Technoparade

Dr. Motte will neue Loveparade nach Berlin holen

Die Neuauflage soll an den früheren, unkommerziellen Geist des Raves anknüpfen. Die Berliner Clubkultur soll Weltkulturerbe werden.

Was seit der Loveparade-Tragödie geschah
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  • Dr. Motte plant eine Neuauflage der legendären Loveparade in Berlin.
  • Dr. Motte und sein Team will für die neue Loveparade mit der gemeinnützigen GmbH „Rave the Planet“ Spenden sammeln.
  • Die Loveparade in Berlin soll wie zu ihren Anfängen nicht kommerziell sind, sondern eine Parade der Liebe.
  • Die Idee entstand laut Dr. Motte aus einer "Energie der Empörung" heraus, weil die Techno-Szene verdrängt werde.
  • Bis Mittwochnachmittag beteiligten sich etwa 3500 Personen an dem "Fundraving".

Berlin. Dr. Motte hätte sich keinen passenderen Ort für seinen Auftritt aussuchen können. Wo einst im Tresorraum des Kaufhauses Wertheim die Berliner Technoszene in den Boden getanzt wurde, steht heute einer der größten Konsumtempel der Stadt: die Mall of Berlin. Laut der Berliner DJ-Legende, die mit bürgerlichem Namen Matthias Roeingh heißt, ein guter Ort, um der Verdrängung der Clubs den Kampf anzusagen. Dafür hat Motte die Initiative „Rave the Planet“ gegründet, will Spenden sammeln und nebenbei die Loveparade wieder auferstehen lassen. Aber der Reihe nach.

Es ist kurz nach 11 Uhr, als Dr. Motte in einer leerstehenden Ladenfläche zwischen einem Unterwäsche- und einem Schuhladen vor die Journalisten tritt – in knalllila Kappe und knallgelbem Pulli mit der Aufschrift: Make Love Great Again. Was folgt, ist ein Lobgesang auf die Technoszene, die in seiner Darstellung vor allem von Liebe, Freiheit und Bässen lebte. Und ein Klagelied über die Verdrängung, über unsinnige Behördenauflagen und Kommerz.

„Wie kann es sein, dass eine Kultur, gerne auch Kreativwirtschaft genannt, sich über drei Jahrzehnte entwickelt hat und für einen jährlichen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro allein in Berlin sorgt, keine ausreichende Bedeutung zugemessen wird, um Bestandsschutz zu erhalten?“, fragt Motte.

Neue Loveparade in Berlin? Rave the Planet will Veranstaltung mit Spenden finanzieren

Aus dieser Frage hat sich laut Motte eine „Energie der Empörung“ entwickelt, mit der er und „Rave the Planet“ nun zurückschlagen. Die Idee: Rave the Planet möchte die Loveparade nach Berlin zurückholen. Und zwar nach dem Vorbild der eigenen Ursprünge: unkommerziell, als eine Demonstration der Liebe. Finanziert werden soll das Projekt per Fundraising – oder wie Dr. Motte es nennt: Fundraving.

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Und das funktioniert so: Im Atrium der Mall of Berlin steht ab Montag die Straße des 17. Juni. Maßstab 1:87, von Ernst-Reuter-Platz über Siegessäule bis zum Brandenburger Tor. Das soll so etwas wie der Inkubator für die Wiedergeburt der legendären Technoparade werden, die Dr. Motte nach dem Unglück von Duisburg mit 21 Toten für erledigt erklärt hatte. Nun sagt er: „Seit Jahren häufen sich die Fragen an mich, wann kommt die Loveparade zurück. Die Sehnsucht scheint riesig zu sein.“

Die Menschen da draußen sollen nun entscheiden, ob sie eine neue Loveparade wollen. Über einen Online-Shop kann sich jeder eine Miniaturfigur kaufen und um die kleine Siegessäule in der Mall aufstellen. Mindestspende sind fünf Euro für einen Standard-Miniraver. Wer sich die Auferstehung der Loveparade mehr kosten lassen will, kann Bäume, Laternen oder einen Techno-Wagen kaufen. Ziel laut Dr. Motte: 1,5 Millionen Modell-Raver.

Bis Mittwochnachmittag hätten sich 3500 Menschen an dem Spendenaufruf beteiligt, wie es auf der Website hieß. Einige der Miniraver waren demnach ausverkauft, darunter die Modelle "Techno Bert", "Goa Gerry" oder "Love Loius". Freigeschaltet in dem Onlineshop waren zunächst auch als "Specials" bezeichnete Bäume oder Dixi-Klos für jeweils 250 Euro.

Techno in Berlin: Dr. Motte will die Clubkultur retten

Aus dem Fundraising soll noch ein anderes Vorhaben von „Rave the Planet“ bezahlt werden: die Verteidigung der Clubkultur. Die gemeinnützige GmbH, in der neben Dr. Motte auch der Geschäftsführer des DDR-Museums, Quirin Graf Adelmann, oder der Mann hinter der interaktiven Ausstellung „Nineties Berlin“, Matthias Keminsky, fungieren, will dabei helfen, Clubs vor der Verdrängung zu bewahren.

Und: Die Berliner Clubkultur soll einen Eintrag als „immaterielles Weltkulturerbe“ der Unesco bekommen. Man habe zwar noch keine Antrag eingereicht, arbeite aber seit einiger Zeit daran. Der Idee kann der clubpolitische Sprecher der Grünen, Georg Köster, durchaus etwas abgewinnen. „Es klingt erstmal nach einer verrückten Idee, aber genau solche Ideen haben Berlin bisher verändert“, sagt Köster. Und verrät, dass die Koalitionsfraktion unabhängig von „Rave the Planet“ an einem Antrag arbeitet, der Clubs offiziell zu Kulturstätten machen soll. Florian Kluckert von der FDP hält die Aktion von Dr. Motte für einen „PR-Gag“, der aber auf das echte Problem der Verdrängung hinweise.

Von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hieß es zwar: „Techno gehört zu Berlin wie Currywurst.“ Von den Kulturerbe-Ambitionen wusste man in seiner Verwaltung bis Montagmorgen aber nichts. Ob genügend Geld für die neue Loveparade zusammenkommt, kann man nun in der Mall of Berlin überprüfen. Dr. Motte will 1,5 Millionen Mini-Raver in die Mall bringen. Und dann den „Feiertag der elektronischen Tanzmusik“ mit jährlicher Tanzparade ausrufen

Hintergrund: Der neue Berliner Biedermeier bedroht die Musik-Szene

Die Loveparade und Dr. Motte

  • Dr. Motte hatte vor gut 30 Jahren die Loveparade in Berlin gegründet. 150 Technofans tanzten damals 1989 unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ auf dem Kurfürstendamm.
  • Später wurde daraus ein Millionenspektakel. Nach Angaben der Veranstalter tanzten 1999 1,5 Millionen Menschen im Tiergarten.
  • 2001 wurde der Loveparade der Demonstrationsstatus aberkannt, sie wurde fortan als kommerzielles Event eingestuft.
  • 2006 brachte sie der neue Veranstalter Lopavent zurück auf die Straße des 17. Juni. Lopavent hat bis heute die Namensrechte.
  • Ab 2007 wurde dann in verschiedenen Städten in Nordrhein-Westfalen geraved.
  • 2010 kam es in Duisburg zu einer Massenpanik mit 21 Toten.
  • Seit 2015 gibt es in Berlin wieder ein Technoparade: den Zug der Liebe.