Renten

Immer mehr Berliner Rentner von Armut bedroht

Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Rentner mit zu geringen Einkünften von 5,1 auf 11,2 Prozent verdoppelt.

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Berlin. Jedem dritten Berliner Beschäftigten droht Geldmangel im Alter: Das ergibt eine Studie der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Demnach sind 31 Prozent aller Beschäftigten in der Hauptstadt von Altersarmut bedroht. 490.000 Arbeitnehmer würden nach 45 Beitragsjahren eine Rente bekommen, die unterhalb der staatlichen Grundsicherung liegt, so die NGG. Diese liege bei 801 Euro im Monat.

Die Gewerkschaft bezieht sich dabei auf Zahlen des Eduard-Pestel-Instituts für Systemforschung in Hannover. Demnach hat auch von den Vollzeitbeschäftigten rund jeder dritte in Berlin nach 40 Arbeitsjahren einen Rentenanspruch von weniger als 1000 Euro monatlich. Die Gewerkschaft geht davon aus, dass bis 2030 mehr als 750.000 Berliner von Altersarmut bedroht sein werden.

In Europa gilt als arm, wer mit weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens an seinem Wohnort auskommen muss. In Berlin ist demnach arm, wer im Monat weniger als 769 Euro zur Verfügung hat. Bei 40 Prozent (615 Euro) spricht man von „ganz strenger Armut“. Entscheidend ist jedoch die sogenannte „Armutsgefährdungsschwelle“ von 60 Prozent beziehungsweise 923 Euro. Das geht aus dem Regionalen Sozialbericht 2017 des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg hervor, der alle zwei Jahre veröffentlicht wird ­­– zuletzt Anfang 2018.

Mehr als zehn Prozent der Berliner ab 65 sind von Armut bedroht

Demnach sind von den Berliner Senioren ab 65 Jahren 11,2 Prozent armutsgefährdet. Damit ist diese Altersgruppe im Vergleich zu allen anderen zwar am wenigsten betroffen. Bei den unter 18-Jährigen waren es mit 22,7 Prozent bereits doppelt und bei den 18- bis 25-Jährigen mit 31,8 Prozent sogar fast dreimal so viele. Allerdings steigt die Armutsgefährdungsquote bei den über 65-Jährigen im Vergleich zu allen Altersgruppen am stärksten. So lag sie 2007 nur bei 5,1 Prozent und hat sich seitdem mehr als verdoppelt.

Dass immer mehr Berlinern die Rente allein nicht zu reichen scheint, geht auch aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor. Demnach gingen im Jahr 2018 insgesamt 43.951 der Menschen über 65 Jahren einer Beschäftigung nach. Zehn Jahre zuvor waren es mit 22.898 nur knapp halb so viele. Laut Statistikamt bezogen im Jahr 2017 insgesamt 639.800 Berliner eine Rente.

Anfrage an Senatsverwaltung bleibt unbeantwortet

Mit 353.700 hatten davon mehr als 55,3 Prozent ein weiteres Einkommen nebenher. Bei den meisten davon (136.900 oder 21,4 Prozent) handelte es sich dabei um Hinterbliebenenrenten. 30.700 waren allerdings auf Grundsicherung im Alter angewiesen (4,8 Prozent). Im Jahr 2008 waren das noch 19.100 und damit 3,1 Prozent von damals 623.200 Rentnern.

Eine schriftliche Anfrage der Berliner Morgenpost an die Senatsverwaltung für Soziales, mit welchen konkreten Maßnahmen das Land Berlin Altersarmut begegnen will, blieb bislang unbeantwortet. Eine Sprecherin verwies lediglich auf die allgemein gehaltene Antwort der Verwaltung auf eine Anfrage des Berliner CDU-Abgeordneten Maik Penn aus dem April. Darin heißt es, dass aktuell mögliche Maßnahmen in Arbeitsgruppen mit Vertretern der Mitwirkungsgremien der Senioren, der anderen Senatsverwaltungen und der Bezirke diskutiert würden.

„Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe trotz geringer Einkommen ist hier explizit in einer Arbeitsgruppe sowie als Querschnittsthema in allen Arbeitsgruppen verankert.“ Konkrete Maßnahmen sollen bis 2020 erarbeitet werden. Allerdings habe man wenig Gestaltungsspielraum, da die Zuständigkeit vor allem beim Bund liege.

Niedriglohnsektor und Hartz-Gesetze befördern Altersarmut

Hier sieht auch der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge die Stellschrauben. Grund für die steigende Altersarmut sei zum einen der gewachsenen Niedriglohnsektor durch die Hartz-Gesetze. Inzwischen sei fast jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland dort beschäftigt. „Und in diesen prekäre Verhältnissen kann man keine Rentenansprüche sammeln.“ Daneben sei die „Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung“ Schuld. Die habe lange einen guten Schutz vor Altersarmut geboten. „Bis zur Rentenreform 1992 wurden Geringverdiener, die lange eingezahlt haben, hochgestuft.“ Ein Zustand, den Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) mit der Grundrente nun wieder herstellen wolle, so Butterwegge.

Auch der Sozialverband VdK begrüßt Heils Pläne, der nach 35 Beitragsjahren monatlich mindestens 900 Euro fordert. Der VdK will die Untergrenze sogar auf 960,60 Euro festlegen. Außerdem fordert der Verband eine Erhöhung des Mindestlohns von derzeit 9,19 auf 12,80 Euro.

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