Holocaust-Gedenktag

"Warum sollte es nicht wiederkehren können?"

Vor 75 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Leon Schwarzbaum ist einer der letzten Überlebenden. Er warnt vor dem Vergessen.

Leon Schwarzbaum wurde am 20. Februar 1921 in Hamburg geboren. Als er vier Jahre alt war, zog seine Familie ins oberschlesische Będzin. Von dort wurde er 1943 in das KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt.

Leon Schwarzbaum wurde am 20. Februar 1921 in Hamburg geboren. Als er vier Jahre alt war, zog seine Familie ins oberschlesische Będzin. Von dort wurde er 1943 in das KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Ein Weg zu Leon Schwarzbaum führt über den S-Bahnhof Grunewald, durch den geklinkerten Bahntunnel, vorbei an Gleis 17, am Denkmal für die über 50.000 Juden, die hier nach Riga, Warschau, Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurden. Zarte Ahornbäume und Birken wachsen zwischen den Gleisen. Folgt man einer ruhigen Wohnstraße, immer geradeaus, dann leicht bergab, sieht man Villen hinter geschwungenen Eisentoren, dazwischen Flachbauten aus den 60er-Jahren. In einem davon öffnet Leon Schwarzbaum die Wohnungstür, ein schmaler Mann in kariertem Hemd und Daunenweste. Schwarzbaum wird bald 99 Jahre alt. Er ist einer der letzten Überlebenden von Auschwitz.

Herr Schwarzbaum, Sie waren 25 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg vorbei war. Warum haben Sie erst mit über 80 Jahren beschlossen, über Ihre Erlebnisse zu sprechen?

Leon Schwarzbaum Weil ich das für richtig erachte. Weil ich das den jungen Menschen mitteilen möchte, was hier so alles passierte in dieser Zeit.

Sie sind in Oberschlesien in der Stadt Bedzin aufgewachsen. Sie haben dort Abitur gemacht, wollten Zahnmedizin studieren und hatten eine große Liebe für amerikanische Swing-Musik. Wie war Ihr Leben dort?

Meine Freunde und ich haben einen kleinen Chor gebildet. Wir haben gesungen mit Klavierbegleitung. Das war die Zeit der Comedian Harmonists und all dieser Gruppen. Denen haben wir nachgeeifert. Wir nannten uns die Jolly Boys. Wir haben versucht, in den Rundfunk zu kommen und sind nach Kattowitz gefahren, um dort unsere Darbietungen zu zeigen. Das hat den Leuten gut gefallen.

Sie hätten richtig Karriere machen können?

Wir hätten vielleicht Karriere machen können. Das war kurz vor Ausbruch des Krieges. Man spürte schon den Wind des Krieges.

1939 sind die Deutschen in Polen einmarschiert.

Unsere Stadt war direkt an der Grenze. Sie waren in wenigen Stunden da.

Was ist dann passiert?

Dann fingen die ganzen Verbote an. Man durfte dort nicht hingehen, man durfte sich hier nicht hinsetzen, die Straße nicht begehen. Jeden Tag standen neue Verbote an den Litfaßsäulen. Dann wurden schon die ersten von der Straße geholt, sind ins Reich geschickt worden zur Arbeit. Das war die erste Heldentat der Nazis. Dann ging es immer weiter, immer schlimmer und immer schlimmer. Schulen wurden geschlossen, Universitäten. Synagogen wurden in die Luft gejagt. Da waren Menschen drin, die geglaubt haben, in einem Gotteshaus wird man sich vielleicht retten können. Ach wo. Man hat die Menschen mitverbrannt. Ohne Schuld. Das muss man sich vorstellen.

Während des Gesprächs blickt Leon Schwarzbaum immer wieder durch seine großen Balkonfenster auf kahle Bäume. Je länger das Gespräch dauert, desto länger werden die Pausen und die Blicke in die graue Dämmerung. Seine Wohnung ist voller antiker, geschwungener Holzmöbel. Neben dem Esstisch hängen drei Fotos. Seine verstorbene Frau in Farbe, in Schwarz-Weiß Leon Schwarzbaum als Vierjähriger mit Pausbacken. Und ein Familienfoto: Darauf er mit 14 Jahren, Onkel, Mutter, Vater. Im Sommer 1943 wurde seine gesamte Familie, 35 Verwandte, nach Auschwitz transportiert. Leon Schwarzbaum blieb allein zurück.

Sie haben versucht, vor der SS zu fliehen. Das ist Ihnen nicht gelungen. Wie ging es dann weiter?

Ein Mädchen ist geflohen. 16, 17 Jahre alt. Man brachte das Mädchen und da stand der Offizier. Er wandte sich an einen Soldaten und hat zu ihm gesagt, er soll das Mädchen erschießen. Es zitterte am ganzen Leib. Ich stand einen Schritt entfernt. Der Soldat hat nichts gemacht, wahrscheinlich hatte er selber Kinder. Da hat der Offizier das Mädchen am Schopf gepackt, hochgezogen und ihm einen Kopfschuss gegeben. Ein junges Mädchen, blutjung. Rote Haare hat es gehabt. Sie fiel zu Boden, zitterte noch ein bisschen. Und ich stand daneben und konnte nicht helfen. Konnte nichts. Ich weiß den Namen des Offiziers noch. Der hieß Peickert. Peickert!

Als Sie wenige Wochen später nach Auschwitz kamen, haben Sie vom Schicksal Ihrer Familie erfahren.

Als ich ankam, wurden mir die Haare geschoren, ein Mann hat mich tätowiert. Das ging schnell. Nummer 132624. Ich habe gefragt, was ist mit den Leuten passiert, die vor ein paar Wochen aus Bedzin kamen? Er sagte: Der ganze Transport ist sofort zum Vergasen gekommen. Da wusste ich, dass meine Eltern nicht mehr leben.

Wie haben Sie es geschafft zu überleben?

Durch Glück. Am nächsten Tag standen wir vor der Baracke. Nackt und barfuß. Es war kalt, so wie heute. Mit Schnee. Da kommt der Lagerälteste. Ein kleiner, untersetzter Mann. Brutales Gesicht, zerfressen vom Alkohol. Er steht da und fragt. Wer kann gut laufen? Dann bin ich schnell rausgesprungen aus der Reihe. Ich habe gesagt: Herr Lagerältester, ich melde gehorsamst, ich bin ein guter Läufer. Dann hat er gesagt: Gut, du musst mir jeden melden, der ins Lager kommt. Aber jeden. Du musst mich suchen. Ich stand in meiner Baracke, die Tür einen Spalt weit offen, habe geguckt. Zehn, manchmal zwölf Stunden. Ich bin manchmal im Stehen eingeschlafen. Wenn jemand gekommen ist, bin ich losgerannt. Das Quarantänelager war ungefähr einen Kilometer lang. Ich bin gelaufen. Ich wusste, wenn ich den Lagerältesten nicht finde, ist das mein Todesurteil.

Sie haben sich gerettet, indem Sie ein Späher wurden. Was haben Sie gesehen?

So war das. Dadurch habe ich mein Leben – nicht gerettet, ich habe es konserviert. Ich sah die Schornsteine rauchen. Nicht rauchen, sondern Feuer speien. Die Schornsteine, es waren fünf, spien Feuer, meterhoch. Es gab einen entsetzlichen Gestank. Es riecht entsetzlich, wenn Menschenfleisch verbrannt wird. Jede Bewegung, jedes falsche Benehmen konnte ein Todesurteil sein. Ich habe gesehen, wie die Transporte kommen. Zu Fuß sind die Menschen am Stacheldraht vorbeimarschiert. Der Stacheldraht war gespickt mit Strom. Und morgens, wenn ich aus meiner Baracke kam …

Während Schwarzbaum erzählt, drückt er sich aus seinem Sessel, geht langsam aber bestimmt zum Balkonfenster. Er breitet die Arme aus und lehnt sich gegen das Glas.

… da sah ich manchmal, wie Menschen so im Draht hängen. Die waren schon tot, durch den Strom. Ich habe gedacht: Du musst hier weg. Du kannst hier nicht bleiben. Seelisch geht man da ein. Die Transporte, die laufend kamen, der Gestank, die Musik, die spielte, das war ja so wie Dantes Inferno. Die Kommandos, die abends wieder zurückkamen von der Arbeit. Die hatten immer am Ende der Kolonne vier bis fünf Tote.

Sie waren neun Monate in Birkenau.

Ja. Dann kamen die deutschen Ingenieure und Architekten. Sie suchten ein Kommando für ein Außenlager von Auschwitz. Bobrek hieß das. Und ich meldete mich. Wir waren ein Kommando von 300 jungen Menschen. Franzosen, Holländer, Deutsche, Juden, Polen auch. Wir haben uns gefreut. Aber in der Baracke gab es einen Blockführer. Ein brutaler Mann. Ein Pole. Und der hat uns, ganz bewusst, schlecht behandelt. Der hat mit uns Sport getrieben, draußen lag sehr hoch Schnee. Da mussten wir hüpfen und rollen. Wir mussten im Kreise laufen. Und die haben uns im Kreise mit Balken geschlagen.

Sie haben in Bobrek bis zum Vormarsch der Roten Armee gearbeitet, sind auf einen der berüchtigten Todesmärsche gegangen.

Wir sind gelaufen. Wir wussten nicht wohin. Die Kanonen hörte man von Weitem. Da haben wir gesagt, so weit kann es nicht sein. Die werden uns bald befreien. Bald. Aber ach wo. Wir mussten so lange laufen. Bis zur Erschöpfung. Geschlafen haben wir im Wald. Zu essen haben wir nichts gekriegt. Zu trinken haben wir nichts gekriegt. Wir haben Rinde von Bäumen gegessen. Nur um etwas im Magen zu haben.

Die Überlebenden des Marsches wurden im Januar 1945 auf offenen Waggons von Gleiwitz in Oberschlesien in das KZ Buchenwald gefahren. Von dort wurde Schwarzbaum wieder zur Zwangsarbeit geholt, diesmal in ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, zu Siemens nach Berlin-Haselhorst. Das Lager wurde bombardiert, brannte aus. Im April 1945 wurde Schwarzbaum auf seinen zweiten Todesmarsch geschickt. In seinen Erzählungen vermischen sich die Erinnerungen an die beiden Märsche, hin und wieder springt sein Gedächtnis von einem Grauen in das andere. Die Baumrinde etwa musste er essen, als die SS ihn auf dem zweiten Todesmarsch mit etwa 16.000 Häftlingen bei Wittstock zusammentrieb, sie ohne Unterkunft und Versorgung im Belower Wald eingezäunt hat.

Auf was haben Sie gehofft, Herr Schwarzbaum? Auf die Erlösung? Auf den Tod?

Auf beides. Wir warteten auf den eigenen Tod. Wir warteten auf den Tod der SS. Wir haben uns in einem Unterstand versteckt, und es machte Bababababammm. Immer näher, immer näher. Jetzt passiert es. Eine Bombe ist in einen Luftschutzkeller gefallen, in dem 32 SS-Männer gehaust haben. Das war wenigstens ein Volltreffer in der richtigen Größe und in der richtigen Richtung. Ich habe mich abgetastet. Weil ich dachte, es hat mich getroffen. Es war noch alles dran.

Nach der Befreiung wollten Sie nach Polen zurück, konnten dort aber nicht bleiben. Und sind dann über Umwege nach Berlin. Wie war das für Sie, in das Land der Täter zu kommen, in die Stadt, in der die Vernichtung der Juden geplant wurde?

Wissen Sie, man hat damals auf diese Sachen gar nicht so geachtet. Wir waren ausgehungert. Wir waren kurz vor dem Hungertod. Wir wollten uns etwas zum Anziehen aneignen, organisieren oder auch klauen. In der Situation ist einem schnurzpiepegal, was andere denken. Man denkt nur an sich. Und wenn man freundlich ist, auch an Kameraden.

Sie haben sich dann hier in Berlin ein neues Leben aufgebaut. Sie mussten mit ansehen, dass nur ganz wenige der Täter vor Gericht landeten. Die meisten haben ganz in Ruhe in der Verwaltung, in der Justiz und der Polizei weitergearbeitet. Wie haben Sie das empfunden?

Ich habe gehofft, dass Gerechtigkeit einkehrt. Dass eine Bestrafung kommt. Aber weder das, noch das. Bis heute nicht. Bis heute.

Anfangs schlägt sich Schwarzbaum mit Arbeiten aller Art durch. In einer Gruppe Auschwitz-Überlebender findet er Halt, baut einen Antiquitätenhandel auf, exportiert nach New York. Dorthin reist er in den 50er-Jahren aus. Schwarzbaum erzählt, wie er auf der Überfahrt krank wurde, Sehstörungen bekam. Und wie verloren er sich in Amerika fühlte. „Tja, ich bin zurückgekommen“, sagt Schwarzbaum.

Im Detmolder Prozess gegen den SS-Unterscharführer von Auschwitz, Reinhold Hanning, sind Sie 2016 als Nebenkläger aufgetreten. Sie haben ihn zur Rede gestellt und ihm einen Brief geschrieben. Was wollten Sie ihm mitteilen?

Ich habe ihm mitgeteilt: Sie sind genauso alt wie ich. Nicht die irdische Gerechtigkeit wird Sie bestrafen, sondern die göttliche. Aber reden Sie. Reden Sie darüber, was Sie erlebt haben, was Sie mit Ihren Kameraden gesprochen haben. Denn das ist für die Geschichte wichtig. Er hat nicht geredet. Ein paar Wochen später ist er gestorben.

Die AfD ist die drittstärkste Partei im Bundestag. An der Spitze steht ein Mann, der die NS-Zeit einen Vogelschiss in der deutschen Geschichte nennt.

Das allein müsste mit drakonischen Strafen bestraft werden. Drakonisch. Die Leute, die so etwas behaupten, wissen, dass sie lügen, sie lügen bewusst. Deshalb muss man darüber sprechen, was passiert ist. Täglich.

Was denken Sie darüber, dass so viele Menschen in diesem Land eine solche Partei wählen?

Das ist ja traurig. So fing das mit Adolf Hitler an. Und der Nazi-Partei. Und was hat die Partei angerichtet? Wie viele Tote? Wie viele Verwundete? Wie viel Zerstörung?

Beschäftigt Sie das? Der Gedanke, dass das wiederkehren könnte?

Warum nicht? Warum sollte es nicht wiederkehren können? Ich mache mir Gedanken darüber. Was, wenn die Rechtsradikalen nun ihre Parolen verbreiten und alle sagen, dass es nicht wahr war? Wenn es so weit kommt, dann bleibe ich nicht hier. Dann habe ich hier nichts zu suchen.

Ich bin guter Hoffnung, dass es nicht so weit kommt, dass es genügend Menschen gibt, die genau wissen, was passiert ist.

Ich auch. Aber die Menschen damals waren auch guter Hoffnung. Und doch ist es passiert.