Verkehr

Erste Innenstadt-Teststrecke für autonomes Fahren in Berlin

Michael Müller und Andreas Scheuer eröffnen in Berlin weltweit erste Teststrecke für vernetzte Mobilität in einer Innenstadt.

Das Auto fährt von selbst, die Hände können das Lenkrad loslassen. Aber noch muss ein Mensch aufpassen, das autonome Fahren ist auf öffentlichen deutschen Straßen noch nicht zugelassen.

Das Auto fährt von selbst, die Hände können das Lenkrad loslassen. Aber noch muss ein Mensch aufpassen, das autonome Fahren ist auf öffentlichen deutschen Straßen noch nicht zugelassen.

Foto: Carsten Koall / Getty Images

Berlin. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) haben am Donnerstag die weltweit erste innerstädtische Teststrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren eröffnet. Die Strecke verläuft vom Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg die Straße des 17. Juni entlang bis zum Brandenburger Tor in Mitte und ist insgesamt 3,6 Kilometer lang.

Auf der Strecke werden künftig bis zu fünf Autos teilweise autonom fahren und Daten sammeln. „Das ist ein großer Schritt nach vorn, den wir heute erleben“, sagte Müller. „Die Mobilität ist einer der Verursacher des Klimawandels, also müssen wir etwas dagegen unternehmen.“

Das Besondere an der Berliner Teststrecke ist, dass hier nicht nur die Fahrzeuge mit digitaler Technik ausgestattet sind und miteinander kommunizieren, sondern auch die Straße selbst Daten sammelt. Dazu ist die gesamte Teststrecke mit Sensoren an Gebäuden, Verkehrszeichen und Ampeln ausgestattet, die rund um die Uhr Verkehrsdaten ermitteln.

Täglich riesige Mengen an Daten erhoben

Diese Daten werden dann an das Auto übermittelt, das sie zusätzlich zu den eigenen Daten verarbeitet. „In Berlin soll ein Ökosystem für automatisiertes Fahren entstehen“, sagte der Leiter des Projekts, Sahin Albayrak, am Donnerstag. Automatisiert bedeutet, dass der Computer das Auto fährt, ein Mensch aber das Geschehen überwacht – ähnlich dem Fliegen mit Autopilot. Ziel sei es, den Verkehr sicherer zu machen, Rad- und Fußgänger besser zu schützen. „Die Digitalisierung wird sich weiter fortsetzen und vor dem Verkehr nicht halt machen“, sagte Albayrak.

Damit das automatisierte Fahren – und später das autonome Fahren – möglich wird, müssen riesige Datenmengen erfasst und analysiert werden. Allein auf der Teststrecke am 17. Juni sammeln die Wissenschaftler täglich 50 Terabyte Daten. Das entspricht 50 Billionen digitaler Informationseinheiten und der Speicherkapazität von 50 bis 200 Notebooks. Die Strecke ist in 800 Meter lange Sektoren unterteilt. Wenn ein Fahrzeug einen Sektor erreicht, wird es mit allen notwendigen Informationen über die Verkehrssituation versorgt, auch, welche freien Parkplätze sich in dem Abschnitt befinden.

Ernst-Reuter-Platz als besondere Herausforderung

Albayrak, der Professor für „Agententechnologien in betrieblichen Anwendungen und der Telekommunikation“ an der Technischen Universität ist, kam nach eigenen Angaben vor mehr als drei Jahren auf die Idee, die Testrecke am 17. Juni zu etablieren. Als er mit Kollegen in einer Pause aus dem 13. Stockwerk eines TU-Gebäudes auf die Straße sah, sei die These entstanden: „Wenn es ein autonomes Fahrzeug schafft, sich am Ernst-Reuter-Platz zurechtzufinden, dann kommt es überall zurecht.“ Die Verkehrssituation sei mit fünf Ein- und Ausfahrten um den Kreisverkehr herum sehr komplex. Genauso sehe es am Großen Stern aus.

Bundesverkehrsminister Scheuer bestätigte die Einschätzung. „Als ich 2002 zum ersten Mal aus Passau mit dem Auto nach Berlin kam, war ich echt überfordert“, sagte Scheuer, dessen Ministerium das Forschungsprojekt mit 4,6 Millionen Euro fördert. Die Teststrecke sei ein „Freiluft-Digitallabor“ für moderne Mobilität.

Ein Fahrer sitzt immer dabei und kann eingreifen

Die Strecke wurde auch aus PR-Gründen gewählt. Sie liegt auf der Protokollstrecke für Staatsgäste vom Flughafen Tegel in das Regierungsviertel. Außerdem bewegen sich vor allem am Brandenburger Tor und der Siegessäule am Großen Stern viele Touristen am 17. Juni. „Die Strecke ist ein Schaufenster für die gute Anwendung der Digitalisierung“, sagte TU-Präsident Christian Thomsen.

Die zunächst fünf eingesetzten Fahrzeuge werden ausschließlich mit besonders ausgebildeten Fahrern unterwegs sein, die das Fahrzeug überwachen. Mit zwei Fahrzeugen ist auch autonomes Fahren möglich. Aus rechtlichen Gründen ist das aber auf öffentlichem Straßenland derzeit in Deutschland nicht erlaubt.

Denkmalschutz stand Sensoren zunächst im Wege

Die Wissenschaftler wollen in den kommenden Jahren wichtige Erkenntnisse über die technische Machbarkeit des autonomen Fahrens erlangen. Dazu gehört die Bewältigung der riesigen Datenmengen und die Auswertung in Echtzeit, damit die Fahrzeuge spontan die richtigen Entscheidungen treffen.

Die Teststrecke sollte ursprünglich im vergangenen Jahr eröffnet werden. Doch es gab umfangreiche Genehmigungsprobleme. Da die Straße und viele Gebäude unter Denkmalschutz stehen, dauerte es allein eineinhalb Jahre, um die Erlaubnis für das Anbringen der Sensoren vom Bezirksamt Mitte zu erhalten.