Antisemitismusbericht

Judenhass in Berlin: Bedroht, beschimpft, geschlagen

Laut RIAS ging der Antisemitismus im ersten Halbjahr 2019 zurück. Vor allem im Internet. In den Straßen Berlins sind Juden trotzdem gefährdet.

 Ein Mann trägt auf einer Kundgebung eines Bündnisses gegen Antisemitismus eine Kippa.

Ein Mann trägt auf einer Kundgebung eines Bündnisses gegen Antisemitismus eine Kippa.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Hass auf Juden und Israelis ist in Berlin alltäglich. Mehr als das. 404 Fälle an 180 Tagen. Das zählt das Recherche und Informationsstelle Antisemitismus RIAS für das erste Halbjahr 2019. Dunkelziffer unbekannt. Vier Beispiele:

8. Januar: Einer Frau fährt im Bus M27 durch Mitte, telefoniert. Dann zieht ihr ein Mann die Mütze mit Gewalt vom Kopf, sie fällt dadurch fast vom Sitz, richtet sich wieder auf und blickt in ein wutentbranntes Gesicht, wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Sie hat auf Hebräisch telefoniert.

9. Januar: Streit in Lichtenberg. Ein Mann beschimpft seinen Nachbarn als „Judensau“, „Judenfotze“, „Judenwichser“ und „Falsches Judenpack“. Er droht: „Dann schick ich dir ein paar Leute vorbei, da träumt der Führer von.“

10. Mai: Am Gedenkort für die Opfer des terroristischen Anschlags am Breitscheidplatz wird die Israel-Flagge neben dem Bild der israelischen Ermordeten Dalia Elyakim verbrannt.

18. Juni: Drei Männer sprechen in der Nähe des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz einen andren an, fragen ihn aus, auch nach seiner Religion. Dann schlägt ihm einer ins Gesicht. Weil er Jude ist.

Zahl der Angriffe weiter hoch

Diese Vorfälle wurden zwischen Januar und Ende Juni 2019 bei RIAS gemeldet. Am Donnerstag veröffentlichte die Recherchestelle sie, gemeinsam mit den aktuellen Statistiken. Sie verzeichnen einen Rückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Waren es vor einem Jahr 579 antisemitsche Vorfälle, zählte RIAS bis Ende Juni diesen Jahres 404. Dabei ging die Zahl der gemeldeten körperlichen Angriffe zwar von 23 auf 13 zurück. Im ersten Halbjahr 2017 waren es 9. Auch die Zahl der Sachbeschädigungen und Bedrohungen ging leicht zurück, die der antisemitische Aussagen deutlich.

Für den Antisemitismusbeauftragten des Landes Berlin, Lorenz Korgel, ist das kein Grund zur Entwarnung. „Antisemitismus bleibt ein gravierendes Problem, mit dem wir uns in Berlin nicht abfinden dürfen. Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist weiterhin auf einem hohen Niveau.“

Man wisse, so Korgel weiter, dass antisemitische Großereignisse jederzeit und sehr kurzfristig einen drastischen Anstieg der Fallzahlen zur Folge haben können. Das gelte vor allem im Internet. RIAS Berlin hat bis Juni 2019 mit 180 Vorkommnissen deutlich weniger Vorfälle im Netz registriert. 299 waren es 2018. Laut Korgel sind die Hasswellen im Internet oft mit medialer Berichterstattung über eine Zuspitzung des Nah-Ost-Konflikts verknüpft. Von einer Zurückdrängung von Judenhass im Internet könne keine Rede sein.

Während die Fallzahlen im Internet laut RIAS rückläufig waren, ist die Zahl der von antisemitischen Vorfällen unmittelbar betroffenen Jüdinnen und Juden nahezu gleich geblieben. Ein Sprecher von RIAS sagte der Berliner Morgenpost: „Dabei ist das Alarmierende: oft reicht es für einen Angriff aus, wenn jemand durch einen Davidstern als Jude zu erkennen ist. Oder weil er Hebräisch spricht.“

Rechtsextreme Vorfälle bleiben konstant hoch

Besonders oft werden Juden in Mitte angegriffen, gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg. Dort fanden laut RIAS die meisten antisemitischen Übergriffe statt.

Die Recherchestelle erfasst auch die politischen Hintergründe antisemitischer Taten. Dabei konnte der bei einem Großteil der Fälle nicht ermittelt werden. Während die Polizeistatistik diese automatisch als rechtsextremistisch einstuft, macht RIAS das nur bei deutlichen Hinweisen zu neonazistischem Gedankengut. Rechtsextreme Fälle von Antisemitismus sind mit 120 im ersten Halbjahr 2019 nahezu unverändert hoch wie im Vorjahreszeitraum. Nicht-religiöser, israelfeinlicher Aktivismus macht die drittgrößte Gruppe aus.

Der Antisemitismus-Beauftragte Korgel sagt dazu: „Dort, wo jüdisches Leben sichtbar wird, gibt es die Gefahr von Anfeindungen und Angriffen. Das ist eine anhaltende Entwicklung, an die wir uns nie gewöhnen dürfen.“ Man müsse Antisemitismus in allen seinen Facetten im Auge behalten, sei es in seiner muslimisch motivierten Form oder aus Hass auf den Staat Israel oder gespeist von Verschwörungstheorien.

„Antisemitsches Rap-Konzert hätte nie genehmigt werden dürfen“

Insgesamt sei Berlin gut aufgestellt für den Kampf gegen den Judenhass. Fragt man Korgel, wie ernst man den Kampf gegen Antisemitismus in einer Stadt nehmen kann, in der bekennende Terrorunterstützer und Juden-Hasser eine Genehmigung zum Rappen am Brandenburger Tor erhalten, appelliert der Antisemitismusbeauftragte an die Behörden. Er empfehle allen bei solchen Veranstaltungen die Expertise der jüdischen Träger in der Stadt einzuholen. „Man hätte den Auftritt dieser Terrorverherrlicher nie genehmigen dürfen“, so Korgel. Ausschließen könne man so etwas aber auch in Zukunft nicht. „Wir müssen die Berliner Behörden dabei unterstützen, menschenverachtende Motive von Veranstaltern zu erkennen“, sagt Korgel.

Im Rahmen einer Pro-Palästina-Demonstration am Mittwochabend am Brandenburger Tor erhielten zwei Rapper zunächst eine Genehmigung, die in ihren Texten zur Bombardierung Tel-Avivs aufrufen und sagen, sie würden gerne Juden „zertrampeln“. Erst auf medialen Druck hin hat die Senatsverwaltung für Inneres den Auftritt verboten.