Obdachlosigkeit

So lief die Zählung der Obdachlosen in Berlin

Berlin zählt seine Obdachlosen – für viele der 2600 Helfer war es die erste Begegnung mit Menschen, die auf der Straße leben.

Ein Obdachloser in Berlin. Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Wohnungslosen in der Hauptstadt zwischen 6000 und 10.000.

Ein Obdachloser in Berlin. Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Wohnungslosen in der Hauptstadt zwischen 6000 und 10.000.

Foto: Maja Hitij / Getty Images

Die Frage des Abends wurde gleich am Anfang gestellt, bei einer der Schulungen der Freiwilligen, die am Mittwochabend Obdachlose rund um den Hauptbahnhof zählen sollten. Sie sollten diese bitte nicht wecken, nicht anleuchten, duzen oder gar fotografieren, hieß es.

Und auch Körperkontakt solle bitte vermieden werden. „Darf man man ihnen die Hand geben?“, wollte eine Teilnehmerin unsicher wissen. Spätestens da war klar – bei Berlins erster „Nacht der Solidarität“ ging es um weit mehr als das bloße Erheben der Zahl, wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben.

Immerhin 2600 der angemeldeten 3700 Freiwilligen waren trotz eiskalten Nieselregens in eins der 61 Zählbüros gekommen. Allein das wertete Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Donnerstagmorgen als Erfolg. Am Abend zuvor hatte sie gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Aktion eröffnet, deren Ergebnis eine bessere Planung von Hilfen ermöglichen soll.

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Vorbild ist Paris, wo es schon drei Obdachlosenzählungen gab. In Berlin wurde die Zahl bisher geschätzt – 6000 bis 10.000 Menschen sollen demnach auf der Straße leben. Initiiert und begleitet wird die Zählung durch die Armutsforscherin Susanne Gerull von der Alice-Salamon-Hochschule. Die Ergebnisse werden am 7. Februar vorgestellt.

Rund 100 Obdachlose allein rund um den Bahnhof Zoo

Unter den Zählenden waren neben Mitarbeitern von Behörden und sozialen Trägern auch Politiker wie Charlottenburgs Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD). Auch wenn er allein wegen des Umfelds am Bahnhof Zoo schon viel über das Thema wisse, sagte Naumann am Donnerstag: „Diese Nacht hat auch mir noch einmal den Blick geschärft.“

Er war mit professionellen Helfern unterwegs. „Wie viele Menschen teils schon seit mehr als zehn Jahren auf der Straße leben, und wie schwer manche psychisch erkrankt sind, ist bedrückend.“ Rund 100 Menschen zählte Naumanns Team allein rund um den Bahnhof Zoo. Auch wegen dieser Konzentration fordert Naumann schon länger, dass es ähnliche Angebote wie das der Bahnhofsmission mit dem Hygienecenter auch in anderen Bezirken geben soll.

Mit dabei war auch Soziologin Jutta Allmendinger, die über Armut und Obdachlosigkeit forscht. „Endlich wurde die Obdachlosigkeit auf den Straßen erhoben“, sagt sie, auch wenn dies nur ein sehr kleiner Teil der gesamten Wohnungsarmut darstelle. Dennoch sei es ein überfälliger Schritt, zeige er doch, wie notwendig präventive Politik sei. „Ich hoffe, dass die gesamtstädtische Steuerung der Unterbringung Fahrt aufnimmt.“

Nur zwei von 617 Zählgebieten waren nicht besetzt

Die Sozialverwaltung zeiget sich zufrieden mit der ersten Zählung. Mit dem „Helferschwund“ von etwa einem Drittel habe man gerechnet, sagt Sprecher Stefan Strauß. Nur zwei von 617 Zählgebieten konnten nicht besetzt werden, Berlin sei also praktisch komplett erfasst worden. Auf freiwilliger Basis sollten Obdachlose auch nach Alter, Geschlecht und Herkunft der Menschen sowie deren Situation auf der Straße befragt werden.

Wie aber macht man das konkret? Woran erkennt man Obdachlose überhaupt? Wie spricht man sie an? Was tun, wenn es in den Parks dunkel und unheimlich ist? Für viele Freiwillige war es der erste Kontakt mit dem Thema.

Für Stefanie Voß (29) etwa, Grafikdesignerin aus Wedding: „Ich wollte gern mehr über das Thema wissen.“ Mitgezählt hat auch Sozialarbeiterin Barbara Matthies, stellvertretende Leiterin der Bahnhofsmission am Hauptbahnhof, wo tagsüber auch obdachlose Menschen zu Gast sind, die mutmaßlich in der Nähe leben. Doch trotz sorgfältiger Suche konnte das Team rund um den Bahnhof nur wenige Menschen entdecken, sagt die Sozialarbeiterin. „Ich vermute, dass viele nicht gezählt werden wollten. Vielleicht aus Angst vor Schwierigkeiten mit den Behörden oder um ihre Schlafplätze.“

Die Freiwilligen haben auch Menschen gesehen, die in entlegenen Winkeln in Zelten oder nur unter Decken schliefen. „Es ist deprimierend, dass Menschen mitten in der Stadt so leben“, sagt Voß. Bei manchen Passanten kam das Team ins Grübeln.

Kein direkter Kontakt mit den 16 Obdachlosen rund um den Hauptbahnhof

Den Mann, der um Mitternacht barfuß über die Steine am Spreeufer balancierte, rechneten sie nicht mit. Über den älteren Herrn, unterwegs mit einer Tasche und verlorenem Blick, dachten sie lange nach. „Wir haben ihn nicht angesprochen, auch wenn wir vermuten, dass er obdachlos ist“, so Stefanie Voß. „Auf jeden Fall wirkte er sehr einsam.“

Direkten Kontakt mit den 16 Obdachlosen hatte das Team rund um den Hauptbahnhof nicht. „Als wir um 22 Uhr zur Zählung starteten, schliefen die meisten schon“, sagt Voß, „andere waren sehr betrunken, einer aggressiv.“ Anderen Freiwilligen ging es ähnlich.

Helge Denker leitete ein Freiwilligenteam in Friedenau. „Wir haben gar keine Obdachlosen getroffen, auch nicht dort, wo man sie sonst oft sieht.“ Die beiden Helfer fanden die dreistündige Zählaktion dennoch gut. „Alles war sehr gut vorbereitet und wurde gut erklärt“, sagt Denker.

Und Voß: „Wenn man im Stadtraum so lange und so genau genau hinschaut und auch diese Kälte spürt, sensibilisiert einen das für das Thema.“ Nur zu zählen reiche ihr aber nicht aus. „Ein solidarisches Berlin sollte auch nachfragen, was wirklich gebraucht wird.“

Es soll auf jeden Fall eine weitere Zählung geben

Die Frage nach dem Sinn der Zählaktion war im Vorfeld heftig diskutiert worden. Für Mittwochabend hatten Aktivisten zu einer Mahnwache am Roten Rathaus aufgerufen: Die Zählung stelle keine direkte Hilfe dar, auch mehr Wohnungen würden damit nicht geschaffen. Auch an den Zahlen gab es Zweifel. Oliver Bürgel von der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege sagte: So gut und wichtig die Zählung sei, bleibe sie doch erst einmal „eine unvollständige Momentaufnahme“.

Elke Breitenbach schränkte am Donnerstag ein: Sie gehe zwar nicht davon aus, dass tatsächlich sämtliche Obdachlose in der Stadt gezählt werden könnten. Ziel sei aber eine langfristige Statistik, es werde in eineinhalb oder zwei Jahren auf jeden Fall wieder gezählt.

Dieter Puhl von der Berliner Stadtmission, der zehn Jahre die Bahnhofsmission am Zoo leitete, zählte in Schmargendorf mit. An die „Nacht der Solidarität“, fordert er, müssten sich nun „Tage, Wochen, Monate der Nächstenliebe und Barmherzigkeit anschließen – obdachlose Menschen benötigten natürlich 365 Tage und Nächte im Jahr Unterstützung.“