Flüchtlinge

Schätzung: Rund 100.000 Asylsuchende kamen nach Berlin

Nach einer groben Schätzung kamen in den vergangenen zehn Jahren 100.000 Asylsuchende nach Berlin. Etwa 80.000 davon seien geblieben.

Ankunftszentrum: Die einstige Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik.

Ankunftszentrum: Die einstige Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik.

Foto: Susanne Kollmann

Berlin. Flüchtlinge, die in Deutschland Asyl suchen, müssen sich bei einer zuständigen staatlichen Stelle wie Polizei oder Ausländerbehörde melden. Dann werden sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf die 16 Bundesländer verteilt.

Dabei gilt eine Quote, die sich nach dem „Königssteiner Schlüssel“ richtet. Darin werden die Steuereinnahmen der Länder zu zwei Dritteln und die Bevölkerungszahl zu einem Drittel gewichtet. Derzeit liegt Berlin dabei an sechster Stelle und muss 5,14 Prozent der Flüchtlinge aufnehmen.

80.000 Flüchtlinge blieben in Berlin

Nach einer sehr groben Schätzung seien in den vergangenen zehn Jahren 100.000 Asylsuchende nach Berlin gekommen, sagt Sascha Langenbach, Sprecher des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Etwa 80.000 davon seien geblieben. In Unterkünften würden aktuell 20.740 leben. Jeden Monat kämen zwischen 600 und 700 Flüchtlinge hinzu.

Ob vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Türkei und Griechenland mehr zu erwarten seien, könne noch nicht abgeschätzt werden, so der Sprecher weiter. „Es ist für uns aus der Entfernung unheimlich schwer zu beurteilen.“ Die Zahlen könnten sich immer schnell ändern, wenn irgendwo auf der Welt ein Konflikt ausbricht. Ständig auf alles eingestellt zu sein, wäre „toll“, aber schwierig. „Wir bereiten uns auf Eventualfälle vor.“

Derzeit rund 2500 freie Plätze in den Unterkünften

In den berlinweit rund 90 Aufnahme- und Gemeinschaftsunterkünften gebe es derzeit circa 2500 freie Plätze, so der LAF-Sprecher weiter. Diese würden Spielraum schaffen. Dass es überschüssige Kapazitäten auch unabhängig von der weltpolitischen Lage brauche und sie ausgebaut werden müssen, habe am Dienstag das Feuer in einer Unterkunft in Köpenick gezeigt. Dadurch mussten 100 Flüchtlinge kurzfristig umziehen.

Das im April eröffnete Ankunftszentrum auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf soll „so erweitert werden, dass wir auf professionelle Weise auf Zuzüge reagieren können“, sagt Langenbach. Dort kämen derzeit rund 300 Flüchtlinge in den ersten Tagen nach der Ankunft unter.

Bis zum kommenden Jahr wird dort auch eine sogenannte „Modulare Unterkunft für Flüchtlinge“ (MUF) mit 389 Plätzen gebaut, die bei Bedarf auf 598 aufgestockt werden kann. In einen weiteren Neubau auf dem ehemaligen Klinikareal soll 2020 außerdem die zentrale Registrierungsstelle des LAF einziehen, die derzeit noch an der Wilmersdorfer Bundesallee untergebracht ist.

Hangars in Tempelhof sollen nicht reaktiviert werden

Das Ankunftszentrum war zuvor in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof untergebracht, die im März geschlossen wurden. Bereits bis Ende 2018 wurden alle Notunterkünfte aufgelöst. Überlegungen, sie gegebenenfalls zu reaktivieren, gebe es nicht, sagt Langenbach.

Auch am Plan, die sogenannten Tempohomes sukzessive freizuziehen, halte man fest. Dabei handelt es sich um temporäre Wohnquartiere in Containern. Bis Mai standen verteilt auf 17 Standorte insgesamt 5320 Plätze zur Verfügung. Zwei Tempohomes wurden bereits aufgegeben: Das größte auf dem Tempelhofer Feld mit rund 1000 und das an der Zossener Straße in Hellersdorf mit knapp 260 Plätzen. „Bis zum Jahresende kommen noch drei bis vier Standorte dazu, das heißt, weitere 1000 Personen werden umziehen müssen“, sagt Langenbach.

Die Tempohomes dienen der Unterbringung, bis ausreichend Platz in regulären, qualitativ hochwertigeren Unterkünften bereitgestellt wurde. Gemeint sind dabei zumeist die MUFs, die derzeit überall in Berlin geplant und gebaut werden. Dabei handelt es sich um Gebäude, die aus vorfabrizierten Beton-Modulen errichtet werden und eine Lebensdauer von bis zu 80 Jahren haben. Nach Auszug der Flüchtlinge sollen sie meist anderweitig genutzt werden.

16 der 52 geplanten MUFs in Betrieb

Im Moment sind laut LAF berlinweit 16 der 52 geplanten MUFs mit 5675 Plätzen in Betrieb. Im kommenden Jahr sollen sechs weitere mit insgesamt rund 1700 Plätzen fertiggestellt werden, sagt Langenbach. „Beim MUF-Ausbau ist viel Überzeugungsarbeit vor Ort zu leisten“, erklärt der Sprecher die häufig langen Planungszeiten.

Die Akzeptanz in der Nachbarschaft zu erhöhen, sei nicht immer einfach. Bis Ende des Jahres sollen die Bauanträge für neun weitere MUFs mit rund 2740 Plätzen bei den Bezirken eingehen – jeweils zwei in Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg und Spandau sowie jeweils eins in Neukölln, Marzahn-Hellerdorf und Treptow-Köpenick. Vier davon sollen dank eines beschleunigten Verfahrens schon Ende 2020 stehen.