Beeskin

Start-up Beeskin: Mit Bienenwachs Plastik reduzieren

Das Start-Up Beeskin stellt maschinell mit Bienenwachs, Harz und Öl beschichtete Stofftücher her. Damit hat es einen Trend erwischt.

Christina Sauer stellt Bienenwachstücher her.

Christina Sauer stellt Bienenwachstücher her.

Foto: Reto Klar / Reto Klar / Funke Foto Service

Berlin. Es summt auf Schwanenwerder. Katzenminze blüht neben Lavendel und Storchenschnabel – ein idealer Ort für Bienen, die die Blumen rege frequentieren. Für Christina Sauer ist das Treiben der fleißigen Insekten nicht nur schön anzuschauen, es ist auch Teil ihres Geschäftsmodells. Denn im September 2018 gründete die gelernte Grafikdesignerin das Start-up Beeskin. Das Unternehmen hat sich auf die Herstellung von Bienenwachstüchern spezialisiert – als Alternative zur Plastik-Frischhaltefolie. Das Konzept ist simpel: Lebensmittel lassen sich in die mit Bienenwachs, Harz und Jojobaöl beschichteten Biobaumwolltücher einwickeln. Die Beschichtung verhindert, dass sich Kondenswasser bildet, die Lebensmittel können atmen und werden gleichzeitig vor dem Austrocknen geschützt. Auch lassen sich Lebensmittel in den Tüchern einfrieren. Da die Tücher abwaschbar sind, kann man sie wiederverwenden.

Beeskin hat sich schnell entwickelt. Vor einem Jahr fing Christina Sauer in ihrer Küche an, mit Bügeleisen und Backofen erste Bienenwachstücher herzustellen. „Ich habe drei Großeltern an Krebs verloren. Deswegen war ich schon immer offen für Bio-Produkte und habe viel dazu gelesen. Plastik ist nachweislich krebserregend, und es verändert die Hormone bei Kindern“, sagt die 38-Jährige. Im Bioladen seien ihr erstmals Bienenwachstücher aufgefallen – aus den USA. „Es ist wieder so eine typische Sache: Ein eigentlich nachhaltiges Produkt muss erst einmal über den Ozean geschippert werden“, kritisiert die zweifache Mutter. Der Entschluss, die Tücher selbst zu produzieren, war gefallen.

Berliner Start-up Beeskin: Schnell den europäischen Markt erschlossen

Allerdings lassen sich per Hand keine Mengen produzieren, die ein großes Wachstum erlauben würden. Abhilfe schaffte Christina Sauers Ehemann Christian Sauer. „Er ist ein Tüftler“, beschreibt ihn Christina Sauer. Zum Experimentieren zog sich der 45-Jährige in den Keller zurück – und baute eine Maschine für die Produktion der Tücher. Mit der maschinellen Herstellung verschaffte sich Beeskin über Nacht einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den vielen Kleinanbietern, die wie zunächst auch Christina Sauer ihre Tücher im heimischen Backofen herstellen.

Knapp ein Jahr nach der Gründung bietet Beeskin Bienenwachstücher in vier verschiedenen Größen an, es gibt ein Reparatur- und Kinderset, zuletzt wurden 3000 Produktartikel im Monat hergestellt. Und Christian Sauer hat große Pläne: „An Artikeln wollen wir das Zehn- bis Zwanzigfache der Produktion erreichen.“

Die Rohstoffe bezieht Beeskin nur regional, erklärt Christina Sauer, wobei regional in diesem Fall europäisch bedeutet. Die Biobaumwolle kommt aus der Türkei, das Harz aus Österreich, der Wachs aus Deutschland. Jojobaöl dagegen wird aus Israel importiert. „Hier wächst halt noch kein Jojoba-Strauch“, sagt die Firmeninhaberin. Den europäischen Markt hat sich Beeskin binnen kürzester Zeit erschlossen, Großhändler in Schweden, den Niederlanden und in Belgien nehmen die Wachstücher ab, in Italien laufen Verhandlungen. Deutsche Händler statten Reformhäuser mit dem Berliner Produkt aus und exportieren sie nach Österreich und die Schweiz.

Im Sinne des Wachstums könnte Beeskin sich ausweiten und den asiatischen Raum erschließen. Das ist für Christina Sauer aber keine Option: „Europa ist für uns die rote Linie“, sagt die 38-Jährige. Jüngst sei Beeskin von chinesischen Händlern angefragt worden, die ihr Wachs aus Australien beziehen und in China produzieren würden. „Das hat mit Nachhaltigkeit wenig zu tun“, findet Christina Sauer.

Auf Finanzierungsrunden verzichteten die Sauers komplett, die Geschäfte werden mit Eigenkapital gestemmt. „Auf die kapitalistischen Ansätze, man brauche als Unternehmen jährlich immer 30 Prozent mehr Ebit und 50 Prozent Wachstum, habe ich keinen Bock mehr. Ich möchte ein nachhaltiges Familienunternehmen aufbauen“, sagt Christian Sauer. Der Unternehmer und Betriebswirt weiß, wovon er spricht – 14 Jahre lang stand er als Gründer und Geschäftsführer an der Spitze des Tech-Unternehmens Webtrekk. „Digitales ist eben immer auch Schall und Rauch. Wenn der Strom ausfällt, ist nichts mehr da. Deshalb finde ich ein solch haptisches Produkt spannend“, sagt der 45-Jährige.

Ohne Wachstum wird es aber auch nicht gehen, das ist den Sauers bewusst. „Wir wollen Plastik ersetzen. Daher müssen die Tücher bezahlbar sein“, sagt Christian Sauer. Aktuell kostet das Multiset mit drei verschiedenen Größen 17,99 Euro. Dreimal habe man die Preise bereits senken können. „Perspektivisch dürfen die Tücher nicht mehr als zehn Euro kosten“, meint Sauer. Dann hätte man eine realistische Chance auf eine Listung bei Unternehmen wie Rewe oder Edeka.

Ihre Grenzen haben die Tücher bei besonders öligen oder alkoholhaltigen Stoffen, da diese das Wachs lösen. Auch Ananas lässt sich nicht in Beeskin-Tücher einwickeln, da das Bromeliengewächs ein wachsauflösendes Enzym produziert. Für rohes Fleisch sind die Tücher ebenfalls nicht geeignet, da sie sich nur mit kalten und nicht mit heißem Wasser abspülen lassen.

Rund ein Jahr lang können die Tücher genutzt werden

Rund ein Jahr lang können die Tücher genutzt werden, ehe sie ihr Ende auf dem Kompost oder als Grillanzünder finden. Auch Veganer würden die Tücher nicht nutzen, da sie mit Bienenwachs ein tierisches Produkt beinhalten. Gelegentlich würden die Sauers kritisiert, „dass wir den Bienen das Wachs wegnehmen“, sagt Christina Sauer. „Das ist so allerdings nicht richtig. Die Imker nehmen altes Wachs vom Bienenstock, das bereits bebrütet wurde und nicht mehr bewohnt wird.“

Die Sauers sind der Auffassung, dass man mit einer langfristig ausgelegten Nachfrage für Bienenwachs mehr Imker bewegen könnte, Bienenvölker zu halten. „Wenn wir nachhaltige Imkerei unterstützen, bei der Bienenstöcke ohne Holzmittel und Plastik gebaut und wo den Königinnen nicht die Flügel abgetrennt werden, unterstützen wir auch die Bienenvölker“, sagt Christian Sauer. Sie selbst wollen mit gutem Beispiel vorangehen und auf dem Grundstück ihres Unternehmens auf Schwanenwerder bald Bienenstöcke aufstellen.