Energiewirtschaft

Kohleausstieg bis 2030: Heizen wird für Berliner teurer

Berlin könnte bis zum Jahr 2030 aus der Kohle aussteigen. Das geht aus einer Studie hervor. Was das für die Kunden bedeutet.

Kraftwerk Reuter in Berlin

Kraftwerk Reuter in Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Schoening / picture alliance / Arco Images

Der Kohleausstieg für Berlin ist bis zum Jahr 2030 möglich. Um die noch in den Heizkraftwerken zur Erzeugung von Fernwärme verfeuerte Steinkohle zu ersetzen, sind aber erhebliche Investitionen notwendig. Das ist das Fazit einer Studie des Aachener Ingenieurbüros BET im Auftrag der Senatsumweltverwaltung und der Vattenfall Wärme Berlin AG.

Der Wärmesektor ist bisher in der Diskussion um die Energiewende in Deutschland kaum beachtet worden. Dabei verbrauchen Heizen und warmes Wasser in Berlin 60 Prozent der insgesamt eingesetzten Energie. „Wir müssen endlich über das zentrale Thema des Klimaschutzes reden“, sagte Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) am Montag bei der Präsentation der Studie im Heizkraftwerk Moabit.

Produzierte Wärme von Vattenfall stammt aus 21 Prozent aus Steinkohle

Die in Vattenfalls Kraftwerken produzierte Fernwärme deckt ein Viertel des gesamten Berliner Wärmebedarfs ab. Noch stammt sie zu 21 Prozent aus Steinkohle. 1,2 Millionen Tonnen wurden im vergangenen Jahr dort verfeuert. Mit 70 Prozent wird die Masse der Berliner Heizenergie bereits heute aus Erdgas gewonnen. Der gesamte östliche Teil des Fernwärmenetzes wird mit Gas betrieben. Gas soll mittelfristig weiterhin einen große Rolle spielen im Berliner Energiemix: „Wir haben nicht genügend Alternativen, um die Kohle ohne Erdgas zu ersetzen“, so Senatorin Günther. „Das ist ein glasklares Ergebnis der Studie.“

Kommentar: Grüne Fernwärme wäre schön, aber die Hürden sind hoch

Das ambitionierteste Szenario sieht vor, gut die Hälfte der Heizenergie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Dabei soll die Nutzung der Müllverbrennung ausgebaut werden. Die Abwärme des Klärwerks Ruhleben wollen die Ingenieure über eine Wärmepumpe anzapfen und auch andere Wärme aus industriellen Quellen nutzen. Das Heizkraftwerk Moabit wird demnach von Kohle auf Biomasse umgestellt.

Fernwärmekosten würden für rund 1,3 Millionen Berliner steigen

Auch die Erdwärme soll trotz ungünstiger geologischer Voraussetzungen einen Beitrag leisten. Aus Ökostrom erwärmtes Wasser gehört ebenso zum Konzept. Gleichwohl wird in elf Jahren noch knapp die Hälfte der Wärme aus Gas gewonnen. Notwendig für den Erfolg des Konzeptes ist ein deutlicher Ausbau der Wärmedämmung in Gebäuden. Die Zahl der jährlich sanierten Wohnungen müsse sich verdreifachen, um den Wärmebedarf zu senken.

Insgesamt, so die Studie, würden die Fernwärmekosten für rund 1,3 Millionen Berliner Kunden steigen. Zum Beispiel für eine 65 Quadratmeter große Wohnung um 147 Euro pro Jahr.

Den knapp 20 Klimaschützern, die vor der Tür einen noch ehrgeizigeren Ausstiegspfad bis 2025 forderten, hielt Günther, frühere Klimaschützerin der Umweltorganisation WWF, die Argumente Versorgungssicherheit und Preis entgegen. Die Kritiker waren aber in den Diskussionsprozess eingebunden, allein 13 Mal tagte in zwei Jahren ein Beirat.

Bei der Umstellung wird mit großen Investitionen gerechnet

Die benötigten Investitionen sind ohnehin erheblich. Experten rechnen mit insgesamt einer Milliarde Euro. Wesentlicher Teil davon ist der Bau eines neuen flexiblen „Hybrid-Kraftwerks“ anstelle des derzeitigen Kraftwerks Reuter. Diese Anlage muss schnell an- und abschaltbar sein. Sie muss neben Erdgas auch Gas aus erneuerbaren Quellen sowie Wasserstoff verbrennen können. Und sie muss mit einer Leitung über mehr als 20 Kilometer ans Gasnetz angeschlossen werden.

Die Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Wärme, die frühere BSR-Chefin Tanja Wielgoß, verwies auf die konzerninternen Entscheidungen, ehe es zu einer solchen Investition kommen werde. Man plane aber, Schritt für Schritt die Fernwärme grüner zu machen.

Grüne Energie: Begrenztes Potenzial

Ohne den fossilen Energieträger Gas wird es bis 2030 auf keinen Fall gehen. Die Arbeit, sagte Regine Günther, Senatorin für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz, gehe danach weiter, um auch das Erdgas zu ersetzen und die Stadt bis 2050 Kohlendioxid-neutral zu machen. Erdgas müsse ersetzt werden, sagte die Senatorin. Dafür stünden heute noch nicht alle Technologien zur Verfügung.

Vattenfall Wärme mit seiner neuen Chefin Tanja Wielgoß, die zuvor die Berliner Stadtreinigung führte, und Günthers Senatsverwaltung hatten für die Präsentation der Erkenntnisse den Start in die „Klimawoche“ gewählt. Am Freitag will das Klimakabinett der Bundesregierung die Vorhaben präsentieren, in den Schulen ist Klimastreik angekündigt. Neben den großen Forderungskatalogen, die auch die Kritiker vor der Tür mit einem Kohleausstieg schon 2025 vorbrachten, widmete sich die Untersuchung den Möglichkeiten der Umsetzung. Und die Studie zeigt die Limits deutlich auf.

Günther betonte, die Fernwärme von Vattenfall sei mit ihrem Anteil von einem Viertel am Berliner Wärmemarkt zwar eine entscheidende Größe. Aber auch der dezentrale Sektor, der immer noch zu 20 Prozent auf dem Energie­träger Heizöl basiert, müsse in den Blick genommen werden.

Heizkraftwerk Moabit kann mit Biomasse betrieben werden

Berlin kann das Heizkraftwerk Moabit künftig mit Biomasse betreiben, die aus der Stadt selbst stammen soll. Die Erdwärme-Bedingungen sind nicht so gut wie zum Beispiel in München, deswegen wird diese Technik nicht so viel beitragen. Die Spree ist im Winter zu kalt, als dass aus ihr Wärme gewonnen werden könnte. Einen großen Beitrag zur grünen Fernwärme könnte jedoch Windstrom aus Brandenburg liefern. Wenn sehr viel Windenergie verfügbar ist, könnte damit Wasser erhitzt und in großen Tanks gelagert werden.

Eine solche Power-to-Heat-Anlage, die größte Europas, nimmt Vattenfall in dieser Woche in Betrieb. Eine weitere könnte folgen. Um diese Möglichkeiten zu erweitern, sollte der Bund den fast zum Erliegen gekommenen Ausbau der Windkraft wieder aufnehmen, lautete die Forderung der Umweltsenatorin, der sich auch die Umweltschützer vom BUND und andere Kritiker anschließen können. das gilt auch für den Wunsch nach einer stärkeren Förderung der energetischen Gebäudesanierung.

Umstritten ist aber ein weiterer Energieträger, der Kohle ein Stück weit ersetzen soll. Denn der Müllofen der BSR ist ausersehen, elf Prozent der nötigten Energie zu liefern. Das soll durch eine ­effizientere Nutzung der Abwärme aus der Müllverbrennungsanlage geschehen. Umweltschützer verwiesen aber ebenso wie Politiker von Linken und Grünen darauf, dass keinesfalls eine größere Müllmenge verbrannt werden dürfe. Im Gegenteil: Folge man der „Zero Waste“- Strategie der Koalition, würde weniger Abfall als bisher im Ofen landen.