Baupannen in Berlin

Weggefräst und abgewaschen: Posse um grüne Radwege

Sie sollten Radfahrer sichtbar machen – nun leiden zwei neue grüne Spuren in Prenzlauer Berg und Halensee an kuriosen Auflösungserscheinungen.

Das ist Berlins absurdester Radweg

Nein, dies ist kein analoges Tetris-Spiel von Schülern. Dies ist ein Fahrradweg auf der der Leo-Baeck-Straße in Steglitz-Zehlendorf.

Beschreibung anzeigen

Berlin. Grün, Grau, Grün, Grau – insgesamt zehnmal wechselt der Fahrradweg auf der Greifswalder Straße in Höhe des Märchenbrunnens die Farbe. Die markant gefärbte Spur stadteinwärts ging bereits im August in die Geschichte ein als der erste Radweg Berlins, den ein Gewitter halb fortgespült hatte. Nur zwei Wochen später drohte die nagelneue grüne Spur einer Baustelle zum Opfer zu fallen. Nein, sie werde nicht verschwinden, weil die Bagger nur neben der Spur graben sollen und nicht darauf, versicherte die Senatsverkehrsverwaltung damals.

Und behielt unrecht, wie sich jetzt zeigt. An zehn Stellen wurde sie sehr wohl abgefräst und dann rudimentär erneuert – ohne grüne Farbe. Das Ergebnis: ein skurriler Flickenteppich aus grünen und grauen Flächen.

Grüner Radweg in Halensee zerfließt in Regen

Fast zeitgleich mit der Entdeckung dieses Missgeschicks hat sich am Wochenende auf der Joachim-Friedrich-Straße in Halensee ein zweites Malheur ereignet. Hier taten es die neu aufgetragenen grünen Spuren dem Vorbild in Prenzlauer Berg gleich und ergossen sich über alle Fahrbahnen.

Erst wehte böiger Wind das grüne Granulat über die Autofahrbahn, dann wusch Regen die Körner in die Böschung. So stehen nun Straßenbäume auf Inseln mit alarmgrün gefärbtem Mutterboden, und herabfallende Blätter bleiben auf den klebrigen Radspuren haften.

Das Gesamtergebnis besitzt eine künstlerische Note. Es ärgert allerdings Autofahrer, an deren Reifen die grüne Farbe teilweise kleben bleibt. Wenn sie denn überhaupt durchkommen. Denn die Stelle der Baupanne war am Wochenende teilweise abgesperrt.

Kommentar: Berliner Radwege - erst denken, dann bunt anstreichen

Baufirma hatte noch vor ungeeignetem Wetter gewarnt

Besonders kurios: Die Infravelo – eine landeseigene Firma zur Durchführung von Arbeiten an Radwegen – hat am Freitag selbst davor gewarnt, bei der Witterung, wie sie für November und Dezember in Berlin typisch ist, Radspuren zu markieren. In einer Mitteilung erklärt die Infravelo, warum die neu asphaltierten Stellen auf dem Radweg an der Greifswalder Straße vorerst grau bleiben und deshalb die grau-grün gemusterte Piste entsteht.

Jetzt bekommt Berlin einen rot-grünen Radweg

Der frische Asphalt müsse etwa vier Wochen aushärten. Und dann lägen die Temperaturen unter den technischen Materialanforderungen für einen erneuten grünen Anstrich, „sodass das verantwortliche Bauunternehmen eine fachgerechte Verarbeitung des Materials nicht mehr gewährleisten kann“. Erst im Frühjahr 2020 finden diese Arbeiten statt. Das heißt also: bei regnerischem Wetter und Temperaturen unter zehn Grad ist Grünbeschichtung tabu.

Was in Prenzlauer Berg mit Blick auf das Wetter unterbleibt, wurde einige Kilometer weiter westlich in Halensee schlichtweg ignoriert. Mit entsprechendem Ergebnis. „Offenbar hat jemand am Wochenende die Absperrungen entfernt, dann sind Autos auf den Radweg gefahren und haben den überschüssigen Quarzsand verteilt. Die Straße wird jetzt gesäubert, der Radweg ist in Ordnung und kann genutzt werden“, erklärte Jan Thomsen, der Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung am Montag. Es sei insofern keine Baupanne gewesen.

Wasserbetriebe sollen Neuauftrag der Grünmarkierung bezahlen

Zurr Auffräsung des Radwegs an der Greifswalder Straße bei Bauarbeiten der Berliner Wasserbetriebe trotz gegenteiliger Behauptung sagte Thomsen: „Entgegen diesen ersten Planungen wurde die Straße dann aber doch auch auf der Radwegfläche geöffnet. Das kann passieren, wenn sich Pläne ändern. Es ist selbstverständlich, dass die Berliner Wasserbetriebe auch den Neuauftrag der Grünmarkierung finanzieren.“

Die Wasserbetriebe bestätigen diese Schilderung – und kündigen an, den grünen Radweg ab Januar an anderer Stelle aufzufräsen.

Umweltschädlich sei die abgelöste grüne Farbe im Übrigen nicht, betonte die Senatsverkehrsverwaltung bereits bei der ersten Panne mit dem weggeschwemmten Radweg auf der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg im August. Es handelt sich um ein Epoxidharz, das sich in seiner auffälligen Färbung an Vorzeigeprojekten in Wien und San Francisco orientiert. Dass die Farbe anfangs dick aufgetragen wird, ist übrigens normal. Überschüssiges Material würde weggekehrt, hieß es nach dem Missgeschick im August. Damals und jetzt offensichtlich wieder kam der Regen den Kehrarbeiten zuvor. Ankündigungen, dass Arbeiten am Radweg in Halensee stattfinden würden, gab es keine.

Seit Längerem war die Maßnahme immerhin in einer Liste von 16 grünen Radwegen aufgeführt, die 2018 und 2019 entstehen sollten. Insgesamt 19 Kilometer Asphalt sind laut Infravelo in Berlin bisher ergrünt. Ein großer Teil der Strecken befindet sich im Bezirk Pankow in Prenzlauer Berg. Hier ist einer der ersten grünen Radwege überhaupt, derjenige auf der Kastanienallee, im Laufe weniger Monate schon sichtlich verblasst.

Wie eine parlamentarische Anfrage des SPD-Abgeordneten Sven Kohlmeier ergab, schlug das Projekt zur Grünmarkierung mit insgesamt 4,13 Millionen Euro zu Buche und war damit der größte Kostenverursacher im Budget der Infravelo überhaupt.

Mit dieser Investition soll das Radfahren in Berlin deutlich attraktiver werden, verspricht die Gesellschaft auf ihrer Internetseite – „denn auf den sichtbaren Radspuren fühlen sich Radfahrer häufig sicherer. Die optische Trennung soll auch dazu beitragen, dass Autofahrer den deutlich erkennbaren Radfahrstreifen nicht als Park- oder Halteflächen für sich beanspruchen. Die Grünbeschichtung erneuert die Oberfläche bestehender Wege, wodurch vorhandene Mängel beseitigt werden“, erklärt die Gesellschaft das Projekt. Ein Blick nach Prenzlauer Berg und Halensee zeigt: Es können auch neue Mängel entstehen.