Pläne vorgestellt

600 Millionen Euro: Siemensstadt "wie eine Stadtgründung"

Der Konzern Siemens will bis zu 600 Millionen Euro in Spandau investieren. Bereits 2022 sollen die Bauarbeiten beginnen.

Siemensstadt 2.0: Eine Simulation zeigt erste Gebäude.

Siemensstadt 2.0: Eine Simulation zeigt erste Gebäude.

Foto: Siemens AG

  • Siemens baut in Berlin das Großprojekt Siemensstadt 2.0. Nun erläutert Architekt Markus Penell die Pläne für den Siemens-Campus. Und warum sich das Büro für ein 150-Meter-Hochhaus entschieden hat.
  • Der Siegerentwurf des Wettbewerbs wurde am Mittwochabend vorgestellt. Er stammt vom Architekturbüro Ortner und Ortner Baukunst
  • Die Siemensstadt 2.0 soll eine Mischung aus Gebäuden und Freiflächen für Wohnen, Arbeiten, Forschung und Freiflächen werden.
  • Siemens plant Hochhaus: Zentraler Punkt des 70 Hektar großen Areals soll ein Hochhaus sein, geplant ist auch eine Schule. Historische Gebäude werden erhalten.
  • Siemens hatte Ende 2018 angekündigt, bis zu 600 Millionen Euro in Spandau zu investieren, wo der Konzern seinen größten deutschen Produktionsstandort mit 11.500 Beschäftigten hat. Im Zuge des riesigen Immobilienprojekts soll auf einer Fläche, die 100 Fußballfeldern entspricht, eine zukunftsorientierte „Smart City“ entstehen.
  • Im Gegenzug will der Senat auf der stillgelegten Siemensbahn wieder S-Bahn-Züge fahren lassen.

Die Bandbreite, die die Siemensstadt 2.0 umfassen soll, ist groß: Denkmalgeschützte historische Gebäude prägen das Areal, gleichzeitig soll es zu einem Forschungsfeld für die Stadt der Zukunft werden. Die Planer wollen viel Grün bieten, aber auch große, offene Plätze. Und nicht zuletzt sollen Wohnen, Produktion, Lernen und Wissenschaft auf dem Innovationscampus verknüpft werden. „Die Hoffnung liegt in der Mischung“, sagt Markus Penell. Sie solle dazu führen, dass sich „eine Unerwartbarkeit entwickelt, die wir an der Stadt so schätzen“.

Penell vom Berliner Büro Ortner & Ortner Baukunst hat als verantwortlicher Architekt den Entwurf für den Siemens-Innovationscampus in Spandau entwickelt, der sich am Mittwoch beim städtebaulichen Wettbewerb durchgesetzt hat. Die Jury sah darin eine gute Grundlage, um eine neue Wohn- und Arbeitsstadt zu entwickeln. Penell will mit dem Entwurf Urbanität in die in die Jahre gekommene Siemensstadt bringen. „Die Siedlungen im Umfeld erzeugen kein städtisches Ambiente“, sagt er. Es würden dort auch öffentliche, kulturelle Räume fehlen. „Insofern ist das wie eine Stadtgründung zu verstehen“, so Penell.

Siemensstadt 2.0: Wohnungsbau im Norden, Gewerbe im Süden

Die neue Siemensstadt setzt sich für Penell aus verschiedenen Feldern mit unterschiedlichen Nutzungen zusammen. „Es sind eigentlich einzelne kleine Stadtquartiere, die sich zu einem Ganzen zusammensetzen“, sagt Penell. So ist im Norden des 70 Hektar großen Areals klassischer Wohnungsbau geplant, wohingegen südlich der Nonnendammallee, neben dem Dynamowerk, Gewerbe dominieren soll. Dazwischen soll es eine größere Vielfalt bei der Nutzung geben. Das fängt schon bei dem großen Verwaltungsgebäude an, Penell nennt es „das alte Siemens-Schlösschen“.

Auch dort sollen künftig Menschen leben, altersgerechtes Wohnen sei vorstellbar. In die Innenhöfe könnten Restaurants einziehen und in die Erdgeschosse Cafés oder Bistros. In den oberen Stockwerken stellen sich die Planer weiter eine gewerbliche Nutzung vor.

Weiter in Richtung Zentrum des Areals zieht sich der „Siemensstrip“, eine Allee mit vielen Bäumen und Sitzmöglichkeiten. Auf der einen Seite liegen der neue Schulstandort, ein Hotel und weitere Wohnhäuser. Auf der anderen Seite befindet sich das Schaltwerk, das künftig auch von Start-ups und einem weiteren Hotel genutzt werden und einen Gartenhof bekommen soll. Es folgen der zentrale große Stadtplatz und das angrenzende Hochhaus, bis zum Schluss ein Streitpunkt unter den Juroren des städtebaulichen Wettbewerbs. Siemens befürchte, dass dieses „als nicht zeitgemäßes Symbol eines internationalen Konzerns interpretiert werden könnte“.

Für Penell bildet das bis zu 150 Meter hohe Gebäude das Gegenstück zu den prägenden historischen Bauwerken. Es gebe, sagt er, in der Siemensstadt 1.0 großartige Gebäude. „Das wäre eine adäquate Fortschreibung in die Zukunft.“ Für das Hochhaus ist eine gemischte Nutzung vorgesehen, darunter zu 30 Prozent Wohnungen. Die obersten 30 Meter sollen öffentlich sein. „Es wäre das richtige Signal, das als kulturellen, öffentlichen Motor zu präsentieren“, sagt Penell.

Quartiersinterner Shuttle soll durch die Siemensstadt fahren

Im westlichen Bereich des Areals sieht der Entwurf weitere Flächen für Büros, Start-ups und Gewerbe sowie Industrie und Forschung vor. Wie Siemens betont, hätten sich schon jetzt, lange vor dem eigentlichen Baubeginn, zahlreiche Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammengefunden, die gemeinsamen forschen, testen und produzieren wollen. „Diese Vielfalt schafft einen Ort voller Ideen und vereint Gründerspirit und Innovationsgeist“, sagt ein Sprecher.

Innovativ werden soll das Quartier vor allem auch durch seine Energie- und Mobilitätskonzepte. Dass ein Areal von dieser Größe CO2-frei betrieben werden soll, sei ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Penell. Im Inneren ist es weitestgehend autofrei konzipiert. An den Quartierseingängen, wo Gebäude mit bis zu 60 Meter Höhe vorgesehen sind, soll es Mobilitätshubs geben, mit Parkplätzen, Car- und E-Bike-Sharing, Wartungs- und E-Ladestationen.

Zugleich sollen sich dort die Bahnhöfe für den internen Quartiersshuttle und die Umschlagplätze für Warenlieferungen befinden, so Penell. Man sei, sagt der Architekt, aber nicht festgelegt auf eine Mobilität, sondern wolle in dem Quartier weiter forschen. Denn wenn man das nicht auf einem Gelände wie dem Innovationscampus mache, wo dann.

Durchgesetzt gegen 16 andere Bewerber

Der Siemens-Campus an der Nonnendammallee wird nach dem Entwurf des Büros Ortner und Ortner Baukunst und der Landschaftsarchitekten Capatti staubach errichtet. Die Berliner Planer setzten sich im städtebaulichen Wettbewerb zur Gestaltung der Siemensstadt 2.0 gegen 16 andere Bewerber durch. Der Jury-Vorsitzende Stefan Behnisch lobte die hohe städtebauliche Qualität der Ideen für die Zukunft der 70 Hektar, die bisher noch ein geschlossenes Industrieareal darstellen.

Besonderheit des Entwurfs ist ein Hochhaus, das auf dem Areal westlich der historischen Konzernrepräsentanz und des Schaltwerk-Hochhauses 150 Meter in die Höhe wachsen soll. Daneben sollen 60 Meter hohe Gebäude den zentralen Stadtplatz des neuen Quartiers säumen. „Das Hochhaus war der größte Problempunkt in den Debatten der Jury“, sagte Behnisch. Der Entwurf habe trotz des Hochhauses gewonnen. „Siemens wollte sich nicht über ein Hochhaus charakterisieren.“ Letztlich ließen sich die Manager um den in Berlin geborenen Konzernvorstand Cedrik Neike von der Qualität des Plans für ihren Campus überzeugen, in den allein Siemens in den kommenden Jahren 600 Millionen Euro investieren will.

Entwurf für Siemensstadt 2.0 lasse Raum für eine notwendige Entwicklung

So fiel das Votum am Ende einstimmig aus. Der Entwurf bilde „kein fertiges Bild“, sondern lasse Raum für eine notwendige Entwicklung, sagte der Jury-Vorsitzende. Es werde keine festen Achsen und lange Straßen geben, sondern unterschiedlich große Freiräume. Die bestehenden Schaltwerkshallen sind für eine kulturelle und öffentliche Nutzung vorgesehen. Das historische Schaltwerkshochhaus wird neben Büros auch Wohnungen und ein Hotel aufnehmen. Insgesamt werden auf dem Areal 2750 Wohnungen entstehen. Auch Kitas und eine Schule sind geplant.

Gewerbe und Büros sollen auf 420.000 Quadratmetern Räume finden. Siemens-Vorstand Neike, der in der Siemensstadt seine Ausbildung absolviert hatte, sprach von einem Meilenstein. „Ich bin stolz, begeistert und etwas ehrfürchtig“, sagte der Manager. Man habe hart gearbeitet, „damit der Kopf des Vorstandes und das Herz des Berliners zusammenfinden.“ Das Ergebnis habe ihn überzeugt. „Wir wollten ein sichtbares Signal setzen, dass wir diese Siemensstadt in die Zukunft mitnehmen können.“

Lesen Sie auch: Siemens-Campus - 2750 Wohnungen sollen entstehen

Siemens-Campus in Spandau: 50 Experten haben der Jury zugearbeitet

Neike hob die gute Zusammenarbeit mit dem Senat und dem Bezirk Spandau hervor. Berlin sei nicht langsam. „Dieses Jahrhundertprojekt hat das Gegenteil bewiesen“, sagte Neike. 2022 sollen die ersten Bauarbeiten beginnen, bis 2030 soll der neue Stadtteil fertig sein.

Begonnen wird mit den Bauarbeiten auf dem Teil des Geländes, der nördlich der Konzernrepräsentanz liegt. Zu den ersten Gebäuden soll auch die Schule gehören, die nach Angaben von Spandaus Bürgermeister Helmut Kleebank (SPD) eine Europaschule mit Schwerpunkt Englisch werden soll.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) nannte es eine wesentliche Aufgabe des Senats, auch Orte für wirtschaftliche Tätigkeit in der Stadt weiter zu entwickeln. „Wir brauchen auch dafür Räume und die Siemensstadt spielt dabei eine herausragende Rolle“, sagte Müller.

Ein ehemals geschlossener Industriestadtteil, der sich nicht öffnen wollte, lädt jetzt ein, beschrieb Müller die Vision. Man habe „Respekt vor der Geschichte, gleichzeitig wolle man die Chance nutzen, in die Zukunft zu schauen. Er lobte die konstruktive Arbeit in der Jury, der auch noch 50 Experten zugearbeitet haben. Nun wolle man an der Geschwindigkeit bei der Umsetzung des Siemens-Campus festhalten.

Kommentar: Siemensstadt 2.0. taugt als Vorbild für andere Projekte

Siemens-Gelände bislang ein umzäuntes Areal - das soll sich ändern

Wenn die Pläne für einen entscheidenden Berliner Zukunftsort, der Spandauer Siemensstadt, präsentiert werden, dann geht das nicht ohne Spektakel. Unter lauter Musik öffnet sich eine Leinwand. Ein Modell des Siegerentwurfs fährt durch die Mitte nach vorne. Lichter blinken hell. Doch der technische Aufwand fordert auch seinen Tribut. „Sie werden es wahrscheinlich nur bemerken, wenn Sie in der Jury saßen, aber es sind zwei Gebäude abgefallen“, sagte Cedrik Neike, Vorstandsmitglied der Siemens AG. Eines davon: ein markantes Hochhaus, das bis zuletzt Streitpunkt unter den Juroren war. Und dessen genaue Position wohl auch weiter diskutiert werden wird. Was Neike mit Blick auf das umfallende Gebäude in jedem Fall versprach: Tatsächlich gebaut werden soll besser.

Rund 300 Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Medien waren am Mittwochabend in das Verwaltungsgebäude von Siemens gekommen, um den Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbs zu sehen. In dem Gebäude, das vor knapp 100 Jahren eröffnet wurde, befanden sich einmal die Büros von Carl Friedrich von Siemens, Arnold von Siemens und Wilhelm von Siemens. Dort haben die drei alle wichtigen finanz-, investitions- und unternehmenspolitischen Entscheidungen getroffen. An diesem Mittwoch nun ging es dort, in der repräsentativen Mosaikhalle, erneut um wichtige Entscheidungen.

Bis jetzt ist das Siemens-Gelände ein in großen Teilen umzäuntes Areal, für die Öffentlichkeit ist es kaum zugänglich. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern. „Das Besondere ist für uns alle, die wir daran arbeiten, dass sich hier ein ehemals geschlossenes Konzept, ein Industrie- und Produktionsstandort, zur Stadt öffnet“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Zwei Tage lang hatte die Jury diskutiert über die 17 Entwürfe, die Architektenbüros eingereicht hatten, diskutiert, Bauklötze, die Häuser symbolisierten, wurden hin und hergeschoben. Am Ende setzte sich das Berliner Büro Ortner Ortner Baukunst durch.

Lesen Sie auch: Studie zu Siemensbahn-Verlängerung ausgeschrieben

Grundidee des Ortsteils soll bewahrt werden

„Es war aufregend“, sagte Neike, für den die Karriere selbst in der Siemensstadt begonnen hatte: Nach seiner Schulzeit absolvierte er hier eine Ausbildung. Als er nach längerer Abwesenheit zurückgekommen sei, habe sich nur wenig verändert gehabt. Umso mehr soll in den kommenden Jahren passieren. „Wir wollen ein sichtbares Signal senden, dass wir diese Siemensstadt verändern“, sagte Neike. Es solle, so erklärte er weiter, die Grundidee des Ortsteils bewahrt werden, was heißt, Arbeiten und Wohnen zu verbinden. Gleichzeitig soll die Zukunft gestaltet werden. Siemens wolle die nächsten 100 Jahre den Ortsteil prägen, das Produzieren beibehalten, aber auch Neues schaffen. Das geschieht etwa mit dem geplanten Hochhaus, aber auch offenen Flächen und Stadtplätzen.

Zu vielem von dem, was in der Siemensstadt in den kommenden zehn Jahren entstehen soll, gab es im Vorfeld des Wettbewerbs bereits Vorgaben. Die Auslobungsunterlagen umfassten mehr als 200 Seiten, in denen es etwa um den Umgang mit den Bestandgebäuden, aber auch um Themen wie Mobilität, Grünflächen und Energieeffizienz ging. Und auch die Hinweise von Bürgern sollten berücksichtigt werden: Im vergangenen Sommer wurden auch Anwohner, Siemens-Mitarbeiter und weitere Interessierte zu ihren Ideen für den Campus befragt. Die Antworten sollten den am städtebaulichen Wettbewerb teilnehmenden Architekten und dem Preisgericht als „Empfehlungspapier an die Hand gegeben“ werden.

So stand bereits fest, dass zahlreiche Flächen für soziale Einrichtungen eingeplant werden müssen: Kitas mit Platz für 300 Kinder sowie eine Grundschule mit 580 Plätzen sollen entstehen. Der Schulstandort befinde sich an sehr prominenter Stelle, sagte Spandaus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD), geplant ist sie in einem Gebiet nördlich des Verwaltungsgebäudes. „Es soll eine Europaschule mit dem Schwerpunkt Englisch werden“, so Kleebank weiter. Zudem solle deren Bau zu den ersten Arbeiten am Siemens-Campus gehören. Deren Beginn ist für 2022 vorgesehen.

Daneben sollen eine Jugendfreizeiteinrichtung, ein Standort für den regionalen sozialpädagogischen Dienst des Spandauer Jugendamts und ein Seniorenclub einplant werden. Auch eine öffentliche Stadtteilbibliothek und eine Galerie für Kunstausstellungen sind auf dem Areal vorgesehen. Für Büros und Gewerbe sollen rund 420.000 Quadratmeter, also 42 Hektar Geschossfläche, zur Verfügung stehen

Siegerentwurf wird für die Öffentlichkeit ausgestellt

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) betonte, die Jury habe sich für ein Projekt entschieden „mit Respekt vor der Siemensstadt 1.0“. Die verschiedenen Elemente zwischen Wohnareal und industrieller Produktion würden in diesem Entwurf eine Gesamteinheit bilden. „Dieser Entwurf bietet enorm viele Anknüpfungspunkte, für die Schritte, die wir nun machen wollen, um wirklich loszulegen“, sagte die Senatorin. Kurz vor Weihnachten hatte Lompscher den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan für das Areal gefasst, um den Industriestandort mit den Bauvorhaben in das Zukunftsquartier Siemensstadt 2.0 zu wandeln.

Über die ersten Planungen für den Campus können sich die Bürger demnächst einen Eindruck verschaffen. In den nächsten Tagen will Siemens den Siegerentwurf in der Mosaikhalle ausstellen. Voraussichtlich ab Februar soll sich ein hochbaulicher Wettbewerb anschließen, bei dem die Pläne aus dem Siegerentwurf konkretisiert werden.