Schlaganfall-Mobile

Wie ein Berliner dank „Stemo“ einen Schlaganfall überlebte

In Berlin erleiden etwa 12.000 Menschen pro Jahr einen Schlaganfall. Die Regierungskoalition will die Schlaganfall-Mobile abschaffen.

Der ehemalige Schlaganfall-Patient Gerhard Weber. Der 70-Jährige arbeitet bereits wieder im Haus und im Garten.

Der ehemalige Schlaganfall-Patient Gerhard Weber. Der 70-Jährige arbeitet bereits wieder im Haus und im Garten.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. „Mein Mann wäre nie wieder gesund geworden, da bin ich mir sicher“, sagt Rosemarie Weber. „Ohne die schnelle medizinische Hilfe und den Einsatz des Schlaganfall-Mobils wäre er zu 100 Prozent ein Pflegefall geworden, wenn er das überhaupt überlebt hätte.“

Während die 69-Jährige erzählt, sitzt sie an der Seite ihres Mannes Gerhard im Wintergarten des gemeinsamen Hauses in Marzahn. Beide erinnern sich an einen Freitag im Frühjahr dieses Jahres. Die Gedanken kehren zurück zu den Morgenstunden des 8. März. „Es war kurz nach 7 Uhr, da hat Gerhard angefangen zu röcheln, konnte nicht mehr klar sprechen und sich nicht bewegen“, sagt Rosemarie Weber. Dann habe sie versucht, ihren Mann aufzurichten, habe das aber nicht geschafft, da er zu schwer für sie war. „Ich habe ihm Hustensaft gegeben, aber der ist ihm aus dem Mundwinkel wieder herausgelaufen.“ In diesem Moment hatte die 69-Jährige eine schreckliche Ahnung: „Das ist bestimmt ein Schlaganfall.“

Sie alarmierte die Feuerwehr. Kurze Zeit später traf ein Notarztrettungsfahrzeug ein, kurz darauf auch das Stroke-Einsatz-Mobil (Stemo) der Feuerwehr, bekannt auch als Schlaganfall-Mobil. Das kam von der Rettungswache im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn. Sofort begannen die Mediziner mit der Behandlung. Das Stemo ist ausgerüstet wie ein fahrbares Krankenhaus, mit einem mobilen Computertomographen (CT), Möglichkeiten zur Labordiagnostik und Geräten zur telemedizinischen Vernetzung mit Kliniken. Jede Minute zählt bei einem Schlaganfall und genau aus diesem Grund wurden drei dieser Stemo angeschafft.

Rot-Rot-Grün will Schlaganfall-Mobile abschaffen

Seit 2011 läuft das Berliner Hightech-Projekt mit diesen speziellen Rettungswagen für Schlaganfallpatienten. Im September dieses Jahres stand die Finanzierung plötzlich auf dem Prüfstand. Auf Antrag der rot-rot-grünen Koalition im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses sollte das Projekt aus Kostengründen beendet werden. Im Zuge der Beratungen für den Doppelhaushalt 2020/21 fiel die Entscheidung gegen die Weiterfinanzierung dieser drei Einsatzfahrzeuge. Kosten pro Jahr: etwa drei Millionen Euro. Für das Geld wollte die Koalition Rettungsfahrzeuge für die Feuerwehr anschaffen.

Zur Begründung sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Linke-Fraktion, Wolfgang Albers, dass es keinen Nachweis gebe, dass Schlaganfall-Patienten in Berlin durch die Stemo bessere Chancen hätten. Man wolle das Geld freimachen für die Anschaffung zusätzlicher moderner Rettungswagen und für mehr Personal bei der Feuerwehr, um so den einsatzfähigen Fuhrpark der Rettungsdienste im Sinne der schnellstmöglichen Hilfe berlinweit weiter zu verdichten. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte dann aber einige Tage später ein Machtwort gesprochen. Das Projekt soll bis mindestens 2021 fortgesetzt werden.

„Ohne das Stemo würde ich hier nicht mehr sitzen“

„Mein Kopf war klar, ich konnte auch denken und meinem Körper Befehle geben, aber der hat mir überhaupt nicht mehr gehorcht“, erzählt der 70-jährige Gerhard Weber. Er habe die Behandlung mit einem beruhigten Gefühl miterlebt. „Als ich in dem Fahrzeug lag, da war ich ja schon in einem Krankenhaus. Aber eines kann ich sicher sagen: Ohne das Stemo würde ich jetzt hier nicht mehr sitzen. In dem Fahrzeug wurde mein Leben gerettet.“ Und seine Frau ergänzt: „Wir hatten das große Glück, dass dieses Spezialfahrzeug bei uns im Einsatz war.“

Der behandelnde Oberarzt und ärztliche Stützpunktleiter des Stemo im UKB, Matthias Wendt, erklärt den Zustand seines Patienten zu Beginn der Behandlung im Spezialfahrzeug. „Zwischen der Alarmierung des Stemo am UKB und dem Beginn der lebensrettenden systemischen Lysetherapie vor Ort beim Patienten lagen gerade einmal 34 Minuten“, sagt er. „Herr Weber hatte einen Schlaganfall im Bereich der rechten Gehirnhälfte bei einem großen Gefäßverschluss der rechten mittleren Hirnarterie. Es bestanden eine ausgeprägte Sprechstörung und eine schwere Lähmung der gesamten linken Körperseite, sodass der Patient kaum noch sprechen konnte und nicht geh- und stehfähig war.“ Er sei in der Akutsituation ein Schwerstpflegefall gewesen, und es habe eine lebensbedrohliche Erkrankung bestanden. „In der im Stemo vor Ort durchgeführten Computertomographie konnte eine Blutung ausgeschlossen werden.“ Mit der medikamentösen Lysetherapie sei es gelungen, das geschlossene Gefäß wieder zu öffnen und der Patient habe nahezu symptomfrei das Krankenhaus wenige Tage später wieder verlassen können.

1,9 Millionen Nervenzellen sterben pro Minute im Gehirn ab

Die Mediziner sprechen bei der Schlaganfallbehandlung von der „Golden hour“, der „goldenen Stunde“. Damit beschreiben sie die Dringlichkeit der Behandlung in der ersten Stunde nach einem Schlaganfall und dem damit verbundenen späteren Therapieerfolg. Bei einem Schlaganfall sterben pro Minute etwa 1,9 Millionen Nervenzellen im Gehirn ab. „Im Stemo können wir mit dem CT sofort erkennen, ob die Symptome des Patienten von einem Gefäßverschluss oder einer Gehirnblutung verursacht wurden“, sagt der Oberarzt. Die Symptomatik sei sehr ähnlich, die Behandlung eine völlig andere. „Je früher mit der richtigen Behandlung begonnen werden kann, um so besser ist es für den Patienten.“

Nach Aussage des Neurologen und Notfallmediziners Wendt kann mit dem Stemo sechsmal häufiger erfolgreich therapiert werden als mit dem Rettungswagen (RTW), der den Patienten erst in ein Krankenhaus bringen muss. „Die Behandlung kann mit dem Stemo beschleunigt werden“, sagt Wendt. „Wir sprechen von einem Zeitvorteil bis Beginn der Therapie von 25 Minuten.“ Von der Alarmierung bis zum Beginn der Behandlung dauert es mit dem Stemo statistisch 52 Minuten, mit dem Rettungswagen 77 Minuten. „Ich bin glücklich, wenn ich sehen kann, dass sich der Zustand der Patienten bereits während des Einsatzes verbessert.“

Liegt der Verdacht auf einen Schlaganfall vor, werden grundsätzlich das Stemo und ein RTW alarmiert. So kann die Zeit bis zum Eintreffen des Schlaganfall-Mobils überbrückt werden. „Wenn ein Patient in der zehnten Etage in einem Hochhaus in Marzahn einen Schlaganfall hatte, kann er in dieser Zeit schon nach unten transportiert werden“, sagt Wendt. „Die Mediziner im Stemo können dann sofort mit der Behandlung beginnen.“

Der Schlaganfall gilt als häufigste Ursache für Behinderungen in Deutschland und ist eine der drei häufigsten Todesursachen. „In Berlin erleiden etwa 12.000 Menschen jedes Jahr einen Schlaganfall“, sagt Wendt. Jedes der drei Stemo kommt pro Einsatztag auf durchschnittlich sieben Einsätze, also etwa 20 Einsätze insgesamt.

Rasenmähroboter Fridolin hilft im Garten

Gerhard Weber musste nach seiner Entlassung nochmal zu einer Operation in ein Krankenhaus in Köpenick und ging dann zu einer Reha nach Tegel. „Am Anfang bin ich auf dem Reha-Gelände von Bank zu Bank gelaufen, kurz darauf habe ich nur noch an jeder zweiten Bank pausiert“, sagt er. „Nach drei Wochen bin ich schon durch Alt-Tegel gelaufen und Ostern war ich schon wieder ganz der Alte.“

Gemeinsam mit seiner Frau genießt er nun die Zeit nach dem Schlaganfall viel intensiver. Das Ehepaar spricht von „geschenkter Zeit.“ „Ich bin allen Verantwortlichen unsagbar dankbar, dass die Schlaganfall-Mobile angeschafft wurden, und ich hoffe, sie handeln jetzt klug und überlegen es sich noch einmal, ob sie die Fahrzeuge wirklich wieder abschaffen wollen“, sagt Rosemarie Weber. „Ein solches Fahrzeug ist sicher teuer, aber die jahrelange Pflege eines Patienten auch. Es geht ja nicht nur um ein Fahrzeug, es geht um Menschenleben.“

Der Rentner arbeitet bereits wieder im Haus und im Garten, kann laufen und seinen Arm bewegen. Nur mit dem Rasenmähen klappt es noch nicht. „Das war aber auch kein Problem“, sagt der 70-Jährige. „Wir haben uns einen Rasenmähroboter gekauft und ihn Fridolin getauft.“