Forst

Lange Trockenheit: So geht es Berlins Wäldern

In diesem Sommer hat die Trockenheit wieder zugeschlagen. Doch auch Schädlinge und Stürme haben den Wäldern zugesetzt.

Herbststimmung im Berliner Grunewald. Doch die Idylle trügt. Die Wälder sind schwer geschädigt.

Herbststimmung im Berliner Grunewald. Doch die Idylle trügt. Die Wälder sind schwer geschädigt.

Foto: dpa/Paul Zinken

Berlin. „Plötzlich ist sie einfach umgekippt“, sagt Marc Franusch. Vollkommen gesund habe sie ausgesehen, als sie noch stand, nicht einmal ein Fragezeichen hätte man daran gemacht. Der Förster und Sprecher vom Landesforstamt Berlin wirkt sichtlich betroffen als er auf die Buche schaut, die sich da vor ihm auf dem Waldboden im Tegeler Forst ausstreckt. 25 Meter lang, rund 130 Jahre alt, die Krone trägt noch ihre Blätter. „Selbst einen großen Sturm hatten wir diese Saison nicht“, bemerkt er während er ein trockenes Stück Wurzeln abbricht. „Die großen Stränge haben den Baum einfach nicht mehr im Boden gehalten.“

Die Trockenheit hat zugeschlagen. Das nächste große Waldsterben hat begonnen, warnte der Bund deutscher Forstleute bereits zu Beginn des Sommers. Trockenheit, Schädlinge und die Stürme der vergangenen beiden Jahre haben den Wäldern deutschlandweit stark zugesetzt. 32 Millionen Hektar totes Holz brachte laut Bundeslandwirtschaftsministerium deutschlandweit allein das letzte Jahr. Hinzu kamen die verheerenden Brände in diesem Juli, vor allem in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

An einer Kiefer blättert die Borke bereits in Fetzen ab

Wie es seitdem dem Berliner Wald ergangen ist, erzählt Förster Marc Franusch vom Landesforstamt Berlin auf einem Spaziergang durch den Tegeler Forst. Zugegeben, sagt Franusch, die Buche ist ein anspruchsvoller Baum, der hier eigentlich an seine Grenzen stößt. Doch selbst den genügsamen Kiefern und Eichen, den echten Klassikern der Berliner Wälder, die mit vielen Durststrecken zurechtkommen, geht es zum Teil nicht gut.

Der 55-Jährige dreht sich wenige Grad nach rechts. „Hier, die Kiefer vor uns wird sich auch bald verabschieden.“ Vor ihm ein Stamm, an dem unten die Borke bereits in großen Fetzen abblättert. Die meisten Nadeln hoch oben sind rot, also tot. Die Zeichen sind eindeutig. „Die ist hin“, sagt Franusch. Die letzten beiden Jahre mit ihren Orkanböen 2017, der extremen Hitze im vergangenen Sommer und dem trockenen Frühjahr in diesem Jahr hat sie offenbar nicht weggesteckt. Im Gegenteil: Vorhandene Schäden wurden durch neue ergänzt.

Auch dieses Jahr hat es wieder zu wenig geregnet.„Und dort, sehen Sie die Eiche?“, fragt der Förster, den Blick nach oben gerichtet. „Die Krone sieht erbärmlich aus.“ Ein paar Blattbüschel hängen an den großen Zweigen, die kleinen Äste fehlen, das Licht fällt einem ins Gesicht. „Das hat nichts mehr von einem dichten Kronendach.“

Drei weit verbreitete Baumarten, denen es an den Kragen geht – was bleibt dann noch vom Wald übrig, könnte man meinen. Schlendert man einen der Pfade hier in Tegel entlang, zeigt sich jedoch links und rechts ein scheinbar anderes Bild: Dichter Dschungel. Grüne Kronen in allen Ebenen, feuchter laubbedeckter Boden, von großen Flächen toter Baumgerippe, vom mancherorts prophezeiten Waldsterben keine Spur.„Lassen Sie sich da nicht täuschen“, warnt Franusch.

Buchen haben zu wenig Blätter

Der genauere Blick zeigt: Die Buchen etwa haben viel zu wenige, viel zu kleine Blätter – eindeutig zu wenig Wasser. Auch die vielen Bucheckern an den Zweigen seien eine Stressreaktion. „Die wollen sich nochmal vermehren, bevor es ihnen womöglich an den Kragen geht“, erklärt der Beamte. Und dann die vielen Eichen, die kaum noch ein geschlossenes Kronendach haben. Vieles von den jungen Bäumen im Unterholz, so Franusch, sei zudem vor zwei Jahren frisch gepflanzt worden. Die ersten Schäden durch die Orkane 2017 hätten die nicht mitgenommen. Und dennoch: Es sind vor allem einzelne Bäume, die es getroffen hat. Das sei bislang „keine Flächenkatastrophe“. Soll heißen: Man muss die Sache im Auge behalten.

Der Tegeler Wald hat die Strapazen bislang jedoch recht gut gemeistert. Und das obwohl hier im Berliner Raum drei extreme Bedingungen zusammenkommen: Die für Brandenburg typischen, nährstoffarmen Böden, die deutschlandweit geringsten Niederschläge und der sehr niedrige Grundwasserspiegel. Durch die Trinkwassergewinnung in der Tiefe wird dieser weiter abgesenkt. Das macht es schwer für die Bäume, an ausreichend Wasser zu kommen.

Dass es dem Wald hier im Nordwesten Berlins noch verhältnismäßig gut geht, so Franusch, sei vor allem seiner Mischung aus Arten und Altersklassen zu verdanken. Die macht ihn stabil und anpassungsfähig zugleich. Jung und Alt wechseln sich ab, alle Etagen sind besetzt. Darunter verwitterndes Holz, das Nährstoffe für den Boden liefert. Er nennt es den Mehrgenerationenwald.

Große Schäden an Fichten

Neben Buchen, Kiefern, Eichen finden sich hier zudem Robinien, Birken, Ahorn – und vor allem wenige Fichten. Die hat es in den letzten Monaten in ganz Deutschland besonders getroffen. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium trafen 2018 etwa 90 Prozent der Schäden die Fichte, rund 50 Millionen Exemplare starben. Manche Forstexperten sprachen gezielt von einem Fichtensterben.

Deutlich schlechter sieht es hingegen rund 20 Kilometer weiter südlich aus, im Grunewald mit seinen großen Flächen an Kiefern. Der war, anders als sein Pendant im Nordwesten der Stadt, nach dem Krieg nahezu kahlgeschlagen und später mit schnellwachsenden Kiefern aufgeforstet worden. Der Grund: Hier, im amerikanischen Sektor, galt damals die Maxime, nur jeder zehnte Baum bleibt stehen. Alles andere diente als Brenn- und Bauholz oder Reparationszahlung. Im französischen Sektor hingegen, zu dem auch der Tegeler Forst gehört, war es genau umgekehrt. Der verantwortliche Stadtkommandant kam aus der Forstwirtschaft und ordnete an: Nur jeder zehnte Baum wird rausgenommen.

Nur noch jede vierte Kiefer in Berliner Wäldern ist gesund

Allein der Vergleich der beiden Berliner Waldgebiete zeigt, der Umbau muss weiter vorangehen, sagt Förster Franusch. Aktueller Stand in den insgesamt 29.000 Hektar: 60 Prozent Kiefer, 21 Prozent Eiche im Land. Der Berliner Waldzustandsbericht vom vergangenen Jahr hatte bereits gezeigt: Nur noch 23 Prozent der Kiefern auf dem Landesgebiet werden als gesund eingestuft. Die Zahlen für 2019 liegen bislang noch nicht vor – doch sie lassen nichts Gutes erwarten.

Vor 20 Jahren waren es noch knapp 70 Prozent Kiefer, 16 Prozent Eichen. Dafür wird Eiche richtig gepäppelt. Sie ernten etwa ihre Früchte, packen die in Kästen und warten auf den Eichelhäher, der sie dann in Waldboden steckt – in der Hoffnung, mit den ersten kleinen Blättchen seinen Nachwuchs füttern zu können. Irgendwann wollen die Berliner Forstexperten das Verhältnis Kiefer-Eiche umdrehen. Erste Etappe ist 2050.

Bis dahin soll sich der Anteil an Laubbäumen in den Berliner Wäldern auf 40 Prozent erhöht haben. Und jetzt? Hoffentlich füllen sich jetzt im Herbst und Winter die Wasserspeicher, sagt Franusch. Auch das sei in der vergangenen Saison ausgeblieben. „Und dann bitte kein trockenes Frühjahr.“

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