Jubiläum

Ohne den Fernsehturm wäre Berlin nicht Berlin

Vor 50 Jahren wurde der Fernsehturm eröffnet. Er schaffte es vom Prestigeprojekt der DDR zum Liebling ganz Berlins. Ein Besuch.

Blick von der Dachterrasse des Park Inn am Alexanderplatz auf den Fernsehturm.

Blick von der Dachterrasse des Park Inn am Alexanderplatz auf den Fernsehturm.

Foto: Reto Klar

Berlin. Einen Fehler durfte man als Zugezogener im West-Berlin der 90er-Jahre niemals machen: Funk- und Fernsehturm zu verwechseln. Dann wurde man zurechtgewiesen. War doch klar, welcher Turm der wahre Berliner war: der ältere der beiden nämlich, eröffnet 1926 am Messegelände – und keinesfalls das protzige Aushängeschild des Sozialismus am Alexanderplatz. Ähnlich fatal wie diese Verwechslung war es, wenn man im Ostteil vom „Telespargel“ sprach. Niemand, lernte man, habe den Fernsehturm je so genannt. Angeblich hatten DDR-Obere dem Volk diesen Spitznamen in den Mund gelegt. Auch hier war klar, welcher der wahre Turm war. Von gut 220 Metern Höhenunterschied blickte man gelassen auf den spielzeugkleinen Funkturm im Westen herab.

Inzwischen ist der Fernsehturm längst ein Gesamtberliner, zum Glück. Wer mit dem Flugzeug in Berlin landet, kennt dieses Gefühl, wenn man aus dem Fenster schaut: Da! Egal, ob halb in den Wolken, ob tiefschwarz vorm Sonnenuntergang oder als silbrige Stecknadel im sonnigen Häusermeer – der Moment, in dem man den Fernsehturm entdeckt, löst ein Gefühl des Ankommens aus.

Manchmal spiegelt sich die Sonne in Form eines Kreuzes auf seiner Kugel – man nennt es die „Rache des Papstes“, der Begriff hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Wo dieser Turm steht, ist Zuhause, egal ob in Ost oder West. Dass der Fernsehturm-„Geburtstag“ ausgerechnet auf den 3. Oktober fällt, seit 1990 Tag der deutschen Einheit: ein Zeichen? Hätte Walter Ulbricht das gewusst!

Der Turm steht plötzlich wie ein Elefantenfuß da

Steigt man am Bahnhof Alexanderplatz aus, steht der Turm wie ein grauweißer Elefantenfuß vor den Bahnhofsfenstern. Überhaupt begegnet einem das Bauwerk im Alltag an den ungewöhnlichsten Orten. In der Innenstadt taucht der Turm unversehens zwischen Baudenkmälern auf, leuchtet als gigantischer „Mond am Stiel“ vom Nachthimmel. Auf der Autobahn aus Norden kommend ragt er schon am Horizont empor, wenn von der Stadt noch gar nichts zu sehen ist. Das höchste Bauwerk Deutschlands: eine Landmarke. Und irgendwer macht davon immer ein Foto. Der Fernsehturm ist Berlins meistfotografiertes Motiv. Ohne ihn wäre Berlin nicht Berlin.

Aber wie ist er denn, der Fernsehturm, wenn man ihn heute besucht? Eine Reise zurück in die DDR, in die Zeit, als sich Warteschlangen endlos um die spitzflügeligen Pavillons am Fuß des Turms wanden? Als es ohne Beziehungen praktisch unmöglich war, ins Drehrestaurant zu kommen? Ja – und nein.

Hat man den Einlass erstmal bewältigt, läuft man durch dieselbe ehrwürdige holzgetäfelte Rotunde zu den Fahrstühlen wie einst. Auch wenn der Turm Mitte der 90er-Jahre komplett saniert wurde – er steht unter Denkmalschutz, innen wie außen. Für einen Moment ist die DDR auch olfaktorisch wieder da. Irgendwas hat hier über 50 Jahre das Aroma der DDR konserviert.

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Doch an dem Punkt muss man erstmal ankommen. Denn draußen, rund um den Turm, wartet auf die Besucher eine verwirrende Mischung aus Vorstadttristesse und brüllender Großstadt. In den denkmalgeschützten Pavillons des Turms buhlen eine Spielbank und touristische Großrestaurants um Aufmerksamkeit. Eine kindgerechte Multimedia-Ausstellung zu Berlins Geschichte hat ihren Eingang direkt neben der Schau, die Kunst aus toten menschlichen Körpern zeigt. Im Untergeschoss: Uringeruch, Leerstand. Vor dem Turm-Eingang sitzen Touristen und Obdachlose gemeinsam beim Bier auf Bänken. Es wird gekifft, Kinder hüpfen auf Trampolins, Bierbikes und Rikschas kreuzen. Am Rand steht fast immer die Polizei.

Die Umgebung zwischen Alexanderplatz und Marienkirche gilt nicht nur als meistfrequentierte Zone der Stadt, sondern auch als gefährlicher Ort. Während an diesem Montagnachmittag eine Schulklasse aus Bayern ihren Berliner Altersgenossen dabei zuschaut, wie sie zu Sounds aus einer Handy-Box eine Choreografie tanzen, greift ein paar Meter weiter ein Mann einen Obdachlosen mit einer abgebrochenen Flasche an. Er verletzt ihn schwer. Krankenwagen, Polizei – die meisten Passanten bekommen gar nichts davon mit.

Auch der Wachmann am Fernsehturm signalisiert, dass hier jemand aufpassen muss. Drinnen sind die Sicherheitsbestimmungen fast wie am Flughafen. 3500 Besucher hat der Turm im Durchschnitt an Tag, 1,2 Millionen kommen im Jahr, 60 Prozent aus dem Ausland. Die Kommunikation ist schwierig. Am Ticketautomaten rätseln drei französische Studenten: statt des Eintrittspreises zeigt der Bildschirm eine Weltkarte. Geht es hier um eine Reise? Ah, non, um die Sprache. Als der Automat endlich drei Tickets ausspuckt, bekommen die Jungs den Beifall der anderen Wartenden. Die Automaten sind zwar ähnlich kompliziert wie bei der Bahn, doch hier herrscht nicht Ungeduld, sondern die Abenteuerstimmung von Weltentdeckern.

Ein Foyer wie ein Weltraumbahnhof

Überhaupt erinnert im Fernsehturm vieles ans Reisen. Im Foyer wird die Kassenschlange (ja, es gibt noch eine) wie am Flughafen mit Absperrbändern organisiert. An den Wänden zeigen Digitaluhren die Zeitzonen der Welt, als befinde man sich in einem Weltraumbahnhof, von wo aus man in 40 Sekunden in eine andere Galaxie gebeamt wird – und nicht nur in eine Aussichtsetage mit Restaurant. Die Kuppel sollte übrigens tatsächlich an einen sowjetischen Sputnik-Satelliten erinnern. Sputnik wäre beinahe auch Namenspaten geworden, aber dann waren die Amerikaner schneller auf dem Mond.

Zwei Fahrstuhlbegleiter teilen die Wartenden resolut in Grüppchen. „Zu viert? Da warten. Allein? Mitkommen!“ Gestikulierend wird erklärt: Rucksäcke bitte auf den Boden stellen. Warum, versteht man im Fahrstuhl. Es wird eng. Maximal 15 Personen passen in den Aufzug, aber bevor jemand Atem holen und zum Meckern ansetzen kann, deutet der Fahrstuhlbegleiter nach oben. „Hier sehen Sie die Höhenanzeige digital – und dort unser Fahrtziel.“

Er lächelt wissend, als sich 15 Augenpaare an einem Deckenfenster festsaugen, von dem man direkt in den Fahrstuhlschacht schauen kann – bis in 225,5 Meter Höhe. Es fühlt sich an wie im Thriller, wenn Menschen in Fahrstuhlschächte fallen. Nur dass man hier nach oben saust, mit 21 Kilometern pro Stunde. Es könnte einem schwindelig werden, aber man kann ja nicht umfallen in der Enge. Und nach 40 Sekunden ist man da. Als eine Besucherin wissen will, ob das Guckfenster neu sei, fragt der Fahrstuhlbegleiter belustigt zurück: „Wann waren Sie das letzte Mal hier?“

Gute Frage. Wahrscheinlich hat jeder Berliner eine Erinnerung an der Fernsehturm. Wie man als Kind hier war und hinterher Softeis am Alex bekam. Wie man mit dem Westbesuch schnell wieder ging, weil für ihn Schlangestehen nicht in Frage kam. Und selbst wer als Berliner noch nie hier oben war, musste sicher schon mal die Frage beantworten: warum nicht?

Auf der Aussichtsebene braucht man einen Moment, um sich zu orientieren. Zwar liegt Berlin jetzt unten wie ein riesiger Stadtplan ausgebreitet. Hier fließt silbern die Spree, da liegt dunkel der Tiergarten. Alles da. Trotzdem fehlt der entscheidende Orientierungspunkt – der Fernsehturm.

„Siehst du die gläserne Kuppel?“, ein älterer Mann legt seiner Frau den Arm um die Schultern. „Oh, der Reichstag!“ Sie kämen aus Franken, sagen die beiden, der Besuch hier oben war eine spontane Idee, „aber eine sehr gute“. Draußen verzaubert die Dämmerung Berlin zu einer Vitrine voller golden angestrahlter Kleinodien. Dom, Oper, Brandenburger Tor. Das Paar beschließt, zu Fuß über Unter den Linden zurück ins Hotel nach Charlottenburg zu laufen.

Doch erst muss noch ein Bild vom Sonnenuntergang gemacht werden. Dafür ist die „blaue Stunde“ am Abend die beste Tageszeit. Der Turm hat täglich bis Mitternacht geöffnet, aber wenn die Sonne untergeht, drängeln sich die Menschen wie auf einem Kreuzfahrtschiff an den westlichen Fenstern. In zahlreichen Sprachen wird diskutiert, was man sieht, viersprachige Erklärtafeln unter den Fenstern helfen dabei.

Man fühlt sich noch aus einem anderen Grund wie auf einem Schiff. Da ist dieses Rumoren. Ein leises Stampfen von Motoren. Keine Einbildung, sondern die Technik des Drehrestaurants eine Etage weiter oben. Für das man übrigens eine Reservierung braucht und auch eine Eintrittskarte. Ohne gibt’s maximal einen Blick durch die Tür. Oft wird gefragt, ob der Turm schwankt? Ja, tatsächlich, aber maximal um 15 Zentimeter.

Im Fahrstuhl nach unten herrscht zufriedenes Schweigen. Die meisten Besucher sind dabei, ihre Eindrücke zu sortieren. Wer sich noch etwas Zeit nimmt, kann im Durchgang zu den Fahrstühlen Schwarzweiß-Fotografien aus der Bauzeit des Fernsehturms anschauen. Man sieht: Ost-Berlin war Ende der 60er-Jahre nicht nur eine Baustelle. Es war eine Nachkriegs-Wüste. Die heutigen Baustellen, die einem als Stadtbewohner manchmal den Nerv rauben, sind nichts gegen den Auf- und Umbau, der damals binnen weniger Jahre geschah.

Nach dem Rundumblick von oben folgt, um zur Weltraum-Analogie zurückzukehren, leider ein harter Rücksturz zur Erde.

Bären, Tassen, Schneekugeln, alles mit Turm – vom Fahrstuhl aus werden die Besucher geschickt durch die Souvenir-Regale geleitet wie an Flughäfen oder Museen. Und leider muss man sagen: So stilvoll und schön die Vorlage ist, so beliebig sind die Repliken, die hier angeboten werden. „Oh my goodness!“, eine Amerikanerin zieht kichernd ein buntes Ding aus dem Regal – die „Trinkflasche TV-Turm“ zu 8,99 Euro. Das Cocktailglas aus Plastik hat eine charakteristische Kugel, die Turmspitze ist ein Strohhalm. Auch zwei Spanierinnen lachen sich darüber kaputt.

Am Verkaufstresen dagegen dreht sich ein grauhaariger Mann mit Tränen in den Augen zu seiner Frau um: „Mann! Den Fernsehturm zum Zusammenbauen gibt’s gar nicht mehr! Nur noch Kitsch alles hier!“ Sie nimmt ihn beschwichtigend in den Arm. Der Plastikturm zum Zusammenbauen war zu DDR-Zeiten ein Renner. Ein Drittel ihrer Besucher, haben die Betreiber erfragt, ist schon einmal da gewesen. Die Frage ist nur, wann das gewesen ist. Für viele Menschen ist der Besuch des Berliner Fernsehturms wohl auch eine Reise tief in die eigene Vergangenheit.

Berliner Fernsehturm, Panorama­straße 1A, 10178 Berlin, tv-turm.de. Geöffnet tgl. 9–24 Uhr, (Nov.–Feb.: 9–24 Uhr). Eintritt 16,50 Euro, Kinder (4 bis 14 Jahre ) 9,50 Euro. Am 3. Oktober geöffnet nur von 9–16 Uhr, dafür gibt es Sondertickets, die den Eintrittskarten von 1969 nachempfunden sind.