Prozess

Polizist Rolf L. und die Autoschieber-Bande vor Gericht

Ein Berliner Polizist soll bei den kriminellen Geschäften eine wichtige Rolle gespielt haben. 40 Verhandlungstage sind geplant.

Bei einer Razzia gegen Autoschieber war 2018 ein suspendierter Berliner Polizist festgenommen worden.

Bei einer Razzia gegen Autoschieber war 2018 ein suspendierter Berliner Polizist festgenommen worden.

Foto: dpa Picture-Alliance / --- / picture alliance/dpa

Die Anklagebank im Saal 621 des Landgerichts ist international besetzt, wenn sich ab dem heutigen Montag neun Männer wegen großangelegter Autoschiebereien verantworten müssen. Sie kommen aus Polen, dem Baltikum, Jordanien, der Türkei oder dem Libanon. Von besonderem Interesse ist dabei allerdings ein 47-jähriger Deutscher, Rolf L., zumindest derzeit noch Beamter der Berliner Polizei. Er soll nicht nur große Teile des lukrativen Geschäftes organisiert, er soll seine Mitangeklagten auch mit wichtigen Informationen aus dem Polizeicomputer versorgt haben.

Behörden ermitteln gegen zwei Dutzend Verdächtige

Die Masche, mit der die Angeklagten etwa zwei Jahre lang Erfolg hatten, war im Grunde recht simpel. Die Fahrzeuge, allesamt hochwertige Modelle wurden in Autohäusern in Berlin, Brandenburg oder Niedersachsen gestohlen, umlackiert, mit falschen Papieren und frisierten Fahrgestellnummern versehen und anschließend sowohl im Inland als auch im Ausland weiterverkauft. Für jeden Aufgabenbereich, vom Einbruch über die notwendigen Fälschungen bis zum Weiterverkauf, gab es Spezialisten.

120 Fälle zwischen März 2016 und September 2018 hat die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen aufgelistet. Dabei dürfte es sich allerdings nur um die Spitze des Eisberges handeln. Ermittelt wurde und wird in der Sache insgesamt gegen 23 Verdächtige. Beteiligt waren und sind Behörden aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Schweden, den Niederlanden, Italien, Österreich, Polen, Litauen und Algerien.

Im Herbst vergangenen Jahres wurden zunächst Behörden in Berlin und Brandenburg auf die Autoschieber aufmerksam. Ermittler stießen dabei auf eine Vielzahl auffälliger Kfz-Zulassungen in Berlin und im Landkreis Oberhavel. Bei den Zulassungen wurden fast ausschließlich Personaldokumente aus Österreich und Slowenien vorgelegt, die sich bei genauer Prüfung als Fälschungen erwiesen. Sehr schnell kam darüber hinaus der Verdacht auf, die zugelassenen Fahrzeuge seien allesamt erst kurz zuvor in Autohäusern vornehmlich in Berlin, aber auch in anderen Bundesländern gestohlen worden. Mitte Dezember 2018 schlug die Polizei zu. 250 Beamte durchsuchten 18 Objekte und stellten zahlreiches Beweismaterial sicher.

Polizist wurde bereits länger von Kollegen observiert

Der Polizeibeamte Rolf L., der als Organisator und Verbindungsmann eine herausragende Rolle in der international agierenden Bande gespielt haben soll, wurde bereits einige Tage zuvor festgenommen. Fahnder des Landeskriminalamtes (LKA) hatten den Kollegen da bereits seit längerer Zeit im Visier. Unter anderem soll er als regelmäßiger Anmelder von Fahrzeugen aufgefallen sein, die sich bei genauerer Überprüfung als gestohlen erwiesen. Zudem besteht der Verdacht, dass L. doppelt kassierte, zum einen seinen Anteil am Verkauf der gestohlenen Fahrzeuge und zum anderen sein „Honorar“, dass er für die Weitergabe von Informationen aus dem Polizeicomputer erhalten haben soll.

Der Zugriff erwies sich schließlich als Volltreffer. In einer Halle am Saatwinkler Damm in Tegel hatte sich L. offenbar gerade mit drei mutmaßlichen Autoschiebern getroffen. Alle vier Männer wurden festgenommen, darüber hinaus konnten die Beamten umfangreiches Beweismaterial sicherstellen. Darunter acht überwiegend hochwertige Fahrzeuge, ein Motorrad, Computer, Datenträger, Bargeld und Drogen. Außerdem entdeckten die Ermittler Spezialwerkzeug, dass von Autoknacker-Profis zum Aufbrechen der Fahrzeuge und dem Umgehen von Wegfahrsperren genutzt wird. In Fachkreisen wird dieses Werkzeug auch „Polenschlüssel“ genannt.

Welche Rollen der Polizist Rolf L. und jeder einzelne seiner Mitangeklagten im Detail gespielt hat, muss jetzt das Gericht feststellen. Zeit genug bleibt den Richtern dabei. Für den Prozess sind 40 Verhandlungstage angesetzt, ein Urteil wird frühestens Ende Februar kommenden Jahres erwartet. Bis dahin werden drei Dutzend Zeugen und zahlreiche Sachverständige gehört. Ob die Angeklagten selbst sich zu der langen Liste an gegen sie erhobenen Vorwürfen äußern werden, ist noch unklar. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.