Autobau

Warum Tesla Berlin so verzückt

Der Elektroautobauer will in Grünheide ein neues Werk und in Berlin ein Entwicklungszentrum bauen. Das sind die Reaktionen.

Brandenburg freut sich auf Tesla

Der US-Autobauer will vor den Toren Berlins eine neue Fabrik bauen.

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Berlin/Grünheide. Einen Tag nach der Entscheidung von Tesla, in Grünheide südöstlich von Berlin ein neues Automobilwerk zu bauen, ist man sich in der deutschen Hauptstadt sicher, was den US-amerikanischen Elektroautobauer in die Region gelockt hat.

„Unsere Investitionen in Wissenschaft und Forschung bescheren Berlin ein neues goldenes Zeitalter. Das zeigt die großartige Entscheidung von Tesla, die Metropolregion Berlin als ihre europäische Entwicklungs- und Produktionsbasis zu wählen“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Mittwoch.

Die Ansiedlung von Tesla sei ein weiterer Beleg für die enorme Attraktivität des Innovationsstandortes. Berlin sei mit seiner Forschungs- und Wissenschaftsszene geradezu ein Magnet für große Unternehmen geworden, sagte ein verzückter Regierungschef.

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Der Grund für Müllers Jubelarie ist eine Aussage von Tesla-Chef Elon Musk selbst. Musk hatte am Dienstag völlig überraschend die neuen, großen Pläne seines Konzerns in der Metropolregion Berlin-Brandenburg verkündet.

Tesla in Brandenburg: Bau von Autos, Batteriezellen und Antriebssträngen

Tesla will in der Umgebung des im Bau befindlichen Hauptstadt-Flughafens BER eine Giga-Factory bauen. Dort sollen neben Batteriezellen und Antriebssträngen auch Elektroautos gebaut werden. Zunächst ist geplant, dort bereits ab Ende 2021 den Kompakt-SUV Model Y zu fertigen.

Eine Abteilung für Forschung, Entwicklung und offenbar auch für Design der künftigen Tesla-Produkte soll in Berlin angesiedelt werden. Musk teilte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit, ein entsprechendes Zentrum solle in der deutschen Hauptstadt angesiedelt werden. Der Standort ist laut Wirtschaftsverwaltung aber noch unklar.

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Am Mittwoch folgten zunächst erste Details für die geplante Giga-Factory: Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) sagte, der Beginn für die Bauarbeiten der Fabrik sei bereits für das erste Quartal 2020 geplant. Der Produktionsstart solle 2021 sein. In der ersten Stufe solle die Fabrik mehr als 3000 Arbeitsplätze bringen. In der Berliner Wirtschaftsverwaltung ist sogar von 6000 Arbeitsplätzen die Rede. In einer zweiten Ausbaustufe könnten dann weitere 4000 Stellen folgen.

Die Investitionen sollen Brandenburgs Wirtschaftsminister Steinbach zufolge in mehrfacher Milliardenhöhe liegen. Die Fabrik auf einer Industriefläche in Grünheide nahe der Autobahn 10 soll 300 Hektar umfassen. Vorbild für das Werk dürfte die Giga-Factory in Schanghai sein.

Dort sollen in der ersten Ausbaustufe 150.000 Elektrofahrzeuge pro Jahr produziert werden. Das Werk wurde in der Rekordzeit von weniger als einem Jahr gebaut und soll demnächst die Produktion aufnehmen.

Kommentar: Tesla kommt - Berlins Senat muss sich pro Auto positionieren

Tesla hat wieder mal alle überrascht. Schon seit Monaten hatten Standorte in ganz Europa um die Ansiedlung der Produktion geworben. Dass sich der Elektroautobauer nun für Brandenburg und Berlin entschied, darf als Überraschung gelten.

Von mit den Verhandlungen vertrauten Personen hieß es, Tesla habe sich gerade wegen der Nähe zur Millionenmetropole Berlin für Brandenburg als Ort für die erste Giga-Factory auf europäischem Boden entschieden. Hier, so mutmaßt der Autobauer, werde es am ehesten möglich sein, die benötigten Fachkräfte zu finden.

Wettbewerb um Fachkräfte nimmt durch die Ansiedlung zu

Doch der Wettbewerb um kluge Köpfe – seien es Handwerker, Facharbeiter oder Softwareentwickler – hat auch in der deutschen Hauptstadt längst an Fahrt aufgenommen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) geht davon aus, dass Berliner Betrieben bereits heute 141.000 Fachkräfte fehlen. Tendenz steigend.

Im Automobilbereich buhlen in der Hauptstadtregion derzeit rund 200 Automobilzulieferer um Arbeitskräfte. Hinzu kommen Produktionsstandorte wie das BMW-Werk in Spandau, das Mercedes-Motorenwerk in Marienfelde oder das Rolls-Royce-Werk in Dahlewitz (Teltow-Fläming). Der Wettbewerb um hochqualifizierte Experten und Ingenieure dürfte aber durch die Tesla-Ansiedlung weiter an Schärfe gewinnen.

Der Elektroautobauer setzt im Werben um Talente vor allem auf seine eigene Attraktivität. Tesla gilt nämlich vor allem unter jungen Menschen noch immer als hip. Aber auch die Berliner Universitäts- und Hochschullandschaft hat bei der geplanten Ansiedlung eine Rolle gespielt. Laut Zahlen der Standortmarketingagentur Berlin Partner sind derzeit in den relevanten industriellen Fächern etwa 22.000 Studierende eingeschrieben. An allen Berliner Hochschulen sind derzeit rund 192.000 Studenten immatrikuliert.

TU-Präsident sieht neue Chancen für die Forschung

Christian Thomsen, Präsident der Technischen Universität Berlin, zeigte sich am Mittwoch zuversichtlich, den zusätzlichen Fachkräftebedarf, der durch Tesla entsteht, decken zu können. „Die Metropolregion Berlin besitzt eine sehr hohe Dichte an Hochschul- und Wissenschaftseinrichtungen. Das versetzt uns in die Lage, nicht nur zahlreiche Absolventen für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren, sondern gleichzeitig auch große gesellschaftliche Themen mit unserer Forschung voranzutreiben“, sagte Thomsen.

Politiker und Wirtschaftsverbände sprachen am Mittwoch von einem guten Zeichen für Berlin und Brandenburg, mahnten aber eine noch stärkere Zusammenarbeit zwischen den beiden Bundesländern an. IHK-Präsidentin Beatrice Kramm nannte die Tesla-Ansiedlung eine „großartige Nachricht für die Hauptstadtregion“. Und: „Die Ansiedlung von Fertigung und Entwicklung unterstreicht, dass Berlin-Brandenburg insbesondere im Bereich Mobilität hohe unternehmerische und wissenschaftliche Kompetenz ausstrahlt“, sagte sie.

Für das in Berlin geplante Entwicklungszentrum benötige Tesla nun die Unterstützung des Senats, so Kramm. „Dieses Vorhaben zeigt deutlich, wie wichtig ein effektives gemeinsames Metropolregion-Management durch Berlin und Brandenburg ist. Insbesondere für internationale Unternehmen bilden Berlin und Umland einen integrierten Wirtschaftsraum, in dem sie zu Recht effiziente und abgestimmte Verwaltungsabläufe erwarten“, erklärte die IHK-Präsidentin weiter.

UVB-Chef: „Wie vorgezogenes Weihnachtsfest“

Der Chef der Unternehmensverbände UVB, Christian Amsinck, sagte, die Nachricht der Tesla-Ansiedlung sei wie ein „vorgezogenes Weihnachtsfest“. Und: „Brandenburg und Berlin können als dynamische Metropolregion punkten, als Industrie- ebenso wie als Wissenschafts- und Hightech-Standort. Brandenburg und Berlin müssen nun die notwendigen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Investition von Tesla zügig umgesetzt werden kann“, sagte Amsinck.

Stefan Franzke, Chef der Standortmarketingagentur Berlin Partner, sieht in der Entscheidung des amerikanischen Konzerns, in der Hauptstadtregion zu bauen, einen spektakulären Beleg für die internationale Strahlkraft Berlins. „Berlin ist und bleibt das Innovationszen-trum für die Mobilität der Zukunft. Die Entscheidung zeigt auch, Wirtschaftsförderung endet nicht an der Landesgrenze: Brandenburg hat die Flächen, Berlin hat die Talente. Über diesen gemeinsamen Erfolg können wir uns alle freuen“, sagte Franzke.

Ramona Pop: Berlin stehe wirtschaftlich gut da

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) hat die Ankündigung des E-Auto-Herstellers Tesla, ein Produktionswerk in Grünheide bei Berlin anzusiedeln als Zeichen der positiven Entwicklung Berlins in den letzten Jahrzehnten begrüßt. „Mit den Mobilitätsunternehmen Daimler und BMW, Bombardier, Stadler und der Mobilitätssparte von VW ist Berlin attraktiv für weitere Ansiedlungen“, sagte Pop am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus. Dazu kämen die Ansiedlungen des Siemens Innovations Campus in der Siemensstadt, die Rückkehr von Sony Music und der Ausbau des Standortes des Softwarekonzerns SAP. „Das bedeutet eine ganz neue Qualität an Ansiedlungen“, sagte Pop.

Die Opposition warf der rot-rot-grünen Landesregierung vor, die falschen Weichen für die Zukunft zu stellen. Mit der Einführung des geplanten Mietendeckels betreibe der Senat den größten Investitionsstopp der Stadt, kritisierte der Stadtentwicklungsexperte der CDU, Christian Gräff.

Dem widersprach Pop. Die Stadt stehe wirtschaftlich so gut da, wie nie seit dem Fall der Mauer. Die Arbeitslosigkeit befinde sich auf dem geringsten Stand seit der Wiedervereinigung, jedes Jahr entstünden 50.000 neue Arbeitsplätze.