Verbände

Müller wirft Blick in die digitale Arbeitswelt der Zukunft

Der Branchenverband Bitkom zeigt in seinem neuen Büro in Mitte, welche Räume die Beschäftigten brauchen.

Michael Müller (SPD) testet eine Virtual-Reality-Brille.

Michael Müller (SPD) testet eine Virtual-Reality-Brille.

Foto: Bitkom/Caroline Wittig

Manchmal behindert die reale Welt auch das aufstrebende digitale Universum. Eine Woche, bevor der Branchenverband Bitkom seine neuen Räume an der Albrechtstraße in Mitte eröffnen wollte, kam ein großer Wasserschaden dazwischen.

Mit viel Einsatz und weißer Farbe wurde die Panne behoben. Und so konnte die Dachorganisation von 2700 Unternehmen der deutschen Digitalwirtschaft am Mittwoch dann doch ihr runderneuertes Domizil mit 3000 Quadratmetern den 1200 Gästen präsentieren.

Bitkom-Präsident Achim Berg präsentierte seinen Verband als ein echtes Berliner Kind. Bitkom sei der einzige Spitzenverband der deutschen Wirtschaft, der von Anfang an konsequent auf Berlin gesetzt habe. Im Jahr 2000 habe man die erste Geschäftsstelle mit drei Mitarbeitern begonnen, inzwischen sind 150 Beschäftigte für Bitkom tätig.

Bitkom setzt pro Jahr 24 Millionen Euro um

Der Verband setzt pro Jahr 24 Millionen Euro um. Die Bitkom-Mitarbeiter betreiben auch die übliche politische Lobbyarbeit im politischen Berlin. Aber sie beraten auch Behörden bei der Digitalisierung, denken sich Projekte aus, organisieren Weiterbildung, erproben digitale Anwendungen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) lobte zur Eröffnung Bitkom als große Denkfabrik und einen Impulsgeber, der weit über Berlin hinaus wirke.

Tatsächlich ist kein Branchenverband so in Berlin verwurzelt wie Bitkom. Fast 400 Mitgliedsunternehmen, darunter 170 Start-Ups, haben ihren Hauptsitz in der Hauptstadt. Eine dreistellige Zahl von Firmen hat darüber hinaus ein Büro in der Stadt. „Die Digitalbranche hat eine herausragende wirtschaftspolitische Bedeutung für die Stadt“, betonte Müller. Die Branche beschäftige 80.000 Menschen in der Stadt und entwickele sich mit „großer Dynamik“, so Müller: „Darauf setzen wir.“

Erwerbstätige sehen Digitalisierung als Chance

Zur Büroeröffnung hat Bitkoms Forschungsabteilung eine Studie zu „New Work“ vorgelegt. Da geht es um flexible Arbeitszeit, Großraum- gegen Einzelbüros, das Recht auf Home-Office und die Bedeutung der digitalen Kompetenz im Beruf. Demnach sehen zwei Drittel aller Erwerbstätigen in der Digitalisierung eine Chance. Nur wenige stehen dem digitalen Wandel ablehnend gegenüber. Nur elf Prozent gaben an, digitale Technologien würden sie unter Stress setzen. Niemand glaubt mehr, dass Digitalkompetenz von untergeordneter Bedeutung sein werde. 30 Prozent sehen sie als wichtigste Fähigkeit der Zukunft an.

Großraumbüros kommen bei den meisten Befragten gut weg, weil sie die Kommunikation unter den Mitarbeitern förderten. 96 Prozent wünschen sich, ihre Arbeitszeit frei einteilen zu können. Nur eine Minderheit von 37 beziehungsweise 27 Prozent fürchtet, Digitalisierung führe zur Selbstausbeutung beziehungsweise zur Ausbeutung durch den Arbeitgeber. 58 Prozent wünschen sich wie Bitkom eine Abschaffung der täglichen Maximalarbeitszeit im Tausch gegen eine wöchentliche Arbeits-Obergrenze. 53 Prozent würden lieber nach Vertrauen arbeiten anstatt ihre Arbeitszeit erfassen zu müssen.

Für 2,3 Millionen Euro wurden Räume umgebaut

Im neuen Büro hat der Verband versucht, für „New Work“ die passenden Räume zu schaffen. Für 2,3 Millionen Euro wurden die gemieteten Büros aus den 90er-Jahren nach Plänen der Architekten des Berliner Büros Something Fantastic umgebaut. Alle drei Etagen verbindet jetzt eine innen liegende Treppe. Türen und Wände wurden herausgerissen, dafür offene Flächen geschaffen, Einzelbüros wurden zugunsten von Gruppen-Arbeitsplätzen abgeschafft. Eine lichtdurchflutete Cafeteria weist heraus zur benachbarten Hochbahn-Trasse. An den Decken sind Rohre und Kabel absichtsvoll sichtbar gelassen.

Der Regierende Bürgermeister lernte bei seinem Rundgang auch einige der zahlreichen Themen kennen, mit denen sich die Mitgliedsfirmen befassen. Dazu gehört eine Weste, die das Berliner Fraunhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik entwickelt hat. Ein Arbeiter streift das mit Sensoren bestückte Textil über. Das Kleidungsstück warnt dann, wenn er den schweren Kasten aus dem Rücken und nicht aus dem Knie hebt oder wenn er beim Schweißen seinen Rücken verrenkt. In Zeiten des demografischen Wandels könnten solche Geräte einen wichtigen Beitrag leisten, um Belegschaften länger gesund und leistungsfähig zu halten, erfuhr Müller.

Ein anderes Unternehmen namens Young Targets hat sich zum Ziel gesetzt, talentierte junge Leute den personalsuchenden Start-Up-Unternehmern zuzuführen. Neben ganz konventionellen Bus-Touren für Informatik-Absolventen zu den Firmen-Sitzen hat man auch ein Virtual-Reality-Spiel entwickelt, bei dem Gruppen aus einem Raum ausbrechen müssen, Wer sich dabei sozial benimmt und Lösungen liefert, hat bessere Chancen auf einen guten Job.

Das Thema Fachkräfte macht dem Politiker Müller und den Bitkom-Chefs große Sorgen. Müller plädierte dafür, der Verband möge sich bei der Weiterbildung der 100.000 Verwaltungsmitarbeiter engagieren. Bitkom-Präsident Berg klagte, gerade in Berlin gebe es einen „Riesenmangel an IT-Fachkräften“.