Schülerzahlen

Berlins Grundschulklassen sind zu groß

An jeder dritten Grundschule gibt es 26 oder mehr Schüler in einem Raum. Aus der SPD wird Kritik an Bildungssenatorin Scheeres laut.

Schüler im Klassenzimmer

Schüler im Klassenzimmer

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Berlin. An jeder dritten Grundschule in Berlin gibt es Klassen mit zu vielen Schülern. An 156 von insgesamt 430 Grundschulen übersteigt die Schülerzahl die zulässige Größe von 26. Das geht aus der Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Sven Kohlmeier hervor. Dabei bestehen zwischen den Bezirken erhebliche Unterschiede. Während es an zwei Drittel der Grundschulen in Tempelhof-Schöneberg Klassengrößen von 26 und mehr gibt, ist das in Neukölln lediglich in sechs Klassen von 35 Grundschulen der Fall (17,1 Prozent).

Laut Berliner Grundschulverordnung soll die Klassenstärke beim Schuleintritt grundsätzlich 23 bis 26 Schüler betragen. Bei Klassen mit einem hohen Anteil von nichtdeutschen Schülern oder mit einem hohen Anteil an Schülern, die von der Anschaffung der Lernmittel befreit sind, soll sie zwischen 21 und 25 Schülern liegen. Ausnahmen davon müssen von der Schulaufsichtsbehörde genehmigt werden.

Klassen auch in Grundschulen in Spandau und Treptow-Köpenick zu voll

„Die Situation ist ärgerlich“, sagt der Kaulsdorfer Sozialdemokrat Kohlmeier. „Wir pumpen massiv Geld in das Bildungssystem, aber vor Ort kommt dabei oft nichts an.“ So werde der Grundschule am Schleipfuhl in seinem Wahlkreis seit Jahren ein Erweiterungsbau versprochen, um die Klassengrößen senken zu können. Geschehen sei aber bislang nichts. „Ich weiß nicht, welches Bildungsziel wir damit verfolgen“, sagt Kohlmeier in Richtung der Bildungssenatorin aus der eigenen Partei, Sandra Scheeres (SPD). Wenn die Klassengrößen an Brennpunktschulen dauerhaft die zulässige Höchstgrenze übersteigen, sei das am Ende für die Lehrkräfte unzumutbar. „Dabei ist es ohnehin schwer genug, ausreichend Lehrkräfte für eine Brennpunktschule in den Außenbezirken zu gewinnen“, kritisiert Kohlmeier. „Wenn die Lehrer vor Ort nicht so einen hervorragenden Job machen würden, würde alles zusammenbrechen.“

Neben Tempelhof-Schöneberg klagen Eltern und Lehrer auch in Spandau und Treptow-Köpenick über einen hohen Anteil an Klassen mit zu vielen Schülern. An den 33 Grundschulen in Spandau gibt es insgesamt 18 Klassen mit 26 oder mehr Schülern (54,5 Prozent), in Treptow-Köpenick sind es 15 Klassen an 32 Grundschulen (46,9 Prozent). Tatsächlich liegt die Klassengröße an Berliner Grundschulen wohl noch höher. Denn in den Zahlen der Bildungsverwaltung sind auch Integrationsklassen berücksichtigt, in denen die Klassengröße deutlich niedriger liegt.

Die Bildungsverwaltung weist die Kritik zurück. „Die Schaffung von Schulplätzen hat für uns oberste Priorität“, sagt der Sprecher der Verwaltung, Martin Klesmann. Berlinweit erfülle die Verwaltung die geforderten Standards mehr als erforderlich. Demnach beträgt die Klassengröße an Grundschulen durchschnittlich 22 Schüler. „Da wir für jedes Kind einen kurzen Schulweg garantieren wollen, kann es in einigen Stadtteilen zu einer angespannten Situation kommen“, so Klesmann.

Grundschulen in Berlin: Neukölln ist Spitzenreiter

Neukölln ist Spitzenreiter: In keinem anderen Bezirk gibt es so wenige Grundschulen, an denen die Höchstgrenze für die Klassenstärke überschritten wird. Gerade einmal sechs von insgesamt 35 Grundschulen melden, dass es Klassengrößen von 26 oder mehr Schülern gibt (17,1 Prozent). Neukölln belegt damit die Spitzenposition unter den Bezirken – vor Reinickendorf (21,2 Prozent) und Friedrichshain-Kreuzberg (22,9 Prozent). Am schlechtesten sieht es in Tempelhof-Schöneberg (66,7 Prozent), Spandau (54,5) und Treptow-Köpenick (46,9) aus. Das geht aus einer Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage der SPD hervor.

Dass Neukölln in dieser Statistik vorn liegt, überrascht nicht. „Dort gibt es viele Klassen mit besonderer Sprachförderung und Teilungsunterricht“, sagt der Sprecher der Bildungsverwaltung, Martin Klesmann. In diesen Klassen werden weniger Schüler unterrichtet als in regulären Klassen.

Senat: Klassen an Berlins Grundschulen haben im Schnitt 22 Schüler

Insgesamt sieht die Bildungsverwaltung Berlin auf einem guten Weg. „Wir erfüllen die Standards mehr als erforderlich“, sagt Klesmann. Mit durchschnittlich 22 Schülern je Klasse liegt Berlin deutlich unter der geforderten Höchstgrenze von 26 Schülern. „Insgesamt zeigt sich, dass es noch Kapazitäten gibt“, sagt Klesmann.

Diese Auffassung wird nicht überall geteilt. „Wir sollten überlegen, wie wir mit unseren Schülern und Lehrern umgehen“, sagt der Kaulsdorfer SPD-Politiker Sven Kohlmeier. Seit Jahren würden riesige Summen in die Bildung investiert, doch an vielen Stellen komme davon kaum etwas an.

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Nach Angaben der Bildungsverwaltung gibt es in Berlin insgesamt an 156 von 430 Grundschulen Klassen mit 26 oder mehr Schülern. Die Berliner Grundschulverordnung sieht allerdings grundsätzlich nur Klassengrößen bis zu 26 Schülern vor. Ausnahmen davon müssen genehmigt werden. Allerdings räumt die Verwaltung Engpässe an einigen Standorten ein – entweder weil der Andrang an bestimmten Schulen sehr hoch ist oder weil die Gebäudesituation keine kleineren Klassen zulässt. Deswegen ­habe die Schaffung von neuen Schulplätzen Priorität, so die Bildungsverwaltung weiter.

Doch auch hier hakt es. Senat und Bezirke kommen bei Planung und Bau der dringend benötigten neuen Schulen nicht wie geplant voran. Der Mangel an Schulplätzen droht deshalb schon in zwei Jahren noch einmal erheblich größer zu werden, als bisher befürchtet.

Nach dem jüngsten Controlling­bericht der Bildungsverwaltung zur Schulbauoffensive werden zum Schuljahr 2021/22 bis zu 26.000 Plätze fehlen. Diese verteilen sich auf 193 Züge. Als Zug bezeichnet man eine durchlaufende Abfolge der Klassenstufen. In Grundschulen sind das die ersten sechs Klassen mit im Durchschnitt zusammen 144 Kindern, in Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen vier Jahrgänge (Klassenstufe 7 bis 10) mit 100 Schülern und in Gymnasien inklusive Oberstufen sechseinhalb Jahrgänge mit zusammen 166 Schülern (Klassenstufen 7 bis 12).

Der Mangel trifft alle Schularten. In Grundschulen fehlen 77 Züge für 11.200 Kinder, in Sekundarschulen 75 Züge für 7500 Schüler und in Gymnasien 45 Züge für 7470 angehende Abiturienten. Besonders groß wird demnach die Not in Lichtenberg, Pankow und Treptow-Köpenick sein.

Berlin will 5,5 Milliarden Euro in den Schulbau investieren

Noch im vorhergehenden Controllingbericht mit Daten vom März 2017 hatte die Bildungsverwaltung den sich abzeichnenden Mangel mit nur 93 Zügen angegeben, 100 weniger als derzeit. Zahlreiche Grundstücke und Schulbau-Vorhaben, die die Beamten noch 2017 als „planerisch gesichert“ dargestellt hatten, haben in der neuesten Auflistung diesen Status wieder eingebüßt, weil Grundstücke doch nicht zur Verfügung standen oder sich Verfahren verzögert haben.

Dadurch ist die Zahl der absehbar nicht versorgten Schüler nun größer als kurz nach dem Start der Schulbauoffensive. Rot-Rot-Grün will insgesamt 60 neue Schulen bauen und hat dafür sowie für Erweiterung und Sanierung bestehender Gebäude 5,5 Milliarden Euro vorgesehen. In den vergangenen Jahren wurden laut Verwaltung bereits 15.000 neue Schulplätze geschaffen.