Staats- und Domchor

Neunjähriges Mädchen will sich in Knabenchor einklagen

Seit 554 Jahren ist der Staats- und Domchor zu Berlin ein reiner Jungenchor. Dagegen klagt nun die Mutter einer Neunjährigen.

Junge Sänger des Staats- und Domchors zu Berlin: Die Mutter eines neunjährigen Mädchens will sich in den Knabenchor einklagen.

Junge Sänger des Staats- und Domchors zu Berlin: Die Mutter eines neunjährigen Mädchens will sich in den Knabenchor einklagen.

Foto: gezett.de

Berlin. Bermerkenswerter Fall am Berliner Verwaltungsgericht: Mit einer Klage will eine Mutter erreichen, dass ihre neun Jahre alte Tochter in den Staats- und Domchor zu Berlin aufgenommen wird. Die älteste musikalische Einrichtung der Hauptstadt wurde im Jahre 1465 unter Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg als "Singeknaben" gegründet. 1923 übernahm die Staatliche Hochschule für Musik (heute: Universität der Künste, UdK) die künstlerische Aufsicht über den Chor, der bislang ein reiner Knabenchor ist. Dagegen ist Mädchen der – mit dem Domchor organisatorisch verbundene – Mädchenchor der Singakademie zu Berlin e.V. vorbehalten. Über den Fall hatte zuerst der RBB berichtet.

Wie es in der Pressemitteilung des Berliner Verwaltungsgerichts heißt, sang die Neunjährige bis 2018 in anderen Kinderchören. Im November 2018 bat ihre Mutter um Aufnahme in den Staats- und Domchor. "Sie trug vor, die in der Singakademie vermittelte Förderung der Mädchen falle mit Blick auf das Renommee, die Förderung und das Gesangrepertoire des Knabenchores strukturell hinter der Förderung der Jungen zurück", heißt es in der Gerichtsmitteilung.

Daraufhin sei es im März 2019 zu einem individuellen Vorsingen der Neunjährigen gekommen. Die Auswahlkommission habe das Mädchen jedoch abgelehnt. Als Begründung sei unter anderem genannt worden, ihre Motivation für einen Einstieg in den Domchor genüge nicht. Zudem fehle es an einer Grundlage für eine Ausbildung. Nicht zuletzt bestünden Zweifel an einer vertrauenvollen Zusammenarbeit mit den Eltern, was aber Grundlage für die persönliche Ausbildung einer Kinderstimme sei.

Die Mutter der Neunjährigen meint laut Verwaltungsgericht nun, die Ablehnung ihrer Tochter verletze ihren Anspruch auf gleiche Teilhabe an staatlichen Leistungen und an staatlicher Förderung. Die Zugangsbeschränkung auf Jungen diskriminiere sie in unzulässiger Weise. Der Domchor wiederum entgegnet, die Nichtaufnahme des Mädchens sei nicht vor allem auf ihr Geschlecht zurückzuführen. Vielmehr wäre sie aufgenommen worden, wenn sich die Auswahlkommission bei ihrem Vorsingen von einer außergewöhnlichen Begabung, hoher Leistungsmotivation und entsprechender Kooperationsbereitschaft der Erziehungsberechtigten hätte überzeugen können und wenn ihre Stimme dem angestrebten Klangbild eines Knabenchores entsprochen hätte.

Das sei aber nicht der Fall. Zwischen Mädchen- und Jungenstimmen bestünden anatomische Unterschiede, was zu differenzierten Chorklangräumen führe. Die hierauf zurückzuführende häufigere Ablehnung von Mädchen sei durch die Kunstfreiheit gerechtfertigt.

Der Fall wird am 16. August vor dem Verwaltungsgericht Berlin verhandelt.