AfD-Abgeordneter

Wie Herr Lindemann zum "Helden des Antifaschismus" wurde

Seltsame Reisen: Ein Berliner AfD-Abgeordneter ließ sich auf der Krim für seinen Kampf gegen den Faschismus auszeichnen.

Gunnar Lindemann mit Teilnahmezertifikat und Ehrendiplom für seinen „großen Beitrag zur Internationalen Antifaschistischen Bewegung“

Gunnar Lindemann mit Teilnahmezertifikat und Ehrendiplom für seinen „großen Beitrag zur Internationalen Antifaschistischen Bewegung“

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Will sich ein AfD-Mann als Antifaschist feiern lassen, muss er verschlungene Wege gehen. Abflug in Berlin an einem Dienstagvormittag Ende Juli, über St. Petersburg nach Simferopol. Der internationale Flughafen auf der Krim ist seit der völkerrechtswidrigen Annexion von März 2014 nur noch von Russland aus zu erreichen. Jetzt warten noch knapp zwei Autostunden auf den Berliner Abgeordneten Gunnar Lindemann. Erst am nächsten Mittag postet er auf Facebook: Endlich in Sewastopol angekommen, zum „5. Internationalen Kongress der Antifaschisten".

Was folgt sind sechs aufregende Tage für Lindemann. Am Ende wird er sich mit zwei Ehrenurkunden für seinen Kampf gegen den Faschismus brüsten. Er wird seinen Dank für die Organisation „dieses großangelegten und bedeutenden Ereignisses für die Weltgemeinschaft“ verschicken – auf Briefpapier des Berliner Abgeordnetenhauses.

Wer verstehen will, wie das zusammenpasst, der muss tief eintauchen in eine Welt mit patriotischen Biker-Shows und russischen Expansionsfantasien. Eine Welt, die für Gunnar Lindemann ein zweites Zuhause geworden ist.

Der Ehrengast

Gunnar Norbert Lindemann wollte eigentlich nicht Politiker werden. Dann näherte sich die Wahl zum Abgeordnetenhaus und der noch jungen Partei, der er sich gerade erst angeschlossen hatte, der AfD, fehlten die Kandidaten. Lindemann ließ sich in Marzahn-Hellersdorf aufstellen – und holte das Direktmandat.

Seitdem ist er in seiner Fraktion Sprecher für den öffentlichen Personennahverkehr, stellt Anfragen über behindertengerechte Fahrstühle, über WLAN in der U-Bahn oder die „politische Betätigung des BVG-Twitter-Teams“. Flüchtlingen aus Syrien empfahl er, beim Aufbau ihrer Heimat mitzuhelfen, der Bürgerkrieg sei vorbei. Auf Twitter schrieb er über den „Bombenterror“ der Alliierten im Zweiten Weltkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung.

Dann entdeckte Gunnar Lindemann seine Leidenschaft fürs Reisen. Auf die Krim fuhr der 48-Jährige zum ersten Mal vor rund eineinhalb Jahren auf Einladung des Verbandes der Krim-Deutschen. Sightseeing hätten sie gemacht, aber auch mit der Bevölkerung geredet. Den „Anschluss“ der Krim an Russland hätten fast alle gut gefunden. Einer habe sich beschwert, dass Russland bestimmte Internet-Seiten gesperrt habe. „Ob das irgendwie bedenklich ist, kann ich jetzt nicht beurteilen“, sagt Lindemann.

Die Warnung

Wenn der gelernte Bankkaufmann vom „Anschluss“ der Krim an Russland spricht, meint er die völkerrechtswidrige Annexion im Jahr 2014. Damals marschierten auf der ukrainischen Halbinsel russische Truppen ein. Präsident Putin sorgte dafür, dass eine Übergangsregierung an die Macht kam. Nach einer zweifelhaften Volksabstimmung beantragte die „Republik Krim“ im März 2014 den Anschluss an die Russische Föderation.

Bereits im Februar 2014 waren russische und pro-russische Milizen auch im ukrainischen Luhansk und Donezk einmarschiert. Später erklärten sich die Regionen zu eigenständigen Staaten.

Die Annexion der Krim und die Invasion in der Ostukraine gelten als Symbol des imperialen Strebens des Putin-Regimes. Als Beginn einer neuen Eiszeit zwischen Russland und dem Westen, einer gefährlichen Eskalation, deren Folgen dramatisch sein könnten.

Die Vereinten Nationen haben die Annexion der Krim als völkerrechtswidrig verurteilt. Kaum ein Staat erkennt die „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk an. Eine Ausnahme machen Russland, Nicaragua, Venezuela, Nauru und Syrien – und Politiker wie Gunnar Lindemann.

In den vergangenen eineinhalb Jahren reiste der Sprecher für den öffentlichen Personennahverkehr der Berliner AfD fünf Mal auf die Krim. Er flog zu „Wirtschaftsforen“ in Jalta, bei einem „Peace Keeping Forum“ habe er „einen Orden für meine friedensfördernden Maßnahmen bekommen“, sagt er. In Luhansk sei er drei- oder viermal gewesen, in Donezk „bestimmt sieben, acht oder neun Mal“.

Die abtrünnigen Gebiete sind für den gebürtigen Wuppertaler zur zweiten Heimat geworden. In Luhansk ist er mit der Stellvertreterin des Außenministers per Du („Das ist die Anna“). In Donezk durfte er den Dienstwagen eines hochrangigen Regierungsmitgliedes nutzen. „Das sind halt schöne Sachen, an die man sich erinnert“, sagt Lindemann.

Das Auswärtige Amt schickte ihm nach seinen Reisen eine E-Mail. Die „Staaten“, mit deren Vertretern Lindemann per Du ist, würden von der Weltgemeinschaft nicht anerkannt. Lindemann ficht das nicht an. Man müsse doch mit allen im Gespräch bleiben. Es sei ja „ein ganzes Konglomerat, was sich da auftut.“

Die Spur in den Kreml

Zurück zu Lindemanns jüngster Reise, zum Kongress der Antifaschisten auf der Krim vor wenigen Wochen: In seiner Eröffnungsrede in Sewastopol hebt Lindemann die Augenbrauen, spricht kurze, einfache Sätze des Bedauerns. Leider müsse man 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer über Faschismus sprechen, darüber, dass die deutsche Regierung nicht aus der Vergangenheit lernt. Immer wieder tritt er zur Seite, lässt die Arme hängen. Eine blond gelockte, junge Frau übersetzt ins Russische. Gunnar Lindemann korrigiert sie: „Drei Milliarden!“, sagt er. Soviel zahle die Bundesregierung an das „faschistische System in der Ukraine“.

Unter Faschismus verstehen Lindemann und die Organisatoren des Kongresses in Sewastopol etwas anderes als es Studenten der Politikwissenschaft an einer deutschen Universität lernen. Faschisten seien jene, die sich gegen Russland und die Volksrepublik Luhansk stellten, sagt uns eine der Organisatorinnen des Kongresses am Telefon.

Der eigentümliche Faschismus-Begriff wird auch bei einem Blick auf die Finanziers der Veranstaltung deutlich. Auf ihrer Internetseite bedanken sich die Organisatoren bei der „Kampfesbruderschaft“ (Boyevoye bratstvo) für die finanzielle Unterstützung. Eben diese Organisation bezahlte auch für die Unterkunft von Lindemann. Das bestätigten die Veranstalter auf Anfrage. Die Flugtickets, so betont es auch Lindemann, hätten die Gäste selbst bezahlt.

Die Kampfesbruderschaft ist eine russische Organisation, die sich auch aus Fördergeldern des Kreml finanziert. Sie unterstützt Kriegsveteranen und betreibt auf der Krim „patriotische Trainingslager für Jugendliche“.

Gründer ist ein hoher Funktionär der Putin-Partei „Einiges Russland“. Vize-Vorsitzender ist Dmitry Sablin, laut Medienberichten einer der reichsten Duma-Abgeordneten (Einiges Russland) und Immobilienunternehmer auf der Krim. Sablin taucht auch auf der Liste der Gäste und Geldgeber des Antifaschistischen Kongresses auf. 2015 gründete er die russische Anti-Maidan-Bewegung. Sie versteht sich als Bollwerk gegen oppositionelle Proteste – die wolle sie notfalls mit Gewalt stoppen.

Sablins Partner: der Chef der Biker-Gruppe „Nachtwölfe“ Alexander „Der Chirurg“ Saldostanow. Der Putin-Vertraute führte Lindemann und andere Kongress-Teilnehmer durch eine Art patriotisches Fantasialand, das er bei Sewastopol errichtete. In einer Mischung aus pyrotechnischem Musical und Bike-Show erklärt er dem Publikum dort regelmäßig die historische Zugehörigkeit der Krim und der ostukrainischen Gebiete zum russischen Vaterland.

Der Belgier

Auch ein Belgier namens Kris Roman war beim Kongress der „Antifaschisten“, hat ihn sogar mitorganisiert. Auf Facebook findet man Fotos von Lindemann und Roman beim Picknick in den grünen Bergen Südossetiens, von Umarmungen und gehobenen Daumen.

Bei Recherchen zu Romans Vergangenheit stößt man auf das Gegenteil eines Antifaschisten. Roman war Mitglied der rechtsradikalen Partei „Vlaams Blok“, organisierte Treffen mit dem einstigen Anführers des Ku-Klux-Klans David Duke, wurde wegen rassistischer Äußerung auf Bewährung verurteilt.

Will man mit Kris Roman über seine wundersame Wandlung zum Antifaschisten sprechen, erreicht man ihn auf seiner Datsche etwa 90 Kilometer südlich von Moskau. „Ja, ich habe geglaubt, dass Hitler ein guter Typ war“, sagt er.

Auf seinen Reisen durch Russland und die Separatistengebiete habe er verstanden, welche Gräueltaten im Namen des Faschismus begangen wurden. Lässt man sich darauf ein, dann kann man mit Roman ein verstörend besonnenes Gespräch über seine Sicht auf die Welt führen: Demnach befindet sich Westeuropa seit über 70 Jahren unter amerikanischer Besatzung, werden die Geschicke der Welt durch einen satanistischen Club der „globalen Finanzkaste“ gelenkt. Und Ihre heutige Meinung zum Holocaust, Herr Roman? „Darüber möchte ich nicht sprechen, ich kenne die Gesetze und möchte nicht ins Gefängnis.“

Schnell wird klar: Kris Roman hat seinen Überzeugungen höchstens teilweise abgeschworen, er hat im russisch-patriotischen „Antifaschismus“ lediglich einen neuen Rahmen für seine rechten Verschwörungstheorien gefunden.

Heute ist der gelernte Elektriker ein gerngesehener Gast als Politologe und Wissenschaftler im russischen Staatsfernsehen. Auf der Krim-Konferenz sprach er als Präsident der Organisation „Euro-Rus“ über die Pflicht eines jeden Bürgers, sein Land vor der Nazi-Ideologie zu schützen. Euro-Rus, so ist in einer Art Manifest im Internet zu lesen, setzt sich für ein „Großes Europa“ von Gibraltar bis Wladiwostok ein – mit dem russischen Doppeladler als Wappen.

Die Propaganda

Ein belgischer Ex-Neonazi, der sich immer noch zweideutig zum Holocaust äußert. Russische Veteranen, die von Großmachtfantasien angetrieben werden: Haben Sie bei Ihren Reisen vielleicht den Überblick verloren, Herr Lindemann? „Nein, nein, nein“, sagt der AfD-Abgeordnete. Dann referiert er über die Geschichte der Krim, sagt, dass die AfD für das Selbstbestimmungsrecht der Völker sei und dass man mit allen reden müsse.

Wilfried Jilge glaubt, dass es komplizierter ist. Der Osteuropa-Historiker und Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) beobachtet die Außenpolitik des Kreml und die rechtsextremen Netzwerke, mit denen er kooperiert, seit vielen Jahren. Die Nachtwölfe, deren Chef Saldostanow Gunnar Lindemann als „Bekannten“ bezeichnet, gehörten zu den Initiatoren der radikal antiwestlichen und Ukraine-feindlichen Antimaidan-Bewegung, sagt Jilge. Mitglieder der Nachtwölfe stünden auch auf Auszeichnungslisten des Kreml für „Verdienste“ bei der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland. Die Rocker seien ein wichtiger Teil des russisch-nationalistischen Propagandafeldzuges. „Ihr Ziel ist es, auf ethnischer und religiöser Basis Hass zu säen“, sagt Jilge.

Das Gerede kremlnaher nationalistischer Organisationen vom Antifaschismus verschleiere nur deren antiliberalen, chauvinistischen Kern. Tatsächlich stehe dahinter ein „imperialer Anspruch auf eine großrussische Zivilisation der ‚Russischen Welt‘“. Das Konzept solle die ewige Zugehörigkeit von „Brudervölkern“ wie der Ukraine zu einem russisch geführten orthodox-ostslawischen Orbit zementieren. Den Ukrainern werde ihre legitime souveräne Entscheidung für eine europäische Integration abgesprochen.

Die Einladungen deutscher Politiker – etwa zu illegalen Wahlen in russisch besetzten Gebieten der Ukraine – seien der Versuch, den völkerrechtswidrigen Militäraktionen Legitimation zu verschaffen. „Wer den Einladungen folgt, lässt sich vom russischen Regime instrumentalisieren“, sagt Jilge.

Gunnar Lindemann plant schon die nächste Reise. Besichtigung der Lokomotiven-Fabrik im südrussischen Nowotrscherkassk, danach ins abtrünnige Abchasien, als Wahlbeobachter für die örtliche Wahlkommission. Kris Roman ist seit Samstag wieder auf der Krim, als VIP-Gast bei der patriotischen Bike-Show der Nachtwölfe. „Der Chirurg“ hat auch Lindemann eingeladen. Er musste absagen. „Ich kann ja nicht dauernd nur hin- und herfliegen“, sagt Lindemann.

Redaktioneller Hinweis:

In der Fassung dieses Textes, der in der gedruckten Ausgabe der Berliner Morgenpost zu lesen war, waren die Zitate des Experten der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), WIlfried Jilge, aufgrund eines redaktionellen Versehens leider in einer unabgestimmten Fassung widergegeben. Die Redaktion bittet den Fehler zu entschuldigen. Die Zitate in dem obigen Online-Text sind korrekt.