Preis für Kinderrechte

Ulrich Wickert: „Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden“

Zum 30. Geburtstag von Plan International Deutschland wird im Tipi am Kanzleramt der 8. Ulrich Wickert Preis für Kinderrechte vergeben

Ullrich Wickert

Ullrich Wickert

Foto: Piper Verlag

Berlin. Zum 30. Geburtstag von Plan Interna­tional Deutschland wurde am Mittwochabend im Tipi im Kanzleramt zum achten Mal der Ulrich Wickert Preis für Kinderrechte verliehen.

Mit dieser Auszeichnung werden einmal im Jahr die besten Berichte und Reportagen zum Thema Kinderrechte ausgezeichnet. Wickert engagiert sich seit 1995 für das Hilfswerk und gründete 2011 in diesem Zusammenhang seine eigene Stiftung. Vorab spricht der 76-Jährige über Ideen unter der Dusche, das Schaffen von Bewusstsein und den Fokus auf Inhalte statt Hochglanzreportagen.

Was hat Sie vor über 20 Jahren dazu bewogen, sich für Plan International zu engagieren, und hat sich diese Motivation seitdem verändert?

Ulrich Wickert Eine Freundin, die damals im Vorstand von Plan International war, hat mich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mich ein bisschen dafür einzusetzen. Ich muss sagen, ich kannte Plan damals nicht. Ich habe mich also erkundigt. Mir war immer wichtig zu erfahren, wie viel von dem gespen­deten Geld in die Verwaltung der Organisation geht. Bei Plan sind das höchstens 20 Prozent, und das hat mich überzeugt, gemeinsam mit der Tätigkeit von Plan. Ich bin da dann ziemlich schnell reingewachsen. Ich wurde gefragt, ob ich nicht mal einen Werbespot machen möchte, also habe ich das gemacht. Dann bekamen wir den Walter-Scheel-Preis für unser soziales Engagement in der Dritten Welt, und da hatte Walter Bauch, der Vorstandsvorsitzende von Plan, wieder einmal geduscht. Das ist sehr ge­fährlich, denn unter der Dusche hat er immer Ideen. Damals war die Idee, ob ich nicht eine Stiftung für Kinder einrichten möchte. Ich habe mich sehr schnell überzeugen lassen, nachdem ich mich mit dem Thema Kinderrechte befasst hatte. Wenn man in Deutschland lebt, ist das ja nicht so ein großes Thema, aber wenn man sich in den Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas umschaut, stellt man fest, dass das ein Riesenthema ist.

In Deutschland ist also alles gut, so wie es ist?

Natürlich ist es nirgendwo perfekt. Aber wenn Sie sich angucken, dass in Mauretanien Kinder als Sklaven verkauft werden, dass in Indien und Nepal Mädchen mit sieben, acht Jahren als Haushalts­hilfen oder an Bordelle verkauft werden, dann sind das doch die ganz schrecklichen Geschichten.

Wie wirkt sich in diesen Gebieten die Arbeit Ihrer Stiftung aus?

Was die Stiftung macht, ist eine Entwicklung, die langfristig wirken soll. Zum Beispiel, indem wir gewisse Projekte unterstützen, wo junge Menschen und Kinder Programm in ihrem kleinen Ort im Radio oder sogar im Fernsehen initiieren, wo über Kinderrechte gesprochen wird. Oder aber indem wir Preise an deutsche oder internationale Journalisten verleihen, die sich mit dieser Thematik befassen. Es muss erst mal ein Bewusstsein geschaffen werden.

Konnten Sie in den vergangenen Jahren denn eine positive Entwicklung feststellen?

Es gibt seit 30 Jahren die Kinderrechtskonvention der UNO. Ich würde sagen, wenn etwas besser wird, dann nicht von jetzt auf gleich. Natürlich gibt es Gegenden in Afrika, bei denen man sagt, es wird besser. Aber sehen Sie, als Angela Merkel gerade in China war, wurde sofort gefragt, ob sie sich um die Freiheit der Menschen in Hongkong gekümmert hat. Wenn Frau Merkel nach Indien fährt, fragt niemand, ob sie sich um die Probleme der Menschenrechte dort gekümmert hat. Dort werden zu Hunderttausenden die Menschen- und Kinderrechte gebrochen. Aber dort schaut niemand hin.

Einen Sonderpreis erhalten in diesem Jahr die Hamburger „Youth Advocates“, Jugendliche mit Flucht- und Migrationserfahrung. Ist das nach wie vor ein zentrales Thema?

Das ist nicht nur Flucht und Vertreibung, das sind viele andere Dinge. Zum Beispiel Kinder, die gezwungen werden, erwachsene Männer zu heiraten. Das ist etwas ganz Furchtbares. Oder Beschneidung. Kinder, die als Sklaven gehalten werden. Das ist etwas, das hunderttausendfach auf der Welt passiert.

Im vergangenen Jahr haben Sie Claas Relotius einen Preis verliehen, den Sie ihm später wieder aberkannt haben. Wie hat das Ihren Blick auf die Einreichungen verändert?

Ich glaube, dass es eine Rolle bei der ­Betrachtung der eingereichten Beiträge gespielt hat: Es geht nicht nur um Hochglanzreportagen, lass uns ganz besonders nach Inhalten gucken.