Interview

Bauindustrieverband Ost: „Das Bauen wird immer politischer“

Robert Momberg, Chef des Bauindustrieverbands Ost, über Schwierigkeiten der Branche mit dem Senat und Folgen des Mietendeckels.

Der promovierte Volkswirt Robert Momberg ist seit 2018 Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Ost.

Der promovierte Volkswirt Robert Momberg ist seit 2018 Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Ost.

Foto: Reto Klar

Berlin. Das Tischtuch zwischen Bauunternehmen und dem Berliner Senat ist zerschnitten, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbands Ost, der auch für die Region Berlin-Brandenburg zuständig ist. Welche Folgen das für geplante Investitionen in Berlin haben könnte, erklärt der Verbandschef im Interview mit der Berliner Morgenpost.

Wie schaut die Bauwirtschaft derzeit auf den Standort Berlin?

Robert Momberg: Der Blick auf die Politik ist mit sehr viel Skepsis verbunden. Man weiß nicht so richtig, was das Bauen in Berlin in Zukunft mit sich bringen wird. Ökonomisch, also mit Blick auf die reine Bau-Produktion, sieht es in Berlin im Moment gut aus. Es gibt aber erste Anzeichen einer bevorstehenden Eintrübung. Auffällig ist, dass eine ähnliche Entwicklung in anderen Bundesländern nicht oder nur kaum zu sehen ist. Für mich hängt das klar mit dem hiesigen Kurs der Politik zusammen.

Mit Stand September ist der Auftragseingang bei den Berliner Baufirmen innerhalb eines Jahres deutlich gesunken. Woran liegt das?

Die Debatten in den letzten Monaten um eine Enteignung von großen Wohnungsunternehmen und die zuletzt gefassten Beschlüsse zum Mietendeckel führen zu Unsicherheiten. Investoren halten sich nun erstmal zurück. Das haben unsere Unternehmen bereits gemerkt. Die Berliner Zahlen sind aus meiner Sicht dramatisch und so in anderen Bundesländern nicht zu verzeichnen: Allein im September gingen bei den Berliner Baufirmen für die Errichtung neuer Wohnungen 13 Prozent weniger Aufträge ein als noch im gleichen Monat des Vorjahres. Vor dem Hintergrund der Diskussion um den Mietendeckel überrascht mich das nicht.

Der Mietendeckel nimmt den Neubau aber ausdrücklich aus. Das scheint bei den Investoren nicht angekommen zu sein.

Wir beobachten, dass es in der Berliner Politik keine Kontinuität und keine Verlässlichkeit gibt. Wir wissen also nie ganz genau, welche „Sau“ in der nächsten Woche wieder durch die Stadt getrieben wird. Insofern ist es verständlich, dass Unternehmen – und das obwohl der Neubau ausgenommen ist – zunächst sehr vorsichtig sind. Hinzu kommt, dass der beschlossene Gesetzentwurf des Mietendeckels ja auch eine Evaluierung nach einiger Zeit beinhaltet. Welche Folgen dieser Schritt haben könnte, ist unklar. Aber, wenn aus Sicht von Rot-Rot-Grün Nachbesserungsbedarf besteht, könnten plötzlich ja auch Neubauten miteinbezogen werden. Und auch Neubauten sind irgendwann mal alt. Das sind Unsicherheiten, die sich nur wenige Unternehmer leisten wollen und können.

Wie sehr schadet der Mietendeckel der Bauwirtschaft?

Schon mit Blick auf den nahenden Beschluss des Mietendeckels waren die Genehmigungen im zweiten und dritten Quartal dieses Jahres, was Umbauten und Modernisierungen betrifft, stark zurückgegangen. Ausgehend von diesen Statistiken haben wir berechnet, dass Berlin und damit auch den Firmen jedes Jahr Bauumsatz in Höhe von mindestens einer dreiviertel Milliarde Euro verloren geht. In Summe sind das 10.000 Beschäftigte, die dadurch direkt gefährdet und nicht finanziert werden können, die Hälfte davon im Baugewerbe. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um Beschäftigte in unterschiedlichen Branchen, die zum Beispiel bislang von dem Kaufkraftzufluss profitierten, etwa über Bauarbeiter, die beim Bäcker ihre Brötchen kauften. Aus meiner Sicht ist das unverantwortlich. Was wir übrigens noch nicht mit einberechnet haben, sind Verluste, die entstehen, weil sich Investoren aus Berlin zurückziehen und keine Wohnungen mehr entstehen.

Sie hatten vor einem Jahr einen Schulterschluss zwischen Bauwirtschaft und Politik gefordert. Wie ist das Verhältnis momentan? Ein großes Bekenntnis gab es ja nicht…

Ich würde sogar noch weiter gehen: Es gab nicht nur keinen Schulterschluss, sondern Bauwirtschaft und Politik sind noch weiter auseinandergerückt. Wir haben das ganze Jahr über Gespräche mit dem Senat geführt. Unser Gefühl ist eher, dass man auf die Expertise der Bauwirtschaft gegenwärtig wenig Wert legt.

Was bedeutet das für das vom Senat ausgerufene „Jahrzehnt der Investitionen“, mit dem der Senat sein milliardenschweres Investitionsprogramm in Infrastruktur und Schulen betitelt hat?

Das muss man abwarten. Aber, wenn man nicht versucht, etwas mit der Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Kräften zusammen auf den Weg zu bringen, kann das nur scheitern. Das liegt nicht daran, dass die Unternehmen in irgendeiner Weise bockbeinig sind. Aber am Ende rechnen die Firmen natürlich durch, ob sich Aufträge lohnen. Das trifft auf öffentliche Aufträge in Berlin leider nicht immer zu.

Wie haben sich die öffentlichen Aufträge im Bestand der Berliner Bauunternehmen entwickelt?

Im Straßenbau- und Hochbau-Bereich in Berlin ist die Entwicklung eher zurückgegangen. Das ist zwar nicht dramatisch negativ, aber in Zeiten, wo überall gebaut wird und überall viele Mittel da sind, muss man sich schon die Frage stellen, warum die zur Verfügung stehenden Mittel nicht verbaut werden. Aus unserer Sicht liegen die Antworten in den politischen Entscheidungen, aber auch in der Administration.

Macht es das jüngst novellierte Berliner Vergabegesetz besser?

Das Bauen wird immer politischer. Dem Senat kommt es offenbar nicht darauf an, die besten Rahmenbedingungen zu schaffen, um öffentliche Aufträge möglichst schnell und kostengünstig abzuarbeiten. Wichtig sind dem Senat hingegen vor allem politische Komponenten, die jede Partei ideologisch umsetzen will, in den Vergabeprozess zu integrieren. Wir lehnen die politischen Ziele, also etwa Frauenförderung oder ökologische Kriterien, ja nicht ab, aber sie gehören nicht in ein Vergabegesetz. Als Folge sind unsere Unternehmen immer weniger bereit, für öffentliche Bauherren zu bauen. Der Blick in andere Bundesländer hätte da gut getan. Sachsen und Nordrhein-Westfalen haben zuletzt gezeigt, wie schlanke Vergabegesetze aussehen können.

Klima- und Umweltschutz spielt nicht nur innerhalb des Senats eine Rolle. Wie sieht es damit auf den Baustellen und innerhalb der Bauunternehmen aus?

Bauen wird gemeinhin mit Dreck und Lärm assoziiert. Umweltschutz steht demnach auch nicht im Vordergrund. Es ist aber genau die richtige Zeit, dass sich die Bauwirtschaft auch damit beschäftigt, nach vorne schaut und Umwelt- sowie Klimaschutz in den Blick nimmt. Ein Beispiel ist, dass Bauunternehmen immer mehr dazu übergehen, auch an ihren jeweiligen Firmensitzen Ladesäulen für Elektrofahrzeuge zu bauen und dort – wo es geht – klimaschonendere Fahrzeuge und Baumaschinen anzuschaffen.

Gibt es Zielvorgaben für die Bauwirtschaft was die Reduktion des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes angeht?

Für einzelne Branchen gibt es die nicht. Die Bauwirtschaft wird so gut wie möglich versuchen, sich in den Prozess miteinzubringen. Das ist aber auch nicht ganz so einfach. Einen Bagger oder Schwerlasttransport wird man mit einem Elektroantrieb kaum wirtschaftlich betreiben können. Sich dabei nur auf den Antrieb der Baufahrzeuge zu fokussieren, wäre ohnehin nicht richtig. Im Bereich Baumaterialien ist mit Blick auf Klima- und Umweltschutz viel mehr möglich. Ein Beispiel ist Carbon-Beton. Das ist Beton, der mit Kohlefaser-Elementen bewehrt wird, was dazu führt, dass für die Herstellung letztlich weniger Beton nötig ist. Die Baustoff-Forschung ist also bereit, ihren Beitrag zu leisten.

Wie steht es um die Digitalisierung oder Drohnen auf Baustellen?

Das neue Bauen nimmt gerade so richtig Fahrt auf. Im Bereich Building Information Modeling, kurz BIM, sind die Unternehmen bereits große praktische Schritte gegangen. Auch über viele weitere Wege wird versucht, das Thema Digitalisierung und Innovationen einzubringen und dadurch dem Bau auch zu größeren Produktivitätsfortschritten zu verhelfen. Drohnen sind ein Beispiel. Unternehmen machen mit dem fliegenden Helfern zum Beispiel Bauwerkserkundungen. Auch der 3D-Druck nimmt weiter zu. In China wurden mit der Technik bereits erste Brücken errichtet. Es geht aber auch um Logistik oder digitale Arbeitszeiterfassung. Dass diese Entwicklungen innerhalb der Bauindustrie angekommen sind, sieht man auch daran, dass sich neben den großen etablierten Baumessen auch kleinere Events entwickelt haben. Dort stehen dann vor allem Bau-Start-ups im Vordergrund. Der Durchbruch für die Digitalisierung im Bauen steht unmittelbar bevor.

Ist der Standort Berlin mit Blick auf Start-ups in der Bauwirtschaft ähnlich bedeutend wie für die restlichen Branchen?

Ja, als Plattform in jedem Fall. Es sieht so aus, als würde sich hier gerade eine Art Zentrum für Innovationen auf dem Bau entwickeln.

Kann Digitalisierung dazu führen, dass sich der Fachkräftemarkt entspannt?

Möglicherweise werden digitale Innovationen dazu führen, dass Unternehmen langfristig mit weniger Arbeitskräften auskommen. Der Fachkräftemangel könnte sich dadurch perspektivisch leicht entspannen. Wir sehen aber auch, dass sich neue Berufsbilder entwickeln. Das Thema Digitalisierung treibt die Branche gerade sehr stark an. Unternehmen, die diese Herausforderung annehmen, haben eine Zukunft. Wer diesen Zug jetzt verpasst, könnte sich perspektivisch vom Markt verabschieden.

In diesem Jahr haben die Berliner Bauunternehmen erneut mehr Menschen eingestellt. Führt der Fachkräftemangel dazu, dass die Firmen saisonbedingt weniger Mitarbeiter entlassen?

In den ersten neun Monaten gab es ein Beschäftigtenwachstum in der Berliner Bauwirtschaft um acht Prozent. Die Branche ist also noch in der Lage Kapazitäten aufzubauen. Bisher sind die Unternehmen immer davon ausgegangen, dass Winter ist. Daraufhin haben die Firmen ihre Bau-Produktion ausgerichtet, also gewissermaßen neun Monate zu funktionieren und dann drei Monate etwas herunterzufahren. Bislang ist es häufig so gewesen, dass Mitarbeiter dann auch freigestellt wurden. Aber den Winter gibt es ja offenbar gar nicht mehr so richtig. Unsere Unternehmen überlegen jetzt, wie sie damit umgehen. Mittlerweile versuchen Firmen, Aufträge so zu gestalten, dass sie auch in den vermeintlich kälteren Monaten bauen können. Das führt dazu, dass die Mitarbeiter auch weiter beschäftigt werden. Selbst wenn aber ein Winter kommt, hören wir immer öfter, dass Unternehmen ihre Arbeitskräfte allerdings lieber behalten. Das hat auch mit der angespannten Fachkräftesituation zu tun.

Wie blicken die Berliner Bauunternehmen auf das Jahr 2020?

Die Unternehmen sind relativ optimistisch und erwarten für das neue Jahr einen Anstieg des Bauumsatzes. Unsere Firmen rechnen im Moment mit einer ähnlichen Entwicklung wie im Vorjahr. Damit einher soll auch erneut ein leichter Beschäftigungsaufbau gehen. Man darf aber das Wasser im Wein der Berliner Bauwirtschaft, also die Diskussion um den Mietendeckel oder die Novellierung des Vergabegesetzes nicht wegwischen. All das wirkt sich kontraproduktiv auf öffentliche Baumaßnahmen aus. Wird die öffentliche Hand nicht wieder ein attraktiver Auftraggeber, konzentrieren sich die Bauunternehmen überwiegend auf private Auftraggeber und der öffentliche Bau wird weiter ausgebremst.

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