß fassen zu können. Der Drang, in dieser Phase die Betriebskultur in einem Unternehmen wie Zalando zu verändern, sei nicht besonders groß, sagt ein Zalando-Mitarbeiter. Der Wunsch nach einem Betriebsrat sei vielmehr von langjährigen Zalando-Beschäftigten geäußert worden, ist zu hören.

Bewertungssoftware, Entlassungen, Umstrukturierungen: Unmut bei der Zalando-Belegschaft gewachsen

Das hat auch mit Entwicklungen der vergangenen Monate zu tun: Öffentliche Aufregung gab es Ende 2019 etwa um die Bewertungssoftware Zonar, mit der sich Zalando-Beschäftigte unternehmensweit anonym bewerten können. Wissenschaftler, Beschäftigte und die Gewerkschaft Verdi warfen dem Unternehmen daraufhin vor, seine Mitarbeiter mit dem Scoring-Tool unter Druck zu setzen und ein Gefühl der permanenten Überwachung zu erzeugen. Auch Stellenstreichungen und die Schließung von Geschäftsbereichen sorgten in den vergangenen Jahren für Unmut in der Belegschaft. 2018 etwa trennte sich Zalando in Berlin von rund 250 Mitarbeitern aus dem Marketing-Bereich. 2019 löste der Händler seine Eigenmarken-Abteilung ZLabels auf. Rund 550 betroffene Beschäftigte wurden größtenteils auf andere Geschäftsbereiche verteilt.

Den derzeitigen Prozess der Betriebsratsgründung in Berlin unterstützt Zalando nach eigenen Angaben. So sei dem Wahlvorstand ein eigenes Büro zur Verfügung gestellt worden, um sich in Ruhe austauschen zu können. Darüber hinaus sei den Initiatoren sowohl eine hausinterne als auch eine externe Rechtsberatung zur Seite gestellt worden. Auch das Eventteam des Unternehmens habe den in Gründung befindlichen Betriebsrat unterstützt und half etwa bei der Buchung der Mercedes-Benz-Arena für die Betriebsversammlung.