Stadtmission

Wie Obdachlose in Berlin für die Jobsuche fit gemacht werden

Die Berliner Stadtmission lädt zum Bewerbungstraining. Der Jobpoint Neukölln bringt 1400 offene Stellen mit.

Anne Klingbeil verpasst Justyna Roszkowska aus Polen ein neues Styling

Anne Klingbeil verpasst Justyna Roszkowska aus Polen ein neues Styling

Foto: lem

Berlin.  Die ersten Bewerbungen von Obdachlosen stehen schon im Internet. Darunter die von David Gardozo, 59 Jahre alt. Er möchte als Kellner in einem Restaurant arbeiten. Justyna Roszkowska (35) würde gern Reinigungskraft sein. Der Portugiese und die Polin gehören zu den 120 Menschen, die derzeit in der Notunterkunft nahe dem S-Bahnhof Frankfurter Allee in Friedrichshain übernachten.

Die Stadtmission hatte die Obdachlosen am Mittwochabend zum Bewerbungstraining eingeladen. Stellenangebote brachten Mitarbeiter des Jobpoints Neukölln mit. Ehrenamtliche Helfer fertigten gemeinsam mit den Obdachlosen Lebensläufe und Bewerbungsschreiben an.

Ein Hauch von Festlichkeit in der Traglufthalle

Die Bilanz: Fünf Obdachlose haben noch am Abend per Mail ihre Bewerbung an ein oder mehrere Unternehmen geschickt, mit Unterstützung des Jobpoints. „Neun weitere haben ihr Bewerbungsprofil erstellt, das auf der Internetseite der Stadtmission erscheint“, sagte Barbara Breuer, Sprecherin der Stadtmission. Sechs Interessierte hätten Gespräche im Bewerbungstraining geführt, aber noch keine Bewerbung erstellt.

Bewerbungsfotos wurden in einem gesonderten Raum gemacht, in dem auch Krawatten und Oberhemden bereit lagen. Zuvor konnten sich die Bewerber frisieren und für das Foto schminken lassen. Ein Spiegel mit verschnörkeltem Rahmen, ein großer Rosenstrauß auf dem Tisch mit Bürsten, Frisierscheren, Pinsel und Rasierapparat brachten einen Hauch von Festlichkeit in die Traglufthalle.

Auch David Gardozo ließ sich frisieren, nach einem Gespräch mit der Helferin Ulla Scharfenberg. „Ich bin hauptberuflich Personalerin und weiß, worauf es bei Bewerbungen ankommt“, sagte sie. Sie hörte aufmerksam zu, als ihr der Portugiese von sich erzählte. Er lebt seit zehn Jahren in Berlin und arbeitete lange für ein Bauunternehmen. Mit dem Lohn unterstützte er seine Ehefrau in Portugal.

Im vergangenen Jahr sei der Firmenchef mitsamt dem Lohn und den Papieren verschwunden, so Cardozo. Er konnte die Miete nicht mehr bezahlen und wurde obdachlos. Wegen gesundheitlicher Probleme könne er keine schwere Arbeit mehr machen, so der 59-Jährige. Aber er würde kochen und kellnern, singe gern, spiele Gitarre und Akkordeon. „Besonders Fado“, sagte er. In der Notunterkunft hat er bereits musiziert.

Sie hört dem Rumänen zu und hilft bei den Formulierungen

Auch der Rumäne Alexandru Ghiurcan ließ sich die Haare für das Bewerbungsfoto schneiden. Zuvor hatte er mit dem Berater des Neuköllner Jobpoints, Hüseyin Kelleci, gesprochen. Er wolle eine Ausbildung als Friseur machen und habe den Schein als Gabelstaplerfahrer, erzählte der 37-Jährige. In Rumänien habe er acht Jahre auf einer Baustelle gearbeitet. Fünf Jahre sei er schon in Deutschland. Er habe einen Job bei einem Online-Händler gehabt, sei aber gekündigt worden.

Vor vier Monaten kam Ghiurcan nach Berlin. Am Mittwochabend erstellte er gemeinsam mit der ehrenamtlichen Helferin Miriam Hartig eine Bewerbung. Die 31 Jahre alte Gemeindepädagogin hatte ihren Laptop mitgebracht. Sie hörte dem Rumänen genau zu und half bei den Formulierungen. „Es ist super, ich bin gern hier“, sagte sie. Sichtlich Freude hatten auch die beiden Lehrerinnen Anne Klingbeil und Marina Zühlke, die das Frisieren und Styling übernommen hatten.

Im Rollstuhl fuhr Saso Klavzar, 45, zu den Ansprechpartnern des Bewerbungstrainings, seinen Hund im Arm. Seit fünf Jahren lebt der Slowene in Berlin. Er habe als Kraftfahrer gearbeitet, erzählte der 45-Jährige. Zwölf Stunden am Tag, für 700 Euro im Monat. Dann habe er einen Schlaganfall gehabt und die Wohnung verloren. Versichert gewesen sei er nicht. Doch er wolle wieder arbeiten, sagte er. „Sonst ist es langweilig.“ Er könne gut deutsch, slowenisch, serbisch, kroatisch und bosnisch sprechen, sagte Klavzar.

Jobpoint-Berater Kelleci riet ihm, sich bei einem Unternehmen zu melden, das für ein Callcenter Mitarbeiter mit dieser sprachlichen Qualifikation braucht, und suchte Adressen heraus. „Wir haben Beratungsangebote und 1400 offene Stellen mitgebracht“, so Hüseyin Kelleci. „Vom Ingenieur bis zum Hilfsarbeiter ist alles dabei.“ Maler, Tischler und Maurer würden im Baubereich gesucht. Auch in der Gastronomie, im Handel und im Pflegebereich seien Arbeitskräfte gefragt. Ausbildungs- und Praktikumsplätze seien zu haben.

Veranstaltung soll wegen der großen Resonanz wiederholt werden

Der Abend sei eine Premiere, sagte Sprecherin Barbara Breuer. Eine solche Aktion habe es in Obdachlosenunterkünften bislang noch nicht gegeben. „Das Bewerbungstraining soll Mut machen. In den Gesprächen merken die Betreffenden, dass sie etwas können und schon etwas geleistet haben im Leben.“ Bis Mitternacht, mit gedimmtem Licht, seien die Gespräche gelaufen, so die Sprecherin. „In einer sehr aufgeschlossenen Atmosphäre. Die Obdachlosen haben selten die Gelegenheit, dass sich jemand Zeit für sie nimmt und aufmerksam zuhört.“

Initiatorin ist die Sozialarbeiterin Jana Grösche. Sie berät vier Mal wöchentlich die Menschen, die in der Notunterkunft übernachten. „Jedesmal kommen bis zu sieben Menschen, die mich fragen, wie sie eine Arbeit finden können“, sagte die 27-Jährige. Da sei ihr die Idee für das Bewerbungstraining mit Experten in der Unterkunft gekommen. Wegen der großen Resonanz soll die Veranstaltung wiederholt werden.

Infos für Unternehmen, die bereit sind, Obdachlose zu beschäftigen, unter www.berliner-stadtmission.de/obdachlos-bewerben.