Energieversorgung

Europas größter Wasserkocher liefert saubere Wärme

Die Energiewende wird am Kraftwerk Reuter umgesetzt: Mit Ökostrom erhitztes Wasser ersetzt für Fernwärme den Brennstoff Kohle.

Symbolischer Wasserkocher: Tanja Wielgoß, die Chefin der Vattenfall Wärme Berlin AG, und der Berliner Staatssekretär Stefan Tidow weihen die Power-to-heat-Anlage im Hintergrund ein. Überschüssiger, sonst nicht nutzbarer Windstrom erhitzt hier Wasser, das dann in das Fernwärmenetz eingespeist wird.

Symbolischer Wasserkocher: Tanja Wielgoß, die Chefin der Vattenfall Wärme Berlin AG, und der Berliner Staatssekretär Stefan Tidow weihen die Power-to-heat-Anlage im Hintergrund ein. Überschüssiger, sonst nicht nutzbarer Windstrom erhitzt hier Wasser, das dann in das Fernwärmenetz eingespeist wird.

Foto: Vattenfall GmbH

Berlin. Für die Energiewende in Berlin war der Mittwoch ein großer Tag. Erstmals wurde in der Hauptstadt in großem Maßstab eine Technologie in Betrieb gesetzt, die nach Einschätzung von Experten das Zeug dazu hat, die Energiewende im wichtigen Wärmesektor entscheidend voranzubringen. Kohlendioxid-Einsparungen in den Gebäuden gilt als wichtigster Beitrag zum Klimaschutz in Deutschland.

Die Vattenfall Wärme AG hat neben den noch drei Kohleblöcken des Kraftwerks Reuter Europas größten „Wasserkocher“ gebaut. In drei viereinhalb Meter hohen Druckkesseln kann Ökostrom jeweils 22 Kubikmeter Wasser auf 130 Grad erhitzen. Über einen Wärmetauscher gelangt die Energie dann ins Fernwärmenetz und ersetzt dort den Einsatz von Kohle. Die neue Anlage kann nach Angaben der Ingenieure bis zu fünf Prozent der Gesamtenergiemenge ersetzen, die das Fernwärmenetz im Nordwesten der Stadt benötigt.

Ein Anfang: Zwei Prozent Kohlendioxid wird eingespart

Vattenfall Wärme-Chefin Tanja Wielgoß, sagte, die Anlage sei „das Herz des Kohleausstiegs in Berlin“. Klimaschutz-Staatssekretär Stefan Tidow (Grüne) rechnete vor, durch die Anlage werde zwei Prozent der in Berlin durch den Einsatz von Steinkohle erzeugten Kohlendioxid-Emissionen eingespart. „Das ist eine ganze Menge“, so der Grünen-Politiker.

Beheizt werden die Kessel vorzugsweise mit solchem Windstrom, der an besonders windigen Tagen mit geringer Nachfrage gar nicht erst entstehen würde. Denn die Netzbetreiber regeln an solchen Tagen den Zugang zum besonders belasteten Netz herunter, schalten die Windräder ab. Durch solche Verluste würden Milliardenbeträge in Deutschland verschwendet, sagte Wielgoß. Künftig soll der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz in Zeiten besonders großer Produktion von Windstrom eben nicht die Windräder abklemmen, sondern den Strom in Vattenfalls „Power-to-Heat“ („Strom zu Wärme“) Anlage schicken.

Vattenfall nutzt Ausbau von Wind- und Sonnenstrom

Jeder Kessel ist gut für 40 Megawatt Leistung. Zusammen entsteht also eine zusätzliche Ökostromnachfrage nach 120 Megawatt, die ohne die riesigen Tauchsieder verloren wäre, weil die Windräder an stürmischen Tagen abgeklemmt würden. Das stabilisiert auch das Stromnetz, das durch den schwankenden Anfall von Strom aus Wind und Sonne stark belastet ist. „Je mehr Wind- und Sonnenstrom ausgebaut werden, desto öfter wird die Anlage laufen“, sagte Vattenfall-Projektleiter Peter Kontny-Asmussen. Ein weiterer Vorteil, wenn Berlin mehr Öko-Strom verbraucht: Die Leitungen, die den Windstrom von der Küste ableiten, müssen nicht bis nach Bayern gehen, sondern könnten in Berlin enden, das spart Kosten und Aufwand.

40 Millionen Euro hat sich der schwedische Energiekonzern die Anlage am Kraftwerk Reuter in Spandau kosten lassen. Dass diese Investition nicht wirtschaftlich sei, liege vor allem an den bundesweit geltenden Rahmenbedingungen. Denn auch für den eigentlich überzähligen Ökostrom, der ohne die Berliner Wasserkocher gar nicht nutzbar wäre, muss Vattenfall Netzentgelte und andere Abgaben bezahlen. Das, so hoffen Vattenfall-Managerin Wielgoß und Staatssekretär Tidow, könnte das Klimakabinett der Bundesregierung schon am Freitag ändern. „Unter den geltenden Bedingungen rechnen sich solche Anlagen nicht“, sagte Wielgoß.

Schrittweise wird die Kohle als Brennstoff ersetzt

Die Investitionen, die für die Energiewende insgesamt nötig werden, sind erheblich. Vattenfall hat allein für den Standort Reuter 100 Millionen Euro vorgesehen. Eine zweite Power-to-Heat-Anlage soll entstehen. Und ein 40 Meter hoher Wassertank mit einem Fassungsvermögen von bis zu 60.000 Kubikmetern ist ebenfalls geplant. Darin wollen die Ingenieure das erwärmte Wasser länger speichern und es bei Bedarf in die Fernwärmeleitungen schicken. Insgesamt will Vattenfall in Berlin fünf solcher Elektroheizer bauen. Diese müssten über die Stadt verteilt werden, um das Stromnetz nicht zu überlasten.

Schrittweise verschwindet der Brennstoff Steinkohle aus dem westlichen Teil des Fernwärmenetzes von Vattenfall. Noch in diesem Jahr wird der älteste Kohleblock Reuter C nach knapp 50 Jahren abgeschaltet. Dann bleiben die beiden Blöcke in Reuter-West die einzigen, die noch mehrere Jahre aus Kohle Wärme und Strom gewinnen. Das Kohlekraftwerk in Moabit soll perspektivisch mit Biomasse laufen. Reuter-West soll bis 2030 abgeschaltet werden, wenn bis dahin ein flexibles Gaskraftwerk gebaut ist, das auch mit Wasserstoff betrieben werden kann.