Verschwundenes Mädchen

Mordfall Georgine: „Ali K. sprach unentwegt Mädchen an“

Ali K. soll 2006 Georgine Krüger vergewaltigt und getötet haben. Eine Zeugin sagt, der Angeklagte habe Mädchen „Angebote“ gemacht.

Ali K. soll Georgine Krüger vergewaltigt und erwürgt haben.

Ali K. soll Georgine Krüger vergewaltigt und erwürgt haben.

Foto: Davids/privat/BM Montage / BM

Berlin. Die jungen Frauen, die an den beiden letzten Verhandlungstagen im Mordprozess Georgine Krüger nacheinander in den Zeugenstand traten, haben alle eines gemeinsam: Vor vielen Jahren haben sie noch als Teenager die Bekanntschaft des Angeklagten Ali K. gemacht.

Und so unterschiedlich ihre Berichte über ihre sehr speziellen Erlebnisse auch ausfallen, alle Aussagen zeigen deutlich, dass Ali K. ein besonderes Interesse an jungen Mädchen hatte und ständig Kontakt zu ihnen suchte. Genau dieses Interesse soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft der 14-jährigen Georgine Krüger zum Verhängnis geworden sein.

Mordfall Georgine Krüger: Ali K. machte jungen Mädchen verlockende Angebote

Die Zeuginnen beschrieben den Angeklagten dabei als einen Mann, der in der Stendaler Straße in Moabit, dort, wo auch Georgines Familie wohnte, ständig präsent war. Ob morgens, nachmittags oder abends, Ali K. hielt sich entweder auf der Straße oder auf dem Balkon seiner Wohnung auf. Folgt man den Aussagen der Zeuginnen, war er vornehmlich damit beschäftigt, junge Mädchen anzusprechen. „Angebote“ habe er unterbreitet, berichtete die heute 26-jährige Milena R. (*). Da sei häufig von Drogen die Rede gewesen, aber auch von anderen Dingen, von „Geschenken“, die K. den Mädchen versprach. Die Geschenke befänden sich in seinem Keller, die Mädchen müssten also dorthin mitkommen, beschrieb Milena R. das, was sie und mehrere ihrer Freundinnen erlebten. Es muss ein äußerst breitgefächertes Geschenke-Sortiment gewesen sein, über das Ali K. verfügte, es reichte von Drogen über Handys und gebrauchte Möbel bis hin zu Kuscheltieren.

Die heute 26-Jährige lebte damals in einer betreuten Mädchen-Wohngruppe, deren Räume direkt gegenüber der Wohnung von Ali K. lagen. Den Zeugen zufolge soll K. ein ganz besonderes Interesse an den Mädchen aus der Gruppe gehabt haben. Die Rede war mehrfach von einer Kamera, installiert auf dem Balkon von K.’s Wohnung und ausgerichtet auf die Fenster der Wohngruppe. Von dieser Kamera ist offenbar in vielen Zeugenaussagen die Rede, bislang ist es dem Gericht noch nicht gelungen zu klären, was es damit auf sich hat.

Hintergrund: Mordfall Georgine Krüger: Anklage offenbart grausame Details

Nachdem der Angeklagte der Gruppe Möbel für ihre Räumlichkeiten, natürlich Geschenke, angeboten hatte, war sie tatsächlich einmal mit einer Betreuerin der Gruppe („Allein wäre ich da niemals runtergegangen“) in dem Keller. „Der war eingerichtet wie eine Wohnung, mit Möbeln, Lampen, Teppichen und einem Fernseher“, sagte die Zeugin. Komisch sei Ali K. gewesen, aber ansonsten habe er äußerlich einen netten und hilfsbereiten Eindruck gemacht, berichtete die Zeugin weiter: „Der war für alle der Ali.“

„Der war unheimlich“, lautete hingegen das Urteil von Elke J. (27), die am Freitag als zweite Zeugin aussagte. Auch sie lebte als junges Mädchen im Kiez rund um die Stendaler Straße. Sie berichtete von einer Spritztour im Auto, die Ali K. mit mehreren Mädchen unternommen haben soll, ohne Näheres darüber sagen zu können. Sie habe ihre Freundinnen an der Stendaler Straße mehrfach vor K. gewarnt, sagte die 27-Jährige. Jahre später, nachdem K. wegen Sexualdelikten verurteilt wurde, bewahrheiten sich die Befürchtungen von Elke J.

Zu den Freundinnen von Elke J. und Milena R. gehörte damals auch die zwei Jahre jüngere Janine P. Die soll ein schlimmes Erlebnis mit dem Angeklagten gehabt haben. Ihren Freundinnen berichtete sie 2011, K. habe es geschafft, sie in seinen Keller zu locken, dort habe er sie geschlagen und versucht, sie zu vergewaltigen, was ihm dann aber nicht gelungen sei. Trotz der Aufforderungen ihrer Freundinnen, zur Polizei zu gehen, habe die damals 16-Jährige das zunächst vehement abgelehnt, aus Angst vor Racheakten. Über Janine P. wussten die Zeuginnen nicht nur Schlimmes, sondern auch Hochinteressantes zu berichten. Die 16-Jährige habe bereits 2009 den Verdacht geäußert, Ali K. könne etwas mit dem Verschwinden von Georgine Krüger zu tun gehabt haben, sagte Elke J. am Freitag. Janine P. ist bislang noch nicht vom Gericht befragt worden, den Behörden ist offenbar gar nicht genau bekannt, wo sie sich aufhält. Auch der Vorsitzende fragte die Zeugin am Freitag nach dem Aufenthaltsort von Janine P. Die Zeugin wusste es: Sie arbeitet derzeit in einem Hotel im Mittelmeerraum.

Angeklagter soll 13-Jährige nach Sex gefragt haben

Bereits vor den beiden Zeuginnen Milena R. und Elke J. hatte die heute 23-jährige Svenja A. ausgesagt. Die war 13, als sie dem Angeklagten begegnete, juristisch noch ein Kind. Ali K. habe sie und zwei Freundinnen angesprochen, „echt eklig“ sei das gewesen. Ob sie schon mal geküsst oder schon Sex gehabt hätten, habe K. von ihnen wissen wollen und sich selbst als Partner angeboten. Ihre Eltern hätten ihr daraufhin gesagt, sie solle einfach nicht mehr „mit dem Mann reden“, sagte Svenja A. den Richtern.

Die Befragung der Zeuginnen gestaltet sich schwierig. Die Geschehnisse liegen lange zurück, das Erinnern fällt mitunter schwer. Der Vorsitzende hakt nach, und die Verteidiger von Ali K. haben ohnehin viele Fragen, sollen die Zeugen doch zeigen, zu was der vorbestrafte Sexualtäter K. womöglich fähig ist. Vorsorglich hat die 22. Schwurgerichtskammer vier zusätzliche Termine anberaumt. Das Urteil wird jetzt erst im Dezember erwartet. Der Prozess wird am 16. September fortgesetzt.

* alle Namen geändert