Kein Personal

Busfahrer-Mangel: S-Bahn hat Probleme beim Ersatzverkehr

Die S-Bahn und die Regionalbahnen müssen wegen Bauarbeiten immer öfter Ersatzverkehr fahren. Doch da gibt es ein Problem.

Aufgrund von Baustellen muss die S-Bahn wie hier für die S3 Busse statt Bahnen fahren lassen. Beim Schienenersatzverkehr in Berlin gibt es häufig Probleme.

Aufgrund von Baustellen muss die S-Bahn wie hier für die S3 Busse statt Bahnen fahren lassen. Beim Schienenersatzverkehr in Berlin gibt es häufig Probleme.

Foto: dpa Picture-Alliance / Thilo Rückeis TSP / picture-alliance

Berlin. Wer am Wochenende auf den Schienenersatzverkehr (SEV) der Berliner S-Bahn angewiesen war, bekam einiges geboten. Einen bunten Querschnitt aus Deutschlands Regionen etwa: Einsteigen konnte die Fahrgäste in Busse aus Oberhavel, Potsdam-Mittelmark oder der Uckermark in Brandenburg. Aber auch Fahrzeuge aus Hannover und Osnabrück in Niedersachsen sowie dem Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg wurden gesichtet.

Ersatzverkehr bei der S-Bahn: Handgeschriebener Zettel auf dem Lenkrad

Auch die Fahrer der Busse kamen oft von weither. Einige von ihnen waren kaum der deutschen Sprache mächtig. Fast alle aber kannten sich aber kaum in den oft dicht bebauten Wohngegenden aus, durch die sie am Wochenende ihre Busse steuern mussten. Einer der Fahrer auf dem Ersatzverkehr für die S2 zwischen Blankenburg und Bernau etwa behalf sich mit einem handgeschriebenen Zettel auf dem Lenkrad, auf denen er Haltestellen und Routenhinweise vermerkt hatte.

Den Insassen nützte das jedoch wenig. Ohne Stopp fuhr der Fahrer am Sonnabendabend an der Ersatz-Haltestelle für den baubedingt gesperrten S-Bahnhof Röntgental durch. Erst ein lauter Einspruch der Fahrgäste sorgte für einen späteren Halt auf freier Strecke.

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S-Bahn - Ersatzverkehr an der S75 auf 20-Minuten-Takt reduziert

Nutzer der gleichfalls von Bauarbeiten betroffenen S-Bahnlinie S75 dürften sich am Sonntag gefreut haben, wenn für sie überhaupt ein Ersatzbus fuhr. Weil nicht genügend Fahrzeuge da waren, reduzierte die S-Bahn kurzfristig den Ersatzverkehr auf der Linie zwischen Wartenberg und Springpfuhl auf einen 20-Minuten-Takt. Eigentlich sollten die Ersatzbusse alle zehn Minuten fahren.

Auch die eingesetzten Fahrzeuge hatten einigen Erlebniswert: Vom altersschwachen Stadtbus mit verdreckten Bänken bis zum modernen Reisebus mit luxuriösen Ledersitzen war fast alles dabei, was auf Deutschlands Straßen derzeit unterwegs ist. Nachteil war, dass Fahrgäste in letztere mit Kinderwagen oder gar Fahrrädern aus Platzmangel faktisch nicht einsteigen konnten.

Situation beim Ersatzverkehr ist inzwischen Alltag

Die Situation beim SEV der S-Bahn am vergangenen Wochenende ist indes längst Einzelfall, sondern inzwischen Alltag in Berlin und Brandenburg. Es herrscht allerorten ein akuter Mangel an Bussen und Busfahrern, die außerhalb des regulären Linienverkehrs einsetzbar sind. „Der Markt ist faktisch leegefegt“, beklagte jüngst Detlef Brücker, Geschäftsführer der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB), die zahlreiche Regionallinien im Umland von Berlin betreibt, darunter die Heidekrautbahn in die Schorfheide (RB27) oder die wichtige Pendlerstrecke RB26 zwischen Berlin und Strausberg.

Seit einiger Zeit schon behilft sich die NEB mit der Anwerbung von Unternehmen aus Polen, die bei Streckensperrungen den Ersatzverkehr fahren. „Das ist für uns nicht etwa billiger, wie einige glauben. Im Gegenteil: Wir müssen ja für die Zeit auch noch die Unterkunft für die Fahrer bezahlen“, so Bröcker. Doch in Berlin und Brandenburg seien kurzfristig einfach keine Busse mehr zu bekommen.

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Es gibt immer mehr Baustellen im Streckennetz der S-Bahn

Die Ursachen für den akuten Mangel sind vielfältig. Zum, einen hängt das mit der stark gestiegenen Anzahl von Baustellen im Streckennetz zusammen, das von DB Netz unterhalten wird. Nach Jahren des Sparens hat das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn derzeit viel Geld zur Verfügung, um marode Brücken, Gleise und Signaltechnik zu erneuern. Was vielfach auch dringend notwendig ist.

Die Schattenseite des Baubooms: Die Zahl der Bausperrungen im Netz hat zuletzt stark zugenommen. Jörg Werner, Chef von DB Regio Nordost, sprach jüngst beim Fahrgastsprechtag des Deutschen Bahnkunden-Verbandes davon, dass sich die Zahl der Fahrplanänderungen aufgrund von Baustellen gegenüber 2018 vervierfacht habe. In vielen Fällen sind für die Bauarbeiten Streckensperrungen und eben Ersatzverkehr erforderlich.

Bahn-Sprecherin: "Generell angespannte Personalsituation bei Busfahrern"

Damit dieser überhaupt noch angeboten werden kann, werden Busse samt Fahrer inzwischen auch von sehr weit her nach Berlin und Brandenburg geholt. „Die Gründe liegen an einem hohen Bauvolumen insgesamt, teilweise kurzfristige Baumaßnahmen und einer generell angespannten Personalsituation bei Busfahrern“, bestätigte eine Bahn-Sprecherin auf Nachfrage. Ob das bundeseigene Unternehmen jetzt auch Subunternehmen aus dem Ausland anheuert, konnte sie allerdings nicht sagen.

Nicht zuletzt der Boom in der Fernbusbranche hat dafür gesorgt, dass es inzwischen kaum noch Anbieter gibt, die kurzfristig Fahrzeuge und Personal bereitstellen können. In der Hauptstadtregion hat sich mit dem Tarifabschluss für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) noch einmal dramatisch verschärft. Insider berichtete davon, dass Busfahrer bei der BVG inzwischen rund 1000 Euro im Monat mehr als ihre Kollegen in Brandenburg verdienen. „Wer kann, geht jetzt zur BVG nach Berlin“, so ein Fahrer der Barnimer Busgesellschaft.

Die BVG stellt wieder deutlich mehr Busfahrer ein

Die BVG wiederum darf nach langen Jahren des Sparens wieder mehr Personal einstellen, um die Wünsche des Senats nach mehr Nahverkehrsangebot in der Stadt auch erfüllen zu können. Allein 500 neue Busfahrer sollen es bis Jahresende werden. „290 haben wir bereits eingestellt“, sagte BVG-Sprecherin Petra Nelken. Ein Mangel an Bewerbern gebe es aktuell nicht. „Doch nicht jeder ist für uns auch geeignet“, so Nelken.

Auch die BVG muss jedes Jahr in großem Umfang Schienenersatzverkehr einrichten. „Wir nehmen den SEV sehr ernst und planen ihnen lange im Voraus“, so Nelken. 80 Prozent des dafür benötigten Fahrpersonals komme dabei von Anbietern außerhalb der BVG. Es gebe Verträge mit drei Firmen aus Berlin und einer aus dem Bundesgebiet.

Anders als die S-Bahn kann die landeseigenen BVG aber auf einen gut bestückten eigenen Fuhrpark zurückgreifen. „Damit sich die Fahrgäste nicht umgewöhnen müssen, setzen wir überwiegend eigene Busse ein“, so Nelken. Große Reserven gibt es aber nicht. Eine kurzfristige Bitte der S-Bahn um Unterstützung konnte laut Nelken leider nicht erfüllt werden.