Gewalt

Berliner Frauenhäuser stoßen an ihre Grenzen

Es gibt nicht genügend Plätze, um Frauen vor gewalttätigen Männern zu schützen. Hilfsbedürftige werden abgewiesen.

Ein wenig Ruhe, ein Alltag ohne Gewalt: Frauenhäuser bieten vorübergehend Schutz.

Ein wenig Ruhe, ein Alltag ohne Gewalt: Frauenhäuser bieten vorübergehend Schutz.

Foto: dpa Picture-Alliance / Maja Hitij / picture alliance / dpa

Berlin. Für viele Frauen sind es die letzten Zufluchtsstätten, die sie in ihrer größten Not aufsuchen: Frauenhäuser. Sechs gibt es in Berlin, 20 in Brandenburg – und allesamt halten sie ihre genauen Adressen geheim. Aus Angst davor, dass die Täter ihren Frauen weiter nachstellen, sie hier ausfindig machen und weiter bedrohen oder angreifen.

Trotzdem werden noch immer schutzsuchende Frauen von Frauenhäusern abgewiesen – weil die überbelegt sind. Rund 300 Plätze gibt es in den sechs Frauenhäusern in Berlin. „Schätzungsweise 600 Plätze fehlen aber in der Stadt“, sagt Frau Fischer, die im II. autonomen Frauenhaus arbeitet. Aus Furcht vor Verfolgung möchte sie ihren Vornamen nicht in der Zeitung lesen. 60 Plätze gibt es in ihrem Haus. „Sobald ein Platz bei uns frei wird, ist der ruckzuck wieder weg.“

Freie Plätze meldet Fischer der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (Big). Der Verein vermittelt telefonisch Plätze in Frauenhäusern an Betroffene. Fischer schätzt, dass sie trotzdem fast täglich Frauen abweisen muss. Auch, weil das Büro nur von Montag bis Freitag zwischen neun und 18 Uhr geöffnet ist. Wer aber am Wochenende oder nachts anruft, findet keinen Platz.

Leiterin: Wir brauchen mehr Personal

Manchmal fühlt sich die Arbeit im Frauenhaus deshalb auch an wie der berühmte Kampf gegen Windmühlen, erzählt Fischer. Locker könnte man hier doppelt so viel Personal gebrauchen. Heute arbeiten im II. autonomen Frauenhaus zehn festangestellte Mitarbeiter. Es ist das einzige Berliner Frauenhaus, das auch noch Söhne der hilfsbedürftigen Frauen bis 18 Jahren aufnimmt. Und auch das doppelte Budget könnte man gebrauchen, sagt Fischer.

Vergangenes Jahr versprach Familienministerin Franziska Giffey (SPD) mehr Geld für Frauenhäuser. Angekommen ist es aber noch nicht. In Berlin läuft die Finanzierung über den Senat. Für schutzsuchende Frauen gibt es deshalb keine Zugangshürden durch die Frage der Bezahlung – wie in manch anderen Bundesländern. Trotzdem müssen die Einrichtungen immer wieder ihr Budget beim Senat einreichen. Der entscheidet dann nach den aktuell laufenden Haushaltsdebatten, wer wieviel bekommt. In diesem Jahr steht das noch aus.

Zusätzliches Geld für Betreuung in der Nacht und am Wochenende

Was die Berliner Frauenhäuser mit dem zusätzlichen Geld anfangen würden? „Wir brauchen eine zentrale Verwaltungsstelle für freie Plätze in Frauenhäusern, auch für nachts oder das Wochenende“, sagt Gabriele Kriegs, Leiterin des Frauenhaus des Caritas. 50 Plätze gibt es in ihrem Haus. Außerdem hat sie noch 25 Wohnungen für Frauen und ihre Kinder, die nicht länger im Frauenhaus bleiben müssen. „Zweite Stufe Wohnen“, heißt dieses Konzept. Ob es auch mit den Geldern des Familienministeriums finanziert werden könnte, ist indes noch unklar.

Aktuelle Zahlen der Berliner Polizei zeigen: 2017 gab es insgesamt 14.605 Fälle von familiärer und partnerschaftlicher Gewalt in der Stadt. Und die Opfer waren in 71,5 Prozent der Fälle Frauen. Besonders tragisch: 16 Berliner wurden aus einem ehelichen, partnerschaftlichen oder familiären Zusammenhang getötet. 2017 fanden insgesamt 1692 Frauen mit ihren Kindern Schutz in Berliner Frauenhäusern.

Vater tötet Kind während Besuch in Einrichtung

Ein besonders tragischer Fall aus dem Jahr 2008 ist bis heute in Erinnerung geblieben. Damals tötete ein 41 Jahre alter Mann seine erst sieben Monate alte Tochter, als er sich mit der Mutter des Kindes stritt. Die Tat ereignete sich in einer Mutter-Kind-Einrichtung des Diakonischen Werkes im Stadtteil Reinickendorf – ausgerechnet in einem Haus, das Frauen und Kindern bei häuslichen Problemen eigentlich Hilfe und Zuflucht gewähren soll.

Was Kriegs und Fischer heute beiden auffällt: Die Aufenthaltsdauer der Frauen in den Häusern hat sich verlängert. „Früher waren es im Schnitt drei Monate“, sagt Fischer. Heute sei es „deutlich länger“. Der Grund dafür ist auch auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt zu finden. Fischer erklärt, dass Frauen, die zwischenzeitlich in einem Frauenhaus unterkamen, bei der Wohnungssuche diskriminiert würden. „Vermieter wollen nicht, dass plötzlich der gewalttätige Ex vor der Tür steht.“

Ein Problem, das auch Kriegs beobachtet. „Es ist ganz schwierig, Wohnungen für die Frauen zu finden“, sagt sie. Im Schnitt bleiben in ihrem Frauenhaus die Frauen 43 Tage. „Wer sich aber wirklich trennen und ein neues Leben beginnen will, der bleibt im Durchschnitt ein halbes Jahr.“ Kriegs fordert deshalb eine zentrale Stelle für Berlin, die Frauen bei der Vermittlung von Wohnungen hilft.