Verkehr in Berlin

Berliner S-Bahn soll ohne Lokführer fahren

Acht-Milliarden-Auftrag bei der S-Bahn: Der Berliner Senat schreibt 1300 Wagen aus – und hat neue Pläne für die Zukunft.

Zwei S-Bahnen zwischen Gesundbrunnen und Bornholmer Straße.

Zwei S-Bahnen zwischen Gesundbrunnen und Bornholmer Straße.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin. Die neuen S-Bahnwagen in Berlin sollen auch ohne Lokführer fahren können. „Das wird angestrebt“, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) am Dienstag nach der Sitzung des Senats, der die Eckpunkte für die größte Ausschreibung in der Geschichte der Berliner S-Bahn beschlossen hat. Noch in diesem Jahr will die Senatsverwaltung die Bedingungen im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlichen.

Das autonome Fahren soll als Option für die Beschaffung der Wagen und den Betrieb enthalten sein. Dafür gebe es keinen festgelegten Zeitplan, sagte Stephanie Landgraf, Juristin in Günthers Verwaltung. Die Ausschreibung lege aber fest, dass der Verzicht auf einen menschlichen Fahrer „einführbar ist, wenn es zum Thema wird“. Dann sollte man nicht das komplette Fahrzeug auseinandermontieren müssen, um Systeme für das autonome Fahren zu installieren.

S-Bahn: Investitionen von acht Milliarden Euro

Noch ist der Verzicht auf Triebfahrzeugführer bei der Berliner S-Bahn Zukunftsmusik. Aber der Senat hat mit der Entscheidung vom Dienstag die Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt. Die neuen Wagen sollen von 2026 bis 2056 durch Berlin rollen. Das Finanzvolumen der Ausschreibung bezifferte Günther auf knapp acht Milliarden Euro für 30 Jahre Betrieb, den Kauf von 1300 Wagen und deren Instandhaltung. Von den Kosten trägt Berlin rund 90 Prozent und Brandenburg als Partner im Verkehrsverbund zehn Prozent.

Nach der bereits erfolgten Vergabe der Ringbahn an die Deutsche-Bahn-Tochter S-Bahn Berlin werden nun die beiden anderen Teilnetze ausgeschrieben: die Stadtbahn, die Berlin in Ost-West-Richtung quert, und die Nord-Süd-Linien. Das allein kostet rund drei Milliarden Euro für die ersten 15 Jahre und zwei Milliarden für die zweiten 15 Jahre. Für die beiden Teillose können sich einzelne Unternehmen bewerben. Aber auch eine Vergabe des Gesamtsystems ist möglich. Hierfür kommt aber nach allgemeiner Einschätzung vor allem der bisherige S-Bahnbetreiber Bahn infrage.

Während der Betrieb für 15 Jahre vergeben wird, veranschlagt Günther für die damit verbundene Beschaffung der 1300 neuen Wagen die doppelte Zeit, die der Lebensdauer der Fahrzeuge entspricht. Der Bieter für das Teillos „Beschaffung und Instandhaltung“ soll Pflichtenhefte für die Hersteller schreiben und die Fahrzeuge bestellen. Nach zwei Jahren, wenn die Gewährleistungsfrist abgelaufen ist, sollen die Wagen dann aber in den Besitz des Landes Berlin übergehen. So spart das Land die Rendite und die Kreditkosten eines privaten Erwerbers, was sich auf 800 Millionen Euro summieren soll.

S-Bahn muss Fuhrpark 30 Jahre lang warten

Das Unternehmen soll aber das rollende Material 30 Jahre lang in Schuss halten. Würde der Instandhaltungsvertrag wie der Betreiberkontrakt nur 15 Jahre laufen, bestehe die Gefahr, dass die Wagen nicht pfleglich behandelt würden und in schlechtem Zustand an Berlin fielen, so die Befürchtung.

Um die Wagen warten zu können, soll es mindestens eine neue Werkstatt geben. Das Land stellt dafür an der Schönerlinder Straße in Pankow ein Grundstück bereit. Darauf soll das in der Ausschreibung siegreiche Unternehmen die Werkstatt errichten, die nach Ablauf des Vertrages wieder ans Land geht. Eventuell will der Senat von Wartenberg aus Gleise zur neuen Werkstatt verlegen lassen, um auch die Stadtbahn dort anzuschließen.

Verkehrssenatorin will neue S-Bahn-Krise vermeiden

Mit dieser Konstruktion will die Verkehrssenatorin Berlin aus der Abhängigkeit von der S-Bahn Berlin befreien und eine S-Bahnkrise wie 2009 vermeiden. Die bundeseigene Bahn muss mit ihrem erwarteten Paketangebot für die beiden Netzteile sowie Beschaffung und Instandhaltung mit Bietern konkurrieren, die sich nur für einzelne Lose interessieren. Wenn die Unternehmen ihre vorläufigen, nicht verbindlichen Angebote eingereicht haben, will die Behörde mit ihnen verhandeln und Anforderungen formulieren, ehe dann die verbindlichen Angebote eingehen. Der Zuschlag könnte Ende 2021/22 erfolgen.

Mit dem Wettbewerbsverfahren erwartet Günther, dass es nicht nur einen Anbieter geben wird. „Monopolsituationen führen selten zu guten Preisen“, sagte die Senatorin. „Alles, was wir da zu viel zahlen, können wir nicht in die Qualität stecken“, so die Grünen-Politikerin.

Die oppositionelle FDP begrüßte den Versuch, Wettbewerb bei der S-Bahn zu erzeugen. „Die S-Bahn-Ausschreibung hat jetzt jedoch eine hohe Komplexität, was die Gefahr einer Verzögerung durch Verfahrensanfechtungen erhöht“, warnte der Abgeordnete Henner Schmidt. Dies könnte den S-Bahn-Betrieb über Jahre beeinträchtigen.