Obdachlose in Berlin

So hilft der Berliner Wärmebus Obdachlosen

Seit zehn Jahren ist der DRK-Wärmebus von November bis März auf den Straßen Berlins unterwegs und hilft Obdachlosen.

DRK-Präsident Mario Czaja und Helferin Sandra Schröder versorgen eine betrunkene, obdachlose Frau am Bahnhof Frankfurter Allee.

DRK-Präsident Mario Czaja und Helferin Sandra Schröder versorgen eine betrunkene, obdachlose Frau am Bahnhof Frankfurter Allee.

Foto: Sven Darmer

Berlin. Ein Mann mittleren Alters liegt unter einer Fußgängerbrücke auf der Wilmersdorfer Bundesallee unter einem Berg von Decken auf einer alten Matratze. Die Helfer des Wärmebusses des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Berlin kennen ihn bereits. Seit zehn Jahren lebe er auf der Straße, sagt der Obdachlose, der seinen Namen nicht verraten möchte: „Eine eigene Wohnung wäre schon toll.“ Den damit verbundenen Aufwand scheint er aber nicht bewältigen zu können. Es gehe ihm gut, er brauche nichts, sagt er noch. „Man kann leider nicht alle in Unterkünfte bringen, weil man nicht gegen deren Willen handeln kann“, sagt Sandra Schröder, die die Fahrt an diesem Donnerstagabend koordiniert.

Seit zehn Jahren ist der DRK-Wärmebus von November bis März jeden Tag ab 18 Uhr auf den Straßen Berlins unterwegs. Die Helfer verteilen Schlafsäcke, Isomatten, warme Kleidung und heiße Getränke oder bringen Obdachlose in eine Notunterkunft, sofern sie das wollen. Nachdem der Kofferraum beladen wurde und Schröder die Thermoskannen mit dem Tee verstaut hat, fährt Frank Urbanski den Bus vom DRK-Hof in Friedenau. Er freue sich über die tatkräftige Unterstützung an diesem Abend, sagt der 69-Jährige. Die kommt von DRK-Präsident Mario Czaja.

Berliner Wärmebus: DRK-Präsident begleitet Helfer regelmäßig

Drei- bis viermal pro Saison begleitet er die Obdachlosenhelfer auf ihrer Tour. „Ich glaube, dass es gut und wichtig ist zu wissen, was die Ehrenamtlichen jeden Tag tun“, so der Berliner CDU-Politiker und ehemalige Sozialsenator. Es seien Stunden mit denen, die den Schwächsten der Schwachen helfen, und die er nicht missen wolle.

Nach der ersten Station an der Bundesallee steuern die Helfer zunächst den Savignyplatz an. Einer der bekannten Schlafplätze von Obdachlosen, die man regelmäßig anfahre, sagt Helferin Schröder. Die 25-Jährige studiert Soziale Arbeit und fährt mindestens zweimal pro Woche als Honorarkraft im Wärmebus mit. Wirklich geplant würden die Routen nicht. „Man lässt sich ein bisschen treiben“, sagt Schröder. Zwischen fünf und 13 Anrufe von Passanten oder dem zentralen Kältetelefon kämen pro Abend.

Der erste erreicht Schröder an diesem Abend um 18.40 Uhr. Eine junge Frau meldet einen älteren, verwirrten Mann, den sie unweit der Berliner Philharmonie vorgefunden hat. „Ich war auf dem Nachhauseweg, und da lag er auf dem Boden drüben im Tiergarten“, erzählt sie den Helfern kurz nach deren Eintreffen. Der Mann stellt sich als Dieter* vor und macht es Czaja, Schröder und Urbanski nicht leicht. Denn er ist orientierungslos, hat weder Papiere noch Geld dabei und nennt lediglich eine Adresse in Mitte. Ob es sich dabei um eine Obdachlosenunterkunft oder seine Wohnung handelt, kann er nicht sagen.

Von dort sei er nach dem Mittagessen mit dem Ziel Schöneberg aufgebrochen, aber nur bis zum Potsdamer Platz gekommen – und könne nun nicht mehr laufen. „Ich war viele Stunden unterwegs.“ Die Helfer beschließen, Dieter erst einmal hinzufahren. Es stellt sich heraus, dass der 66-Jährige an der Adresse in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke lebt. An der Tür wird er bereits von einer Pflegerin erwartet. „Dafür schlage ich mir gern die Nacht um die Ohren“, freut sich Urbanski.

Seit neun Jahren steuert der 69-Jährige ehrenamtlich ein- bis zweimal pro Woche den Wärmebus. „Wenn man diesen Dienst macht, merkt man, wie gut es einem eigentlich geht“, so der ehemalige Krankenhaus-Administrator. Bereits seit seiner Schulzeit sei er ehrenamtlich aktiv – lange auch beim DRK. „Ich bin so erzogen worden, etwas für die Gemeinschaft zu tun.“ Er habe auch schon Menschen in Not bei sich zu Hause aufgenommen.

„Die Menschen auf der Straße haben Priorität“

Der Bus hat sich mittlerweile von Mitte in Richtung Friedrichshain aufgemacht. Von dort hatten zuvor bereits zwei Passanten unabhängig voneinander angerufen und eine für die Witterungsverhältnisse zu leicht bekleidete Frau unter der Ringbahnbrücke an der Frankfurter Allee gemeldet. Die Temperaturen sind mittlerweile auf drei Grad abgesunken. „Menschen auf der Straße haben Priorität“ sagt Schröder. Vor Ort treffen die Helfer auf Michaela*. Sie liegt auf mehreren Decken und in einen Schlafsack gehüllt auf dem Boden, wirkt stark alkoholisiert und hat sich augenscheinlich vor Kurzem übergeben. Sie trägt lediglich einen Pullover und hat weder Schuhe noch Strümpfe an. Schröder hilft Michaela in ihre Jacke, während ihr Czaja ein paar mitgebrachte Bundeswehrsocken und ihre Schuhe anzieht. Schließlich kann die 66-Jährige überzeugt werden, die Nacht in einer Notunterkunft zu verbringen.

Während Czaja ihr ins Auto hilft, sammeln Schröder und Urbanski das Hab und Gut der Frau ein und packen es in Tüten. Dann liefern sie Michaela in der nächstgelegenen Unterkunft ab. Sie bedankt sich überschwänglich und schließt alle in die Arme. Berührungsängste habe er nicht, sagt Czaja. „Meistens merkt man, dass die Menschen in tiefster physischer und seelischer Not stecken, dass man da helfen muss.“

Ein weiterer Anruf führt die Helfer zur Kreuzberger Yorckstraße. Hier versorgen sie einen jungen Mann mit Tee. Dann geht es weiter zur Charlottenburger Schlossparkklinik. Dort hat Manfred* versucht, im Foyer zu übernachten. „Ich musste ihn rauswerfen, habe ihm aber noch einen Kaffee gegeben“, sagt ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der die Helfer auch verständigte. Der Obdachlose sitzt in einem bunten Bademantel in einer Bushaltestelle vor der Klinik. Er freut sich sichtlich über den Wärmebus und möchte in die City Station am Kurfürstendamm gebracht werden. „Da es ist wenigstens warm.“ Im Bus unterhalten sich die Helfer mit Manfred, der bester Laune zu sein scheint. „Manche wollen auch einfach nur reden“, sagt Schröder.

Der Wärmebus des Roten Kreuzes ist jeden Abend ab 18 Uhr telefonisch unter 030 600 300 1010 erreichbar.

*Namen von der Redaktion geändert