Stadtentwicklung

Linke wollen Zahl der Touristen in Berlin reduzieren

Die Linke will das Budget für das Berliner Tourismusmarketing streichen, damit weniger Urlauber in die Hauptstadt reisen.

Die stadtentwicklungs- und tourismuspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Berliner  Abgeordnetenhaus will die Zahl der Touristen in der Hauptstadt reduzieren.

Die stadtentwicklungs- und tourismuspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus will die Zahl der Touristen in der Hauptstadt reduzieren.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Berlin. Nicht wenige Berliner fühlen sich durch die vielen Touristen in ihren Kiezen gestört. Auch auf diese Gefühle bezieht sich die Linke mit einer Fundamentalkritik am Tourismusmarketing der Stadt.

Die stadtentwicklungs- und tourismuspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Katalin Gennburg, fordert, kein Steuergeld mehr auszugeben, um Besucher in die Stadt zu locken und damit auch klimaschädliche Langstreckenflüge auszulösen.

Es werde „munter Wachstum gepredigt“, sagte Gennburg, „als ob es keine Klimakatastrophe, keine Verdrängung kleiner Läden und Kitas aus den Kiezen durch massive Kommerzialisierung gäbe“. Die Berliner würden zu Gästen in ihrer eigenen Stadt gemacht, das Erlebnis für die Touristen der Lebensqualität der Einheimischen zumindest gleichgestellt.

Tourismus in Berlin - Berlin solle "zum Disneyland umgebaut" werden

All das stehe im Zusammenhang mit den „Verheerungen im Wohnungssektor“ durch die Vermietung von Ferienwohnungen über Plattformen „wie Airbnb und Co“, sagte die Linken-Politikerin aus Anlass des „Tages des Tourismus“, einem Treffen von Branchenvertretern. Das Geld für Marketing solle lieber für spürbare Lebensqualität in den Kiezen ausgeben werden.

Seit 2012 seien 70 Millionen Euro Steuergeld in das Tourismusmarketing vor allem der landeseigenen Firma Visit Berlin geflossen, die laut Gennburg „Berlin zum Disneyland umbauen“ wolle. Die Summe hat der Senat in einer Anfrage der Linken dargestellt. Welche Einnahmen dadurch generiert worden seien, könne der Senat hingegen nicht beziffern. Sie sieht sich von ihrer Partei bestätigt.

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Wirtschaftssenatorin Ramona Pop reagiert überrascht auf Attacke

Der Landesausschuss, eine Art kleiner Parteitag, habe am Freitag beschlossen, das Stadtmarketing grundsätzlich überprüfen zu wollen. Damit wurde ein beim Landesparteitag nicht behandelter Antrag abgemildert, der die Streichung des Geldes für das Stadtmarketing gefordert hatte.

Die für Tourismus zuständige Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) zeigte sich überrascht von der Attacke des Koalitionspartners. Die Äußerungen Gennburgs bezeichnete sie am Mittwoch am Rande des Tages des Tourismus als „Einzelmeinung“. In den laufenden Beratungen zum Haushalt habe die Linksfraktion bislang nicht die Streichung des Zuschusses für Visit Berlin beantragt.

Visit-Berlin-Chef Burkhard Kieker betonte, dass sich die Rolle des Landesunternehmens in den vergangenen Jahren verändert habe. „Wir sind nicht mehr nur Destination-Marketing, sondern auch Destination-Management“, sagte Kieker mit Blick auf die zunehmenden Beratungstätigkeiten, die Visit Berlin den Bezirken anbietet, etwa um passende Angebote aufzusetzen.

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In beliebten Kiezen ist jeder Dritte auf der Straße Urlauber

Visit Berlin sorge dafür, die Marke Berlin zu positionieren, um Qualitätstourismus in die Stadt zu holen. Im Visier hat Kieker dabei vor allem Teilnehmer von Messen und Kongressen sowie Besucher, die wegen des kulturellen Angebots in die Hauptstadt kommen. „Auf diesem Klavier spielen wir auch zur großen Freude von Herrn Lederer (Linke, Berlins Kultursenator, d. Red.) rauf und runter. Visit Berlin ist die Marketingmaschine des Berliner Kulturbetriebs“, betonte Kieker.

Berlins Besucher-, aber auch die Bevölkerungszahl steigt seit Jahren an. „Es wird alles immer voller“, sagte Pop. So sei für viele Einwohner der Eindruck entstanden, dass vor allem Gäste für Lautstärke und Verschmutzung verantwortlich seien.

Umfrage an belebten Orten: Vor allem Berliner dort unterwegs

Gemeinsam mit Visit Berlin veröffentlichte die Wirtschaftsverwaltung am Mittwoch erstmals Zahlen, die diesen Eindruck widerlegen. 1300 Menschen hatte Visit Berlin in Zusammenarbeit mit der FU Berlin an drei Wochenenden im Mai an sechs belebten Orten befragt: Admiralsbrücke, Alexanderplatz, Boxhagener Kiez, Mauerpark sowie Reuter- und Wrangelkiez.

Laut Umfrage waren dort vor allem Berliner (73 Prozent) unterwegs. Touristen wurden zu 26 Prozent angetroffen. Ein Prozent der Befragten machten keine Angaben. Vor allem Alexanderplatz, Boxhagener Kiez und Mauerpark sind bei Touristen beliebt. Dort war etwa jeder dritte Befragte Gast in Berlin. An Admiralsbrücke und im Reuterkiez wurden zu mehr als 80 Prozent Einheimische angetroffen. Es gebe einen ausgeprägten intra-berlinischen Tourismus, sagte Kieker. Mit Blick auf Anwohnerbeschwerden betonte er: „In einer Stadt mit Dehnungsschmerzen wie Berlin müssen wir darauf achten, dass wir nicht jedes Problem bei unseren Gästen abladen.“