Denkmalschutz

ICC: „In einer Liga mit dem Centre Pompidou in Paris“

Das ICC steht nun unter Denkmalschutz. Landeskonservator Christoph Rauhut schwärmt von der Architekturikone.

Eine Architektur-Ikone: das Internationale Congress Centrum (ICC) am Messedamm in Charlottenburg.

Eine Architektur-Ikone: das Internationale Congress Centrum (ICC) am Messedamm in Charlottenburg.

Foto: Paul Zinken / picture alliance / Paul Zinken/dpa

Berlin. Eines der umstrittensten Bauwerke Berlins steht von sofort an unter Schutz. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) haben am Dienstagnachmittag bekannt gegeben, dass das vor 40 Jahren errichtete Internationale Congress Centrum (ICC) zwischen Messedamm und Autobahn in Charlottenburg in die Denkmalliste des Landes Berlin aufgenommen wurde.

Damit dürfen nun sowohl das Innere als auch die äußere Hülle der 320 Meter langen Architekturikone nur noch mit Zustimmung des Landeskonservators Christoph Rauhut verändert werden. Die Berliner Morgenpost sprach mit Berlins oberstem Denkmalschützer, welche Konsequenzen das für das futuristische Kongress-„Raumschiff“ hat.

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Berliner Morgenpost: Herr Rauhut, vor fünf Jahren fand mit der Daimler-Hauptversammlung die letzte Veranstaltung im ICC statt. Seitdem – kurz unterbrochen von einer Episode als Flüchtlingsunterkunft – steht der Kongresstanker jetzt leer. Kommt der Denkmalschutz nicht reichlich spät?

Christoph Rauhut: Wir haben erst das Interessenbekundungsverfahren im Frühjahr abgewartet...

...bei dem 13 sehr unterschiedliche Nutzungsideen eingegangen sind. Unter anderem als Mega-Gewächshaus unter Folie...

Der Senat hat sich 2015 dazu bekannt, dass er eine weitere Kongressnutzung als Ziel für das Gebäude sieht. Und die Interessenten haben uns nun bestätigt, dass eine Nutzung als Kongress- und Kulturstandort weiter möglich ist.

Wie wird der Denkmalschutz dem Gebäude jetzt weiterhelfen?

Denkmalschutz ist ja nur ein Baustein, der zunächst nur bedeutet, dass das Gebäude und seine Ausstattung geschützt sind. Aufgrund seiner Architektur und Struktur ist die weitere Nutzung als Kongress- und Kulturstandort, also etwa für Aktionärsversammlungen, Konzerte oder eben große Kongresse, ja im Grunde auch schon vorgegeben. Das Interessenbekundungsversverfahren hat ergeben, dass es durchaus Investoren gibt, die sich einen wirtschaftlichen Betrieb zutrauen.

Der Eigentümerin des Gebäudes, der landeseigenen Messe Berlin GmbH, ist das aber nicht gelungen?

Ja, das war eines der Probleme. Durch die Kopplung des Gebäudes an die Messegesellschaft hatte diese das wirtschaftliche Defizit zu tragen, obwohl sie eben kein Kongress-, sondern ein Messebetreiber ist. Wir brauchen für das Gebäude aber einen Kongressbetreiber.

Haben Sie den denn jetzt gefunden? Immerhin wird dem Gebäude ja nachgesagt, dass es jährlich rund 23 Millionen Euro Unterhaltskosten verschlingt.

Es gibt noch keinen konkreten Betreiber. Der künftige Nutzer muss ja auch gar nicht alle Kosten alleine tragen. Der Senat hat 2015 die Sanierung beschlossen und auch, dass dafür 200 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt bereitgestellt werden. Die Vorbereitungen zur Sanierung laufen bereits, da gibt es aktuell diverse insbesondere auch bautechnische Fragen zu klären.

Reichen 200 Millionen Euro für die Sanierung?

Das können wir aktuell gar nicht genau sagen, entsprechende Gutachten sind gerade in Arbeit.

Und die Asbest-Problematik?

Schadstoffbelastungen lassen sich lösen, dafür gibt es bundesweit genug Beispiele, etwa der Kulturpalast in Dresden oder das Scharoun-Theater in Wolfsburg.

Sie haben noch keinen Betreiber, das Gebäude ist noch nicht saniert. Wird der Denkmalschutz nicht geradezu verhindern, dass das Gebäude fit gemacht werden kann für eine tragfähige, zukünftige Nutzung?

Nein, durchaus nicht. Dass wir schon länger vorhaben, das Gebäude als Denkmal einzutragen, war bekannt, das hat also niemanden abgeschreckt. Aber es war wichtig, diese Absicht jetzt noch einmal zu formalisieren. Diesen Schritt haben wir mit den zuständigen Senatoren für Wirtschaft und Kultur jetzt vereinbart, darüber bin ich sehr froh. Und wir haben ja immer im Hinterkopf, dass eine Nutzung der wirksamste Schutz für das Gebäude ist. Ein Leerstand, wie wir ihn jetzt haben, ist fatal. Deshalb werden auch nicht alle baulichen Veränderungen kategorisch ausgeschlossen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel das Parkhaus. Dieser Teil am Ende des Gebäudes kann sowohl Innen als auch Außen verändert werden, weil wir andere verkehrstechnische Elemente, etwa den Anschluss an die Autobahn oder der Übergang zum Nahverkehr, also zur U-Bahnstation Messedamm, für wesentlich wichtiger erachten. Deshalb ist im Parkhaus auch durchaus noch viel Platz für wirtschaftliche Konzepte.

Auch für ein Hochhaus an dieser Stelle? Das hatten ja sogar mehrere der Interessenten vorgeschlagen.

Grundsätzlich gilt es solche Fragen mit dem zukünftigen Betreiber zu klären. Dabei ist es aber wichtig, dass auch die Stadtlandschaft um das ICC herum betrachtet werden muss, auch wenn wir nur das Gebäude, nicht aber das Umfeld zum Denkmal erklärt haben. Ein Hochhaus etwa auf dem Vorplatz ist deshalb ausgeschlossen, denn der Vorplatz spielt eine ganz wichtige Rolle für die Gesamtwirkung des Gebäudes. Ob sich am anderen Gebäudeende wirklich ein Hochhaus einfügen würde, ohne die städtebauliche Dominanz des ICCs zu beeinträchtigen, das müsste man dann sehr genau prüfen.

Es gibt ja auch Menschen, die das Gebäude schlicht hässlich finden. Erklären Sie denen bitte, warum es unbedingt erhalten bleiben muss?

Sehr gern. Das ICC ist ein Gesamtkunstwerk, das eine zweite Chance unbedingt verdient hat und auf das jeder Berliner stolz sein kann. Es ist eine Architekturikone ganz im Stil der 1970er-Jahre. Mit seiner High-Tech-Architektur, mit seinen utopischen Raumschiff-Anklängen spielt es mindestens in einer Liga mit dem Centre Pompidou in Paris. Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir ein so spannendes Gebäude, ein solches Markenzeichen in der Stadt haben. Man darf das Gebäude also feiern – und muss es unbedingt wieder für alle Berliner und ihre Gäste zugänglich machen.

Und was stellen Sie als nächstes unter Schutz?

Ein Fokus werden weiter die Gebäude der jüngeren Zeitschichten sein, mit Bauten der 1970er- und 1980er-Jahre. Mit dem Flughafen Tegel und dem ICC haben wir zentrale Beispiele dieser Epoche unter Schutz gestellt, bis Jahresende sollen noch weitere Gebäude folgen – in Ost und West. Aber welche das genau sind, das werden wir erst bekannt geben, nachdem wir auch den Eigentümer informiert haben, das gehört sich einfach so.