Traktoren-Sternfahrt

Bauern legen mit Tausenden Traktoren Verkehr in Berlin lahm

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Blockaden in Berlin: Warum die Bauern so wütend sind

Blockaden in Berlin: Warum die Bauern so wütend sind

Mit über 8.000 Treckern kamen Bauern aus ganz Deutschland nach Berlin. Sie sind sauer auf Klima-Aktivisten und die Hauptstädter, die ihre Probleme nicht ernst nehmen.

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Tausende Bauern kamen zu einer Kundgebung nach Berlin – die meisten mit ihren Zugmaschinen. Nichts ging mehr auf den Straßen.

Ein Mädchen steht an der Hand seiner Mutter am Theodor-Heuss-Platz. „Mama, schau, da kommt der Coca-Cola-Weihnachts-Truck“, sagt das Kind. Doch die Fahrzeuge, die hupend und blinkend am Dienstagmorgen kurz nach neun Uhr Richtung Innenstadt rollen, haben mit Weihnachten nichts zu tun. Tausende Bauern haben sich aus allen Teilen Deutschlands auf den Weg nach Berlin gemacht, um gegen neue Umweltauflagen der Bundesregierung zu protestieren. Keine Geschenke, eher Ruten also.

Rund 8600 Traktoren hat die Polizei gezählt. Plakate mit der Aufschrift: „Sie säen und sie ernten nicht, aber sie wissen alles besser“, und: „Ohne Landwirtschaft wärst Du hungrig, nackt und nüchtern“, hängen an den Kühlergrills. Nicht nur über die Heerstraße kommen sie in die Stadt, sondern aus allen Himmelsrichtungen. Ihr Protest richtet sich gegen geplante schärfere Vorgaben zum Insekten- und Umweltschutz und weitere Düngebeschränkungen zum Schutz des Grundwassers. Landwirtschaftliche Betriebe würden dadurch in ihrer Existenz gefährdet. „Darf mein Kind noch Bauer werden?“, steht auf einem Transparent.

Fast geschmeidig reihen sich die riesigen Zugmaschinen, zuerst noch dirigiert von der Polizei, über Kaiserdamm und Bismarckstraße in den Berufsverkehr in Richtung Innenstadt ein. Damit ist am Ernst-Reuter-Platz Schluss.

Die Polizei verwehrt den Landwirten die Weiterfahrt in Richtung Großer Stern. Das Hupen wird ohrenbetäubend, ist weithin zu hören. „Wir machen das doch alles auch für Euch“, brüllt einer der Landwirte in Richtung der Polizisten. „Und wir für Euch“, antwortet ihm einer der Ordnungshüter.

Busfahrer raten Fahrgästen zum Umsteigen auf Leihräder

Eine Stadt im Ausnahmezustand. Nichts geht mehr an diesem Dienstag auf den Straßen durch die City. Busfahrer empfehlen ihren Fahrgästen, auf Leihfahrräder umzusteigen. Froh kann sein, wer einen Stehplatz in U- oder S-Bahn ergattert. Wer mit dem Auto unterwegs ist, muss sich sehr gut auskennen, selbst Google Maps zeigt die Magistralen der Stadt rot an. „Warum wird eigentlich jeden Tag eine andere Sau durch Berlin getrieben“, murrt ein Fußgänger.

Andere zeigen Verständnis für die Forderungen der Landwirte und schlängeln sich gelassen zwischen den mannshohen Rädern der Trecker auf die andere Straßenseite. „Sie gehen da aber jetzt auf eigene Gefahr rüber“, sagt ein junger Polizist.

Alexandra Scheiper steigt von ihrem Traktor. „Warum lassen sie uns denn jetzt nicht weiter?“, fragt sie. Doch ihre Kollegen zucken nur mit den Schultern. „Ich bin aus Osnabrück“, sagt sie auf die Frage, woher sie denn kommt. „Wissen Sie, wo das ist?“ Auf ihrem T-Shirt steht „Land schafft Verbindung. Wir rufen zu Tisch“, das Motto der Demonstration. „Wir wollen reden, und wir wollen gehört werden“, sagt sie noch, dann klettert sie wieder auf ihren Traktor.

Bauern aus Bayern, Baden-Württemberg oder von der Grenze zu Luxemburg haben lange Reisen hinter sich, viele sind schon seit Tagen unterwegs und in langen Kolonnen über die Autobahnen gezockelt. Einige könnten schneller fahren, aber alle warten auf die, für die 35 Stundenkilometer Maximum sind.

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Dieter Förster steht vor seinem Unimog und wartet, dass es weiter geht. Er stammt aus Ergersheim in Mittelfranken und ist schon seit Sonntag unterwegs. Der Spruch: „Habe die Ähre“ klebt auf seiner Fahrertür. Die Nacht hat er auf einem Spargelhof bei Beelitz verbracht. „Wir verspannen uns gegen nichts, aber es muss vernünftig sein und keine reine Schikane“, sagt er.

Traktoren rund um Siegessäule

Dann gibt die Polizei die Straße des 17. Juni frei. Feinsäuberlich reihen sich die Traktorfahrer auf jeweils zwei Spuren ein, lassen artig eine Rettungsgasse in der Mitte. Kollegen aus Bayern und Thüringen biegen aus nördlicher Richtung in die Straße ein. So weit das Auge reicht sind innerhalb einer halben Stunde alle Straßen rund um die Siegessäule mit parkenden Traktoren bestückt.

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Der Zug der protestierenden Bauern erreicht eine Länge von rund 6000 Metern. Bis zu fünf Maschinen nebeneinander parken zwischen Brandenburger Tor und Wundtstraße auf dem Kaiserdamm, wie ein Sprecher der Verkehrsinformationszentrale Berlin (VIZ) berichtet. Auf Twitter spricht die VIZ scherzhaft vom „längsten Parkplatz Deutschlands“.

Ein paar Landwirte aus Sachsen-Anhalt haben zwischen zwei Traktoren einen Holzkohlegrill aufgestellt und braten Würste. „Da ist nix vegan oder vegetarisch“, sagt einer und winkt triumphierend mit seiner Wurst.

Eberhard Kreipe aus Raßnitz dreht das Grillgut um. „Denken die hier in Berlin vielleicht alle, dass wir unsere eigene Existenzgrundlage zerstören? Denken die, wir sind dumm“, schimpft er. Was er von der Demonstration erwarte? „Von der Politik gar nichts“, sagt er. Sein Kollege Jan Friedrich Rohlfing nickt kauend. Es würde so vieles behauptet, was wissenschaftlich noch gar nicht erwiesen sei, oder wissenschaftliche Erkenntnisse würden einfach unter den Tisch fallen. „Die Bevölkerung soll uns aber sehen, soll sehen, dass auch wir Menschen zum Anfassen sind.“

Aufgebaute Gummistiefel stehen sinnbildlich für geschlossene Betriebe

Auf den Stufen der Siegessäule haben einige Landwirte ein Meer von Gummistiefeln aufgebaut. „Auch ein Mahnmal“, sagt einer. Sinnbildlich stünden sie für die 94.000 landwirtschaftlichen Betriebe, die in den vergangenen zehn Jahren schließen mussten. Dann ziehen er und viele andere weiter in Richtung Brandenburger Tor zur Kundgebung, in den Händen tragen sie grüne Kreuze aus Holz. Warum die grün sind? „Sie sind immerhin noch nicht schwarz“, sagt er.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) wirbt dann auf der Kundgebung für klare Regeln zum Schutz von Grundwasser und Insekten. Sie wolle, dass die Landwirte „Teil der Lösung“ seien. Doch sie wird ausgebuht, einige Demonstrationsteilnehmer wenden ihr den Rücken zu. Auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) stellt sich den wütenden Landwirten, auch sie verspricht den Landwirten mehr Beteiligung. Beim Insektenschutz solle jede Maßnahme mit den Bauern besprochen und auf ihre Wirkung hin untersucht werden. Strengere Düngeregeln müssten dennoch umgesetzt werden, um EU-Strafzahlungen zu verhindern.

Am Abend machen sich die Landwirte dann wieder auf ihren langen Weg nach Hause. Viele erfüllen sich aber noch schnell einen Traum: einmal mit dem Trecker über den Kudamm und zurück.