Mietendeckel-Pläne

Hauseigentümer:„Wir brauchen steigende Mieten“

Als Besitzer müsse man ständig investieren, sagen drei private Hauseigentümer. Durch den Mietendeckel befürchten sie ihren Ruin.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja (2.v.r.) mit den Vermietern Holger Schindler (l.) sowie Helga und Martin Haufe.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja (2.v.r.) mit den Vermietern Holger Schindler (l.) sowie Helga und Martin Haufe.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Helga Haufe sitzt im Hinterhof ihres Mietshauses in Prenzlauer Berg und blickt auf die graue, mit Rissen übersäte Fassade. „250.000 Euro“, benennt sie die Kosten für die wohl demnächst notwendige energetische Sanierung. „Dieses Haus hat noch nie schwarze Zahlen geschrieben.“ Sie hoffe, dass es irgendwann geschehe, sagt die 60-Jährige. Schließlich sei es ihre Altersvorsorge.

Helga und Martin Haufe gehört ein Gründerzeitbau mit zehn Wohnungen. Heute liegt das Gebäude in einer der begehrtesten Wohnlagen Berlins. Als das Ehepaar es im Jahr 1992 kaufte, war daran noch nicht zu denken. „Das Haus war damals im DDR-Standard“, sagt die Eigentümerin. Die Aufgänge, die Elektrik, alle Fenster sowie Frisch- und Abwasserleitungen seien seitdem erneuert worden. Die Heizungen habe sie in Teilen bereits zum zweiten Mal ausgewechselt. 40.000 Euro stecke sie im Schnitt jedes Jahr in das Haus, 2019 sei es bereits das Doppelte gewesen. „Man kann nicht ignorieren, was hier investiert wurde.“

Die Pläne des Berliner Senats zum Mietendeckel, der Mieterhöhungen regulieren soll, wäre ein verfassungswidriger Eingriff ins Eigentumsrecht und mit immensem wirtschaftlichen Schaden verbunden, ist Haufe überzeugt. Denn bei Neuvermietung dürfte sie im Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Altbau nur noch 6,45 Euro pro Quadratmeter verlangen. „Das wäre unser Ruin.“

Vermieter: Jeder Cent geht in die Instandsetzung

„Wir brauchen steigende Mieten, um die Instandhaltung der Gebäude zu leisten“, sagt Sabine Meyer. Sie heißt eigentlich anders, möchte ihren richtigen Namen aber aus Angst vor Anfeindungen nicht nennen und nicht fotografiert werden. Ihr gehören zwei Altbauten in Moabit mit insgesamt 69 Wohnungen. „Ein Fass ohne Boden“, sagt die 53-Jährige und zählt auf: „Die Keller sind vollgelaufen, das Dach ist immer wieder undicht, zwei Brandwände müssen saniert und drei Badstränge erneuert werden.“ Dabei würden die Baupreise jährlich um vier bis fünf Prozent steigen. Die im Mietendeckel vorgesehene Steigerungsmöglichkeit mit der Inflation, die zuletzt unter zwei Prozent lag, sei daher zu wenig.

Im Schnitt verlange sie 6,52 Euro pro Quadratmeter, so Meyer weiter. Davon gehe jeder Cent in die Instandhaltung. Dazu kämen Steuern und Kreditzinsen. „Entweder gehört das Haus dem Staat oder der Bank, aber ich schufte mich da ab.“ Denn um Handwerkerkosten zu sparen, mache sie kleinere Renovierungsarbeiten meist selbst. „Die Regulierungsdichte ist so hoch, dass ich nicht mehr kann und will“, sagt Meyer sichtlich aufgeregt. Verkaufen wolle sie die Häuser, die seit 80 Jahren ihrer Familie gehören, aber auch nicht. Denn sie zu erhalten, sei die Lebensleistung von fünf Generationen. Meyer ist den Tränen nahe. „Ich kann mit 70 Jahren nicht immer noch Tapeten abziehen.“

"Wir brauchen wieder ein Bewusstsein dafür, wer der Vermieter in Berlin ist"

Unterstützung erhalten Haufe und Meyer von Sebastian Czaja, dem Vorsitzenden der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Kleine Eigentümer würden einer sozialen Verantwortung nachkommen und einen Großteil des Wohnraums in der Stadt zur Verfügung stellen, sagt der Politiker. „Wir brauchen wieder ein Bewusstsein dafür, wer der Vermieter in Berlin ist. Er hat ein Gesicht und ist Mensch.“ In einer auf Konfrontation angelegten Debatte gehe das meist unter.

Auch Vermieterin Haufe mahnt zu mehr Differenzierung. „Die Linke suggeriert, dass alle Mieter arm und alle Vermieter raffgierig sind.“ Das weist sie für sich und den Großteil der privaten Eigentümer entschieden zurück. Sie habe noch nie einen Mieter aus wirtschaftlichen Erwägungen verdrängt. Die Miete sei stets mit Maß erhöht worden. Im Schnitt nehme sie heute 9,30 Euro pro Quadratmeter. Die höchste Miete liege bei 12,40 Euro für eine Wohnung mit 84 Quadratmetern. Darin habe sie im Vorfeld 75.000 Euro investiert, um die Räume auf einen qualitativ hochwertigen Stand zu bringen. „Dafür hätten wir deutlich mehr verlangen können, haben es aber nicht getan“, so Haufe weiter. Im Vergleich zu anderen Wohnungen, die zeitgleich auf dem Markt waren, habe sie beim besten Standard das wenigste Geld verlangt. „Das wissen die Mieter zu schätzen.“

Das bestätigt Thilo Grösch, der Ende 2016 in genau diese Wohnung einzog und zufällig dazu kommt. Ausgebeutet fühle er sich nicht. Er und seine Freundin hätten zwei Einkommen und könnten sich die Miete gut leisten. „Was wir bezahlen, ist fair – weder übertrieben, noch geschenkt.“ Ob er, sofern die Möglichkeit besteht, die Miete senken würde? „Das ist eine schwere Frage.“ Natürlich fände er es schön, mehr Geld zur Verfügung zu haben. Die Frage sei jedoch, auf wessen Kosten das geschehe. „Eigentlich wäre es verantwortungslos und egoistisch“, sagt er. Denn schließlich müsse auch Geld da sein, um das Haus instand zu halten. „Und ich habe die Miete ja angenommen. Wenn ich sie mir nicht leisten könnte, hätte ich keinen Vertrag unterschrieben.“

Menschen müssen enger zusammenrücken

Tatsächlich zahle er jetzt sogar weniger als vorher allein, so Grösch weiter. Für Holger Schindler ein entscheidender Punkt. Steigende Mieten seien nicht mit einer höheren Belastung für den Einzelnen gleichzusetzen, sagt der Vermieter, der ein Haus in Kreuzberg mit 14 Wohnungen und 25 Bewohnern besitzt und im Schnitt zehn Euro Miete verlangt. Vor dem Hintergrund der Zuwanderung müssten die Alteingesessenen zusammenrücken. „Die Mieten müssen steigen, damit die Mieter gezwungen sind, zu zweit eine große Wohnung zu bewohnen, in der sie vorher allein gelebt haben.“ Das gelte solange, wie der Senat mit dem Neubau nicht vorankomme.

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