Klimaproteste

„Extinction Rebellion“ in Berlin: Aufstand für das Klima

Umweltschützer blockieren in Berlin den Verkehr. Was die "Rebellen" zum Protest treibt.

Viele Demonstranten wie die „Red Rebel Brigade“  kamen kostümiert zum Großen Stern und Potsdamer Platz.

Viele Demonstranten wie die „Red Rebel Brigade“ kamen kostümiert zum Großen Stern und Potsdamer Platz.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Die Nacht von Helena Marx war kurz. „Wir sind um zwei Uhr aufgestanden und haben die erste Blockade errichtet.“ Wie mehrere Hundert andere Aktivisten der Organisation "Extinction Rebellion" (XR) kroch sie aus ihrem Zelt im Klimacamp am Kanzleramt hinaus in die kalte Nacht. Ihr Weg führte die Klimaprotestler in mehreren Gruppen zum nahen Großen Stern. Dort legten sie mit Sitzblockaden den Straßenverkehr seit den frühen Morgenstunden lahm.

Mit einem Protestcamp und mehreren Demonstrationen und angekündigten Blockaden will die Protestgruppe "Extinction Rebellion" in dieser Woche auf die Klimaprobleme aufmerksam machen und die Bundesregierung zum Handeln bewegen. So zumindest wurde es im Vorhinein bekanntgegeben. Seit Montagfrüh ist klar: Das veröffentlichte Programm ist nur ein Teil der Strategie. Die Aktivisten wollen die ganze Woche über Straßen in Berlin blockieren und den Verkehr stören – auch ohne Vorwarnung.

Proteste mit Morgengymnastik am Großen Stern

Am Montagmorgen gelang der Plan der Protestler. Auch weil die Polizei darauf verzichtete, den Kreisel rund um die Siegessäule zu räumen. Stattdessen sperrten Streifenwagen die Zufahrten in Richtung Großer Stern weiträumig ab und leiteten den Autoverkehr um. Auf den freien Flächen an der Siegessäule tanzten und sangen derweil die Aktivisten, immer wieder ihre Protestrufe schreiend: „Rauf mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle!“ Einige hielten sich mit Morgengymnastik und Yoga warm und beweglich, während andere den fehlenden Schlaf eingepackt in Rettungsdecken nachholten.

Ein weiterer Trupp begann währenddessen damit, in Windeseile ein rund zehn Meter langes Holzboot zu zimmern. „Sagt die Wahrheit“, pinselten Helfer auf die Seitenwand. „Die Arche ist das klassische Symbol für die Rettung“, sagte ein Aktivist. „Wenn wir jedoch weitermachen wie bisher, ist auch das keine Rettung mehr.“

Mit ähnlichen Gedanken im Kopf ist Britta Hirschberger mit ihren zwei kleinen Kindern aus Braunschweig nach Berlin zum Klimacamp gereist. „Ich fühle mich verpflichtet, mich für die Zukunft meiner Kinder einzusetzen“, sagte sie. Die Mutter hat sich ausgemalt, wie der Planet wohl aussehe, wenn ihre Kinder alt seien. „Wenn die Prognosen so eintreten, ist die Welt dann schon richtig scheiße, wenn wir jetzt nichts machen.“ Ihr selbst sei Umweltschutz schon immer wichtig gewesen.

Die Proteste von „Fridays for Future“ haben noch nichts geändert

Doch auch 30 Jahre lang den Müll zu trennen und die meiste Zeit ohne eigenes Auto zu leben, hätten letztlich nicht geholfen, ja nicht mal der Protest von Fridays for Future habe wirklich etwas an der Politik geändert, sagt sie. „Da waren 1,4 Millionen Menschen auf der Straße, und das wird trotzdem von der Politik ignoriert“, konstatiert Hirschberger. Da müsse man schließlich zu anderen Mitteln greifen.

Dazu ist auch Helena Marx bereit. „Es ist an der Zeit, einen Protest zu starten, der sich von den anderen abhebt, und Dinge zu tun, die nicht nur legal sind.“ Nur so, findet die junge Frau, lasse sich die Bundesregierung zum Handeln bewegen. Die Freiburgerin zeltete dafür bereits seit Sonnabend im Klimacamp am Bundeskanzleramt. Kalt seien die Nächte. Doch mit einer guten Isomatte und zusätzlicher Decke gehe es, erklärte Marx. „Und ganz wichtig ist die Wärmflasche.“ Dann hört sie „Buntspecht“-Rufe. So heiße ihre Gruppe. Sie müsse nun zum Treffen. „Es geht darum, wie die weitere Planung abläuft.“

Am Mittwoch soll der Kudamm blockiert werden

Was daraus wurde, zeigte sich gegen Mittag: Neben der angemeldeten Demonstration am Potsdamer Platz blockierten die Aktivisten plötzlich auch dort die Straße. Die ganze Woche über wollen die Klima-Aktivisten in der Stadt an markanten Orten den Straßenverkehr zeitweise lahmlegen, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen. Voraussichtlich am Mittwoch soll es zu einer Sitzblockade am Kurfürstendamm kommen.

Die Veranstalter äußerten sich am Montag offiziell nicht dazu. Allerdings planen die 80 Ortsgruppen von "Extinction Rebellion" seit Monaten an der Aktionswoche in Berlin. „Ich vermute, dass noch einige weitere Straßen blockiert werden“, sagte Tino Pfaff aus dem XR-Presse-Team vielsagend.

Noch ist unklar, wie stark „Extinction Rebellion“ ist

Wie viele Unterstützer die Gruppe hat, ist unbekannt. Sie ist dezentral organisiert, jede Gruppe entscheidet selbst, welche Aktion sie unterstützt oder eigenständig plant. Wie stark die Bewegung ist oder sich in den kommenden Monaten ähnlich wie die Schülerdemonstrationen von Fridays for Future entwickelt, ist nach Ansicht von Swen Hutter noch nicht klar. Der Protestforscher vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) hat sich am Montag selbst ein Bild von den Veranstaltungen in Berlin gemacht.

„In der Dynamik des Konflikts über die Klimapolitik profitieren beide Seiten“, sagt Hutter. „Die Auseinandersetzung wird angeheizt durch Inhalte.“ Und da hat die Bundesregierung mit ihrer Aufweichung des ohnehin umstrittenen Klimapakets der Bewegung gleich am Anfang der Woche eine Steilvorlage gegeben. Ob Extinction Rebellion den Schülern von Fridays for Future den Rang ablaufe, sei noch nicht absehbar. „Im Moment zeigt es eher, wie bunt und breit das Bündnis ist“, sagt Hutter.

Verwirrt von der Symbolik der Aktivisten

Hin- und hergerissen ist Ellen. Die Lehrerin aus Berlin unterstützt einerseits die Ziele der Klima-Demonstranten, andererseits ist sie auch von bestimmten Ritualen von Extinction Rebellion irritiert. Das wechselseitige Nachsprechen von Slogans und das Verteilen von selbst gefertigten Gesangsbüchern erinnert sie stark an Gottesdienste. Und auch das Logo der Aktivisten – eine stilisierte Sanduhr in einem roten Kreis – verwirrt die Lehrerin. Verbirgt sich dahinter düstere Symbolik?

Dennoch demonstriert sie an diesem Montag auf dem Potsdamer Platz mit mehreren Hundert anderen Menschen gegen die Klimapolitik der Bundesregierung. Viel schneller und viel wirksamer müsse Deutschland auf den Klimawandel reagieren, sagt sie.

Am Nachmittag verschärfte sich an der Siegessäule kurz die Lage. Als die Polizei mit den Veranstaltern um eine Lösung verhandelt, suchen einige Aktivisten Freiwillige, die sich an den Platz ketten lassen, um zu zeigen, dass die Demonstrationen nicht weichen wollen. Sie lehnen das Angebot ab. Es kommt zu weiteren Verhandlungen. Am frühen Abend räumt die Polizei zunächst den Potsdamer Platz.

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