JVA Tegel

Nach Fluchtversuch: "Maskenmann" nun auf Abschirmstation

Nach der gescheiterten Flucht des „Maskenmannes“ prüft die Justizverwaltung, wie er die Zellengitter zum Schmelzen bringen konnte.

Die Fenster der Justizvollzugsanstalt haben Schwachstellen, wie der jüngste Ausbruchsversuch des "Maskenmannes" belegt.

Die Fenster der Justizvollzugsanstalt haben Schwachstellen, wie der jüngste Ausbruchsversuch des "Maskenmannes" belegt.

Berlin. In der Justizverwaltung gibt es eine ungeschriebene Regel: Seit der damalige Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) nach dem Ausbruch zweier Männer aus der Justizvollzugsanstalt Moabit im Mai 2014 von einem „sehr klugen Plan“ gesprochen hatte und die Ausbrecher als „sehr sportliche und begabte Täter“ bezeichnete, sind Respektbekundungen für Gefängnisausbrecher unzulässig.

"Maskenmann" soll Fluchtversuch von langer Hand vorbereitet haben

Auch nach dem gescheiterten Ausbruchsversuch vom frühen Montagmorgen mühte sich die Justizverwaltung daher, den gescheiterten Fluchtversuch möglichst nüchtern darzustellen. Im Umfeld der Bediensteten wird aber doch von „MacGyver“-Methoden und einer „erstaunlichen Kreativität“ gesprochen. Tatsächlich hatte der 52 Jahre alte Mann, ein Schwerverbrecher, der 2014 wegen versuchten Mordes verurteilt wurde und als „Maskenmann“ bekannt wurde, seinen Ausbruchsversuch offenbar von langer Hand vorbereitet.

Insasse bog Stuhlbein zu einem Wurfanker um

Wie am Dienstag bekannt wurde, hatte er aus einem Tischbein einen Haken gebaut und ein Stuhlbein zu einem Wurfanker umgebogen. Damit wollte er von dem Vordach der Teilanstalt V offenbar die äußere Sicherungsanlage des Tegeler Gefängnisses überwinden. „Das wäre aber nicht erfolgreich gewesen“, versicherte am Dienstag der Sprecher der Justizverwaltung, Sebastian Brux.

Der Gefangene hätte Mauern und Zäune mit Stacheldraht erklimmen müssen, der Fluchtversuch wäre über Kameras zu sehen gewesen, außerdem wäre Alarm ausgelöst worden. „Er hätte es nur bis zum Freigelände geschafft, auf das er sowieso jeden Tag darf“, sagte Brux.

"Maskenmann" brachte mit chemischer Reaktion Gitterstäbe zum Schmelzen

Soweit kam der „Maskenmann“ aber gar nicht. Denn ein Bediensteter entdeckte ihn am Montag bereits gegen 4.30 Uhr, als er sich an der Fassade des Gebäudes, in dem seine Zelle untergebracht ist, abseilen wollte. Wie er jedoch so weit kommen konnte, erstaunte selbst langgediente Vollzugsbeamte. Denn der gelernte Dachdecker hatte es geschafft, Stromdrähte zum Zellengitter zu verlegen und mit den Metallstäben zudem eine chemische Reaktion auszulösen, die auch beim Zusammenschweißen von Eisenbahnschienen genutzt wird.

Im Zusammenspiel erhitzte sich das Metall dadurch so stark, dass die Gitterstäbe schmolzen. Wie genau der Mann das Gemisch herstellte, wird nun von Spezialisten des Landeskriminalamtes untersucht. „Wenn wir das Ergebnis haben, werden wir prüfen, ob einzelne Substanzen im Gefängnis verboten werden“, kündigte Brux an. Vorwürfe, der Ausbruchsversuch sei wegen fehlender Bediensteter ermöglicht worden, wies Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) in einer Sitzung des Rechtsausschusses am Dienstag zurück. Das Personal in der Teilanstalt I sei zum Zeitpunkt des Ausbruchs voll besetzt gewesen.

In der Zelle befanden sich Zitronennetze, Putzmittel und Backzutaten

Am Donnerstag vergangener Woche, also wenige Tage vor dem Fluchtversuch, hatten Bedienstete zudem routinemäßig den Haftraum des Gefangenen durchsucht. Wie bei Personen mit einer sogenannten Sicherheitsverfügung üblich, sei dabei auch das Zellengitter kontrolliert worden. Verbotenes hätten die Beamten bei der Durchsuchung nicht festgestellt.

In seiner Zelle hätten sich nur Zitronennetze, Putzmittel und Backzutaten befunden. Laut dem Chemie-Professor Ulrich Abram von der Freien Universität Berlin ist es nur „schwer vorstellbar“, dass der Gefangene mit diesen einfachen Zutaten Metall zum Schmelzen brachte. Im Handel seien aber Substanzen erhältlich, mit denen man Metall einfach erhitzen könne.

Ausbrüche und Ausbruchsversuche hatte es in Berliner Gefängnissen immer wieder gegeben. Anfang Februar 2018 hatte es ein Gefangener in der JVA Tegel geschafft, in einen Lieferwagen zu klettern und unbemerkt nach draußen zu gelangen. Als Vollzugsbeamte das Fahrzeug bei der Ausfahrt kontrollierten, wurde der Ausbrecher nicht bemerkt.

Zuvor hatte er mit einer selbst gebastelten Attrappe aus Stoffresten und Toilettenpapier samt Mütze in seiner Zelle Anwesenheit vorgetäuscht. Erst Stunden später war bemerkt worden, dass der Mann fehlte. Später wurde er in Belgien gefasst. Die Flucht hatte Justizsenator Behrendt in Erklärungsnot gebracht: Es war das zehnte Mal innerhalb von sechs Wochen, dass Häftlinge aus einem Berliner Gefängnis entkamen. Alle kehrten wieder zurück oder wurden gefasst.

52-Jähriger jetzt auf spezieller Station untergebracht

Die beiden Ausbrecher, denen der frühere Justizsenator Heilmann attestiert hatte, besonders „sportlich“ und „begabt“ zu sein, hatten die Gitterstäbe ihrer Zelle in der JVA Moabit durchgesägt. Dann seilten sie sich mit einem Bettlaken ab, liefen über den Innenhof und sprangen auf ein Vordach, um schließlich einen drei Meter hohen Zaun zu überwinden. Den Bürgersteig außerhalb des Gefängnisgeländes erreichten sie über das Dach des Besuchereingangs. Einer der Ausbrecher wurde später in Belgien gefasst.

Der als „Maskenmann“ bekannt gewordene Gefangene wird nach seinem gescheiterten Fluchtversuch zunächst auf einer sogenannten Abschirmstation mit besonderen Sicherheitsvorkehrungen untergebracht.