Wohnungsmarkt

Der Baustau in Berlin hat sich in zehn Jahren verdreifacht

Nirgendwo sonst in Deutschland werden mehr Wohnungsneubauten genehmigt – aber nicht fertiggestellt. Die Gründe sind umstritten.

Auf dieser Baustelle geht es voran – auf vielen anderen leider nicht – die Gründe dafür sind vielfältig.

Auf dieser Baustelle geht es voran – auf vielen anderen leider nicht – die Gründe dafür sind vielfältig.

Foto: FrankHoermann/ / picture alliance / SvenSimon

Berlin. In keinem anderen Bundesland oder Stadtstaat werden so viele Baugenehmigungen erteilt wie in Berlin – und zugleich so wenig davon auch tatsächlich zeitnah umgesetzt. Im Jahr 2018 gab es in Berlin mit 64.000 sogenannten Bauüberhängen die bei weitem höchste Anzahl von genehmigten, aber noch nicht fertig gestellten Wohnungen in ganz Deutschland. Das geht aus den Zahlen der statistischen Ämter des Bundes und der Länder hervor, die diese am Mittwoch in Berlin präsentierten.

Berlin liegt im Bundesvergleich an der Spitze

Seit 2008 werden demnach in Deutschland wesentlich mehr Wohnungen genehmigt als fertiggestellt. Dies zeigt der jährlich erfasste Bauüberhang, der sich zwischen 2008 und 2018 bundesweit mehr als verdoppelt hat: von rund 320.000 auf 693.000 genehmigte, aber nicht fertiggestellte Wohnungen.

In der Hauptstadt, so das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, hat er sich im gleichen Zeitraum sogar verdreifacht. Die Anzahl von Bauüberhängen wird demnach nur von den größten Flächenländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg übertroffen.

Bodenspekulation spielt nur eine untergeordnete Rolle

„Natürlich sind am Markt auch Spekulanten unterwegs, die gar nicht vorhaben zu bauen, sondern allein durch Abwarten auf die Wertsteigerung des baureifen Grundstücks abzielen“, nennt Susanne Klabe, Geschäftsführerin des Landesverbandes der Immobilienwirtschaft Berlin-Brandenburg (BFW), einen Grund. Dieser würden aber höchstens für 20 bis 25 Prozent der Baugenehmigungen zutreffen, so Klabe weiter.

„Dass es bei den anderen knapp 80 Prozent immer länger dauert, bis aus einer Baugenehmigung eine fertige Wohnung entstanden ist, liegt daran, dass die Baubürokratie in den letzten zehn Jahren immer umfassender geworden ist und zugleich die Bezirksämter mit der Bearbeitung völlig überlastet sind“, so die BFW-Chefin.

Als Beispiel führt sie an, dass Unternehmen teils bis zu vier Monate warten müssten, bis ihnen die Behörde eine Deponie zuweise, auf die kontaminierter Bodenaushub abgeladen werden kann. So lange diese nicht vorliege, müsse die Baustelle ruhen. „In einigen Bezirken müssen unsere Mitglieder bis zu zwölf Monate auf die Genehmigung zur Einrichtung einer Baustelle warten“, ergänzte Manja Schreiner, Vorsitzende der Fachgemeinschaft Bau.

Bezirke sollen Ursachen ermitteln

Bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sind die Probleme bekannt. Der Senat sei sich einig mit den Bezirken, dass ausgereichte Baugenehmigungen auch realisiert werden müssten, sagte Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). „Wir unterstützen die Bezirke deshalb gezielt dabei, den Ursachen für die Umsetzungsverzögerungen der jeweiligen Projekte auf den Grund zu gehen. Wir sind bereit, sie jederzeit mit allen uns zur Verfügung stehenden Instrumenten bei der zügigen Realisierung von Bauprojekten zu unterstützen“, versprach die Senatorin.

Öffentliche Bauherren bauen schneller als private

Auch die landeseigene Investitionsbank Berlin IBB hat die Ursachen für die Zunahme des Baustaus untersucht. Demnach würden immerhin 90 Prozent der genehmigten Wohnungen auch tatsächlich gebaut werden, wobei es große Unterschiede zwischen Bauherren gebe, was die Fertigstellungsdauer anbelange.

Aktuell betrage die Bauzeit bei den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften 22 Monate, bei den privaten zwei bis drei Jahre. Weitere Gründe seien demnach Kapazitätsengpässe, Fachkräftemangel, Planungsänderungen, Fragen des Naturschutzes, Nachbarschaftswiderstände und Finanzierungsengpässe.