Gastbeitrag

Aus der Klima-Not eine Tugend machen

Michael Geißler, Chef der Berliner Energieagentur, fordert, die Bürger stärker an finanziellen Chancen der Energiewende zu beteiligen.

34.000 Unterschriften wurden im August dem Berliner Abgeordnetenhaus übergeben, um den Klimanotstand in Berlin durchzusetzen. Das allein wird aber nicht helfen, meint Gastkommentator Michael Geißler.

34.000 Unterschriften wurden im August dem Berliner Abgeordnetenhaus übergeben, um den Klimanotstand in Berlin durchzusetzen. Das allein wird aber nicht helfen, meint Gastkommentator Michael Geißler.

Foto: Reto Klar / Reto Klar / Funke Foto Service

Berlin. Über 500 Städte und Kommunen weltweit, darunter 64 allein in Deutschland, haben bereits den sogenannten „Klimanotstand“ ausgerufen. In Berlin hat dafür eine Volksinitiative schon 34.000 Unterschriften gesammelt. Alle wissen: Das kann nur symbolisch gemeint sein. Viele Morgenpost-Leserinnen und Leser werden sich an die „atomwaffenfreien Zonen“ erinnern, zu denen sich in den 80er-Jahren viele westdeutsche Kommunen und auch Schulen erklärt haben. Und in der DDR forderte damals die oppositionelle Bürgerbewegung, „Schwerter zu Pflugscharen“ umzuschmieden. Auch das war nicht wortwörtlich zu verstehen. Beide Bewegungen waren wichtig, um den Boden zu bereiten für eine Politik, die die atomare Abrüstung zwischen den Supermächten auf den Weg brachte. Doch erst das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Ost und West brachte schließlich den Eisernen Vorhang zu Fall.

Parallelen zu den Aktionsformen von Schülern, Studierenden, Eltern oder Wissenschaftlern, die heute auf den Straßen und Plätzen die Proklamierung kommunaler „Klimanotstände“ fordern, sind unübersehbar. Sind sie Ausdruck einer naiven Weltuntergangshysterie, wie manche Kritiker behaupten? Ich glaube nicht. Vielmehr sind die Demonstrationen und Streiks Ausdruck eines gestiegenen öffentlichen Bewusstseins und weisen darauf hin, dass es ein eklatantes Missverhältnis zwischen politischem Anspruch und ökologisch-ökonomischer Realität beim Klimaschutz gibt. 93 Prozent aller EU-Bürger (!) halten den Klimawandel für ein ernstes Problem. 92 Prozent befürworten eine klimaneutrale Wirtschaft bis 2050. 84 Prozent sagen, dass dafür mehr öffentliche Gelder bereitgestellt werden müssten. Diese Zahlen aus dem aktuellen EU-Eurobarometer sehen Deutschland übrigens genau in der Mitte des Meinungsspektrums. Sie belegen den überwältigenden Wunsch in ganz Europa nach einem Politikwandel. Wie in den 80er- Jahren.

Idealismus und Kapitalismus sollten verbunden werden

Aber Meinungsumfragen, Idealismus und Klimaschutzziele allein reichen nicht aus, um ins Handeln und Investieren zu kommen. Als langjähriger Vorsitzender des Verbandes der Energie- und Klimaschutzagenturen ist mir seit vielen, vielen Jahren vor allem der „Notstand“ bei der Teilhabe an Klimaschutzmaßnahmen geläufig. Meine wichtigste Erfahrung in all den Jahren ist: Erfolgreiche Projekte zeichnen sich durch eine Symbiose aus Idealismus und Kapitalismus aus. Sprich: Wenn man als Bürger nicht nur eine Gewissens-Dividende bekommt, sondern eine Euro-Dividende. Ob bei der Windenergie oder der energetischen Gebäude-Modernisierung – die Akzeptanz für Eingriffe in den eigenen Lebensbereich steigt, wenn man als Betroffener am wirtschaftlichen Ertrag teilhaben kann.

Das Ausreichen von Fördermitteln für Solaranlagen, Elektroautos oder für die Gebäudedämmung ist ohne Frage wichtig. Aber das reicht nicht aus, um die in den kommenden Jahrzehnten erforderlichen Milliardeninvestitionen in den Klimaschutz aufzubringen. Eine zukunftsorientierte Klimaschutzpolitik sollte den Aspekt der wirtschaftlichen Partizipation viel stärker in den Blick nehmen. So viele Menschen wie möglich sollten die Chance zur Beteiligung an der Energiewende haben, indem sie kleinere oder größere Geldbeträge klimafreundlich anlegen können. Zum Beispiel über Crowd-Invest. Bei dieser noch jungen Finanzierungsform beteiligen sich Menschen mit überschaubaren Summen über eine Internet-Plattform an konkreten Klimaschutzprojekten vor Ort. Bisher wurden in Deutschland über diesen Vertriebsweg lächerliche 20 Millionen Euro eingesammelt. Eine überbordende Finanzmarktbürokratie hemmt das Aufblühen dieses Beteiligungsmodells.

Oder Bürger-Energiegenossenschaften. Obwohl sie von der Politik als vorbildlich hofiert werden, fristen sie ein Nischendasein bei der Finanzierung der Energiewende und werden kaum begünstigt. Zum Vergleich: Die landwirtschaftlichen Raiffeisen-Genossenschaften sind mit über 60 Milliarden Euro Umsatz ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Deutschland, vor allem für den ländlichen Raum.

Soll man nur Milliardären wie Bill Gates und Warren Buffet diesen zukunftsträchtigen Markt überlassen?

Und warum sollte der Staat keine einfach strukturierten Klimaschutzfonds befördern, deren Kapital transparent, risikoarm und zuverlässig verzinst einer nachhaltigen regionalen Entwicklung dient? Weltweit sind die Investitionen in die Erneuerbaren Energien seit 2010 um 55 Prozent auf 300 Milliarden US-Dollar/Jahr gestiegen. Milliardäre wie Bill Gates und Warren Buffett gehören zu den großen Investoren. Soll man nur ihnen und anderen Großanlegern diesen zukunftsträchtigen Markt überlassen?

Auf deutschen Giro- und Tagesgeldkonten schlummern derzeit rund 2.500.000.000.000 Euro. 2,5 Billionen Euro Privatvermögen nahezu ohne Verzinsung. Welche Energie im wahrsten Sinne des Wortes könnte man damit wirtschaftlich freisetzen! So könnte aus der drohenden Klima-Not noch eine wirtschaftliche Tugend und somit eine doppelte Dividende werden.

Der Aschenburger kam 1980 zum Studium nach Berlin. Ab 1986 arbeitete er zunächst bei der Bewag, bevor er 1994 als Prokurist bei der Berliner Energieagentur (BEA) begann. Seit 1997 ist er alleiniger Geschäftsführer der BEA.