Engelhardt-Brauereien

Die vergessene Geschichte des Ignatz Nacher

Nichts erinnert in Berlin heute an den jüdischen Besitzer der Engelhardt-Brauereien. Dabei hat ihm die Stadt viel zu verdanken.

Viele Jahrzehnte prägten die Kutschen von Engelhardt das Bild auf Berlins Straßen.

Viele Jahrzehnte prägten die Kutschen von Engelhardt das Bild auf Berlins Straßen.

Foto: imago stocl

Berlin. An der Thulestraße in Pankow erinnert nichts mehr an den Mann, an der Danckelmannstraße in Charlottenburg ebenfalls nicht und am Glienicker Park in Wannsee oder Alexanderplatz in Mitte erst recht nicht. Ignatz Nacher ist verschwunden aus dem Stadtbild. Dabei hat Berlin ihm viel zu verdanken. Nacher übernahm im Jahr 1903 die Breslauer Weizenbier Brauerei und machte daraus den Engelhardt-Konzern, zeitweise die zweitgrößte Brauerei Deutschlands.

Die Berliner Traditionsmarke besaß weitere Unternehmen in ganz Deutschland, die Henninger Reifbräu, die Oberbayrische Hofbräu, in Dortmund die Ritterbrauerei und in Hamburg die Winterhuder Bierbrauerei. Zu Nachers Verdiensten zählt auch die Entwicklung eines Verfahrens, das das Flaschenbier haltbar macht. Als erster hatte er mit der Methode Louis Pasteurs Flaschenbier pasteurisiert. Auch das Konzept der Pfandflasche stammt von Nacher. Der Erfindergeist des Unternehmers begründete den Erfolg der Berliner Traditionsbrauerei. Auch neue Biersorten entwickelte Nacher, so kam zum Beispiel 1913 das Caramel-Bier auf den Markt. Wie das bis heute angebotene Malzbier war es fast schwarz und zuckrig süß.

Dass der umtriebige Geschäftsmann dennoch vor genau 80 Jahren bettelarm in der Schweiz starb, gehört zu den vielen tragischen Geschichten, die sich rund um das Grauen der Nationalsozialisten ab dem Jahr 1933 in Deutschland abspielten. Umso bedauerlicher, dass die Stadt sich bis heute nicht aufraffen konnte, Ignatz Nacher und seine Verdienste zu würdigen.

„Es gäbe genügend Adressen in der Stadt, um an Ignatz Nacher zu erinnern“, sagt Johannes Ludwig, der die Geschichte des Unternehmers aufgespürt und dokumentiert hat (www.ansTageslicht.de/nacher). Bei einem Besuch des Leo Baeck Institute in New York hatten ihn Mitarbeiter der Einrichtung auf die Geschichte des jüdischen Unternehmers aufmerksam gemacht. Danach ging Ludwig auf die Suche nach Dokumenten, die das Schicksal Nachers nachzeichnen.

Nacher stammte aus Gliwice (damals: Gleiwitz) und machte in Berlin Karriere. Als er die Brauerei 1903 übernahm, war er dort schon mehrere Jahre als Geschäftsführer tätig. Er wandelte das Unternehmen in die Engelhardt-Brauerei AG um und machte sie groß. Die Bierkutschen mit dem Brauerei-Logo, die das „Charlottenburger Bier“ in der ganzen Stadt auslieferten, prägten lange das Straßenbild Berlins.

Nationalsozialisten setzten Geschäftsmann unter Druck

Doch dann kam das Jahr 1933, und die Nationalsozialisten übernahmen die Macht. Schnell wurde klar, dass kein „jüdisches Bier durch arische Kehlen“ fließen sollte. Nacher geriet massiv unter Druck, teilweise saß er im Gefängnis. Die Nazis drohten ihm mit Konzentrationslager und legen ihm den Selbstmord nahe. Schließlich pressten sie ihm die Anteile an seinem Unternehmen ab. Ein Teil der Brauerei fiel an die Dresdner Bank, ein anderer Teil an Berlins Staatskommissar Julius Lippert, dem ehemaligen Chefredakteur des rechten Hetzblatts „Der Angriff“ und Fraktionschef der NSDAP im Reichstag.

Später verkaufte Lippert auch seine Anteile an die Dresdner Bank und erhielt dafür den Glienicker Park zwischen Berlin und Potsdam. Er öffnete das Areal für die „deutschen Volksgenossen“, den unmittelbar an der Havel gelegenen „Jägerhof“ ließ er sich auf Staatskosten zu seinem Privathaus umbauen.

Nacher wehrte sich gegen die Zwangsenteignung, scheiterte aber vor Gericht. Dabei wurde ihm eine alte Geschichte zum Verhängnis. Als Berlin die U-Bahn verlängern wollte, stand dabei das Engelhardt-Haus am Alexanderplatz im Weg. Nacher verkaufte das Gebäude schließlich für neun Millionen Reichsmark an die Stadt. Wenig später bat ihn der Chef der stadteigenen Gesellschaft Berolina um eine Spende für bürgerliche Parteien. Nacher zahlte 120.000 Mark. Daraus konstruierten die Nationalsozialisten später eine Schmiergeldzahlung und drängten den Unternehmer, seine Anteile an eine „wirtschaftlich einwandfrei arische Unternehmergruppe“ zu übertragen.

Vom Druck und von den Drohungen zermürbt, unterschrieb Nacher die Verkaufsverträge. Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 überstand er zwar unbeschadet, doch er sah das Grauen kommen. Als seine Schwiegertochter, die Schauspielerin Camilla Spira, sich bei ihm aus Amsterdam meldete, riet er ihr, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Er selbst floh kurze Zeit später in die Schweiz. Zuvor pressten ihm die Nationalsozialisten aber auch noch das letzte Geld ab, das er besaß: 680.000 Reichsmark Judenvermögenssteuer, 531.000 Reichsmark Reichsfluchtsteuer, 320.000 Reichsmark Auswanderungssteuer und 265.000 Reichsmark Abgabe an die Deutsche Golddiskontbank.

Ein Jahr später, am 19. September 1939, starb Ignatz Nacher in Zürich – und zwar wie es ihm die Industrieberater der Dresdner Bank während der Übernahmeverhandlungen vorhergesagt hatten: „am Bettelstab“.

1983 übernahm Schultheiß die Engelhardt-Brauerei

Nach dem Krieg wurde die Engelhardt-Brauerei in Ost-Berlin am alten Stammsitz in Stralau als VEB Engelhardt weiterbetrieben, im Westteil an der alten Braustätte der Kaiserbrauerei zwischen Danckelmann- und Sophie-Charlotte-Straße in Charlottenburg. 1983 übernahm Schultheiß die Brauerei, die 1998 endgültig geschlossen wurde. Heute wird das Engelhardt-Bier von Schultheiß nur noch in 50-Liter-Fässern an einige Kneipen und Gaststätten in Berlin verkauft.

In Charlottenburg wurde der an der Sophie-Charlotten-Straße liegende Grundstücksteil 1985 vom Land Berlin gekauft. Dort wurde ein Gewerbehof errichtet. An der Danckelmannstraße entstand ein Innenhof, in dem sich kleine Firmen angesiedelt haben. An der alten Hauptbraustätte auf der Halbinsel Stralau gibt es nur noch den alten Flaschenturm. Die historischen Gebäude stehen unter Denkmalschutz, ringsherum entstanden neue Häuser, wie auch in Pankow an der Thulestraße.

Im Glienicker Park wird bis heute nur darauf hingewiesen, dass das Gelände 1934 an die Stadt Berlin fiel. Zu wenig, findet Johannes Ludwig. „Das hat Ignatz Nacher nicht verdient“, sagt Ludwig.