Deutsche Bahn

So arbeitet die Chefin der Berliner Bahnhöfe

Cornelia Kadatz ist Chefin aller Berliner Fernbahnhöfe. Sie leitet Stationen mit Hunderttausenden Fahrgästen.

Für die Managerin der Berliner Fernbahnhöfe, Cornelia Kadatz, gehört ein Rundgang über den Hauptbahnhof zur Morgenroutine.

Für die Managerin der Berliner Fernbahnhöfe, Cornelia Kadatz, gehört ein Rundgang über den Hauptbahnhof zur Morgenroutine.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Mit ein paar Tritten schiebt Cornelia Kadatz das Taschentuch am Boden Richtung Mülleimer. In die Hand nehmen wäre dann doch zu unhygienisch. Ansonsten ist die Bahnhofschefin aber nicht zimperlich. Geht es um ihre Station, legt die Managerin beherzt Hand an, und sei es um den Boden ein bisschen sauberer zu machen. Seit Mai 2019 ist Kadatz Chefin des Berliner Hauptbahnhofs. Anfang Januar hat sie auch die Leitung aller weiteren Fernbahnhöfe der Hauptstadt übernommen. Sie verwaltet seither auch die Stationen Gesundbrunnen, Südkreuz, Ostbahnhof und Spandau, den kommenden Halt am BER sowie den alten Bahnhof Schönefeld. Eine Aufgabe, die von Managern viel Energie verlangt. Aber daran mangelt es Kadatz ohnehin nicht.

Die Schiene gehörte bei der 41-Jährigen schon immer zu ihrem Leben. Ihr Vater war erst in der DDR bei der Reichsbahn und später bei der Deutschen Bahn (DB). Auch sie hat ausschließlich für den Konzern mit dem roten Logo gearbeitet. „Ich bin eine richtige DB-Pflanze.“ Schon ihr Betriebswirtschaftsstudium absolvierte die aus dem Spreewald nahe Königs Wusterhausen stammende Kadatz ab 1998 bei der Bahn.

Zu einer Zeit lange vor „Klimawandel“ und „Flugscham“, als der Konzern noch viel von seinem ehemals angestaubten Image in sich trug. „Ich bin noch vor dem Hype gekommen“, sagt Kadatz. „Aber für mich war die Bahn schon immer hip.“ Nach Stationen in Mainz und Potsdam leitete sie fünf Jahre lang den Hauptbahnhof in Halle an der Saale sowie die Hälfte aller Stationen in Sachsen-Anhalt.

In Berlin ist der „Anspannungsgrad“ größer

Nun also Berlin. Ein ziemlicher Sprung, wie sie selbst zugibt. „Die Aufmerksamkeit und die Relevanz für das System ist größer.“ Es mache einfach einen Unterschied, ob es am Naumburger Bahnhof Einschränkungen durch einen Sturm gibt oder ob das am Berliner Hauptbahnhof passiert. „Da ist der Anspannungsgrad höher.“

Von Glanz und Größe der Hauptstadt ist beim Blick aus ihrem Bürofenster im Hauptbahnhof nichts zu sehen. Zu ihren Füßen graben sich Bagger in die Erde vor dem Humboldthafen. Darunter soll einmal die S-Bahnlinie S21 entlangführen. Kadatz würde ohnehin lieber ins Innere des Bahnhofs blicken. Um noch besser zu sehen, was in ihrem Reich läuft und wo es hakt. Im Regal neben ihrem Schreibtisch liegen nebeneinander drei Kopfbedeckungen: eine rote Bahnermütze, eine Kappe mit der Aufschrift „Bahnhofsmanager“ und ein weißer Bauhelm.

Die drei fassten ihre Aufgaben an den Stationen recht gut zusammen, findet sie. Es seien die unterschiedlichen Hüte, die sie tragen müsse. Zum Teil auch alle gleichzeitig. Die Fallhöhe dazwischen ist enorm. „Manchmal ist es wie geistiges Bungee-Jumping“, sagt Kadatz. „In der einen Minute geht es um die ökologische Verkehrswende der Hauptstadt, in der anderen um Müll auf Bahnsteig 7.“ Vieles davon lässt sich auf einen Satz reduzieren, den Kadatz mit Nachdruck sagt und von dem man merkt, dass sie es ernst meint: „Ich will eine gute Gastgeberin sein.“

318.000 Reisende steigen täglich ein und aus

Dafür steht täglich ein volles Programm an. Wenn sie morgens mit der S-Bahn aus Grünau in die Stadt gefahren kommt, steigt sie für die ersten Unterschriften und Inspektionen öfter schon am Ostbahnhof aus. Ab 7.30 Uhr ist sie in der Regel am Hauptbahnhof. Auch hier beginnt die Arbeit gleich beim Tritt aus der S-Bahn. Wann immer es der Terminkalender erlaubt, startet ihr Dienst mit einem Rundgang durch den Hauptbahnhof. Schauen, was in ihrem Haus los ist.

„Erstmal ‚Guten Tach‘ sagen, und dann sehe ich vielleicht schon, ob eine Fahrtreppe nicht funktioniert.“ Ihr Blick wandert über den Washingtonplatz. Liegt Müll herum? Dann über die Eingangstüren aus Glas. Sind die Scheiben sauber oder muss sie den Putzdienst rufen? Jeder Schritt auf dem Bahnsteig, jede Fahrt auf der Rolltreppe ist auch ein Lagecheck und mitunter mehr wert als manche Statistik. „Was den Kunden auffallen würde, fällt auch mir auf. Das ist keine Raketenwissenschaft, sondern einfach kümmern.“

Auf der Zwischenplattform hält sie kurz inne, betrachtet das Gewusel der Reisenden, lehnt sich übers Geländer, guckt zu den unterirdischen Bahnsteigen und jenen Gleisen zehn Meter über der Erde. Kein gewöhnlicher Arbeitsplatz, auch architektonisch. „Was sich Meinhard von Gerkan da überlegt hat, verfängt auch bei mir jeden Tag, obwohl ich hier Power-Userin bin.“ Sie lacht, wie nach den meisten Sätzen. Ohne Freude geht es nicht, bei allem Ernst, mit dem sie die Aufgaben am Bahnhof angeht.

Zukunftsbahnhof Südkreuz ist „eine Art Livewerkstatt“

Die Aufgaben sind allein ob der Größe der Stationen nicht klein. 318.000 Reisende und Besucher waren vergangenes Jahr täglich am Berliner Hauptbahnhof unterwegs – deutschlandweit die Fünftmeisten. 80 Mieter nutzen den Bau. Am Südkreuz sind täglich 174.000 Personen. Wenn da etwas nicht stimmt, fällt das vielen schnell auf und prägt das Bild vom Bahnhof. Und es läuft nicht alles perfekt. Ein- bis zweimal wöchentlich versucht Kadatz, an die anderen Berliner Fernbahnhöfe zu gehen. „Um mal zu gucken, welche Schwachpunkte mir die Kollegen zeigen. Wir wollen ja besser werden.“

Verbessern ließen sich vor allem die Orientierungshilfen in den Bahnhöfen, so die Managerin. Auch sollen sich die Reisenden wohler fühlen am Hauptbahnhof. „Es geht darum, die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Die Wartebereiche werden von den Kunden noch nicht optimal gefunden.“ (siehe Infokasten) Neue Ideen werden am Südkreuz getestet, einer von 16 „Zukunftsbahnhöfen“ in Deutschland. „Das ist eine Art Livewerkstatt, in der wir Dinge einfach mal ausprobieren können.“ Neben besseren Orientierungshilfen solle auch dort der Aufenthalt angenehmer werden, erklärt sie. „Das Warten ist am Südkreuz auch ein Thema, das mir am Herzen liegt. Da ist auf der S-Bahn-Platte sicher noch das eine oder andere zu verbessern.“

Noch drängender dürften viele der Themen mit Voranschreiten der Verkehrswende werden. Wenn plötzlich doppelt so viele Menschen wie heute täglich an den Bahnhöfen ein- und aussteigen sollen. In einer so großen Stadt wie Berlin seien da die Kapazitäten der weiteren Fernbahnhöfe wichtig, sagt sie. Zentral sei auch dann die Orientierung, nur so könnten die immensen Personenströme gesteuert werden. Angst scheint ihr die wachsende Aufgabe durch die Verkehrswende nicht zu machen. Im Gegenteil, es fühle sich gut an, sagt ­Kadatz. „Wir sind Teil der Themen, die es zu bearbeiten gilt. Wir sind Teil der Lösung.“