Drogenszene

Wie ein Sozialarbeiter in Neukölln gegen die Drogen kämpft

Der öffentliche Konsum von Drogen hat in Berlin drastisch zugenommen. Ein Sozialarbeiter in Neukölln gibt Einblick in seine Arbeit.

Malte Dau ist Straßensozialarbeiter in Neukölln.

Malte Dau ist Straßensozialarbeiter in Neukölln.

Foto: Alexander Dinger

Berlin. Es gibt in Berlin nur wenige Leute, die die Drogenszene so gut kennen wie der Sozialarbeiter Malte Dau (42). Der Diplom-Pädagoge ist seit 17 Jahren als Sozialarbeiter in der Hauptstadt unterwegs. Sein Revier ist Neukölln. Der Berliner Morgenpost gibt er einen Einblick in seine Arbeit.

Wie muss man sich Ihre Arbeit als Laie vorstellen?

Wir laufen immer in Zweierteams unsere Stationen ab. Entweder sind das zwei ausgebildete Sozialarbeiter oder Pädagogen oder Sozialarbeiter mit Sprachmittlung. Wir haben dann immer zwei Taschen und einen Rucksack mit unterschiedlichen Konsumutensilien dabei, angefangen von Nadeln, Pumpen, Pfännchen zum Aufkochen, Ascorbinsäure. Also alles, was man für einen intravenösen Konsum braucht. Wir haben auch immer ein kleines Notfallpack, um zum Beispiel bei Überdosis-Situationen mit einer Beatmungsmaske erst mal reagieren zu können. Wir haben auch in aller Regel Entsorgungsbehältnisse dabei, in denen wir gebrauchte Spritzen beseitigen können.

Sie kennen die Drogenszene schon sehr lange. Hat diese sich verändert?

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Die Drogen sind gleich. Das sind weiter Heroin und Kokain hauptsächlich. Was gerade zunimmt, ist der Crack-Konsum. Das ist das Umwandeln von Kokain in Kristalle. Es findet aber eine ständige Bewegung in der Drogen­szene statt. Es gab beispielsweise bis vor drei, vier Jahren eine große Drogenszene am Stuttgarter Platz. Die ist intensiv zerschlagen worden. Dadurch hat sich eine Menge auch zu uns nach Neukölln verlagert. Dann gibt es viele Wirtschaftsflüchtlinge aus Osteuropa, die mit Arbeitsangeboten angelockt, dann aber nicht bezahlt werden. Dann gibt es auch Kriegsflüchtlinge aus Syrien und Afghanistan, die oft einen inhalativen und keinen intravenösen Konsum haben. Das sind die Folienraucher (Dabei wird Rauschgift aus einer gerollten Aluminiumfolie geraucht, Anmerkung der Redaktion). Was man am Stuttgarter Platz sieht: Eine Verdrängung ohne ein Angebot bringt nichts. Es lohnt sich da, zu schauen, wie es andere Städte machen. Dort haben die Konsumräume 23 Stunden sieben Tage die Woche geöffnet. Die Millionenstadt Berlin hat gerade mal drei Konsumräume. Die Konsumräume unterliegen der Berliner Rechtsverordnung, wodurch sich manche abgeschreckt fühlen können, da vor der Nutzung der Räume ein Vertrag unterzeichnet werden muss.

Und hat der Drogenkonsum zu- oder ­abgenommen?

Der öffentliche Konsum hat zugenommen. Es gibt krass belastete Orte und Orte, an denen mal eine Spritze gefunden wird. Gerade wenn es um Spielplätze, Kita- und Schulgelände gibt, sind wir besonders schnell hinterher.

Es gibt also Grenzen, wo man den Konsumenten „Stopp“ sagt?

Ich sage Konsumenten, dass man zum Beispiel auf Spielplätzen nicht konsumieren sollte. Wir als Sozialarbeiter haben keine ordnungspolitische Funktion. Es gibt aber Grenzen, die sollte jeder auch selber spüren und haben. Unser Hauptanliegen ist es, dass die Leute verantwortungsvoll konsumieren. Und geschafft haben wir es, wenn überhaupt nicht mehr im öffentlichen Raum konsumiert wird. Dann bin ich aber arbeitslos.

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Sie sind in Neukölln unterwegs. Was sind in dem Gebiet Brennpunkt-Bahnhöfe?

Schönleinstraße, Leinestraße, Boddinstraße. In der Regel werden diese Bahnhöfe viermal in der Woche von uns besucht. Dreimal zu zweit und einmal allein. Viele Klienten sind uns schon bekannt, aber speziell an den U-Bahnhöfen haben wir momentan viele Erstkontakte. Unsere Konsumräume in Kreuzberg und in Neukölln haben ja nur von 12 bis 17 und von 12 bis 18 Uhr geöffnet.

Kommen Sie leicht mit den Leuten ins Gespräch?

Wenn die Leute uns kennen, ist es eine relativ leichte Kontaktaufnahme. Wenn die Menschen gerade konsumieren, was ja am U-Bahnhof meistens Folierauchen ist, dann sagen wir schon, dass das nicht der richtige Ort ist, um zu konsumieren. Teilweise finden auch direkte Begleitungen statt. Wenn wir den Leuten sagen, wo ein Konsumraum ist, und die sagen, das ist ihnen zu kompliziert. Manchmal mache ich auch Termine an U-Bahnhöfen. Gerade heute wollte ich jemanden zum Gesundheitsmobil begleiten. Wir werden auch nicht müde, die Leute immer wieder darauf anzusprechen.

Wie sind die Reaktionen?

Leute, die nicht aus dem deutschen Raum kommen, sind erstmal skeptisch. Da sitzt dann jemand und raucht seine Folie, und wir kommen zu zweit auf ihn zu. Manche denken, wir seien Zivilpolizisten und sind erst mal erschrocken. Wir klären dann auf, was wir eigentlich machen. Die Arbeit ist intensiv, und man braucht viel Vertrauen. Viele haben auch einen ungesicherten Aufenthalt in Berlin, sind in anderen Bundesländern gemeldet und halten sich trotzdem hier auf, weil es hier eine größere Drogen-Szene gibt. Viele bringen Probleme mit, aber manche werden auch erst hier abhängig. Insgesamt ist das Feedback auf uns aber sehr positiv und häufig auch sehr emotional, wenn die Leute erzählen, was alles im Argen ist. Aber in der Straßensozialarbeit ist jeder Tag anders.

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Wie wird ein Bahnhof zum Brennpunktbahnhof?

Durch die massiv gehäuften Beschwerden von Anwohnern und Gewerbetreibenden. Oft sind es Anwohner mit Kindern, die sich beschweren. Wir raten auch immer, wenn wir mit Anwohnern in Kontakt kommen, sich zu beschweren und Anzeigen zu stellen. Denn je höher der Druck wird, desto mehr ist die Politik auch in der Bringschuld, dagegen etwas zu machen.

Zum Beispiel Stellen zu finanzieren?

Ja oder speziell noch mal Stellen wie die U-Bahn-Sozialarbeit zu finanzieren. Ich bin ja der bezirklich finanzierte Straßensozialarbeiter. Eine Person für ganz Neukölln. Bisher zieht sich mein Bereich von Nordneukölln zum U-Bahnhof Britz-Süd herunter. Ich habe in meiner alltäglichen Arbeit auch die U-Bahnhöfe im Blick. Es ist aber schon mal noch etwas anderes, wenn es noch jemanden gibt, so wie seit dem 1. November dieses Jahres, der nur für die Bahnhöfe zuständig ist. Da hatten wir bisher nur einen Sozialarbeiter. Mein Wunsch wäre auch ein Gesundheitszentrum für Abhängige in Neukölln, wie es jetzt am Kottbusser Tor entstehen soll. Also ein Ort, wo es Konsumräume gibt, Aufenthaltsräume, Schließfächer, eine Notunterkunft und ärztliche Betreuung.

Sind die Dealer für Sie auch Thema?

Wir sind nur für die Konsumenten zuständig, das vermischt sich aber auch teilweise. Dealer konsumieren auch selber. Da muss man aufpassen.