Bildung in Berlin

An diesen Problemen kranken Berlins Schulen

Berlin ist sozial geteilt. Vor allem im Bildungssystem wird das deutlich. Viele Schulen müssen dringend besser werden.

Wer die Grundschule verlässt, sollte gut schreiben, lesen und rechnen können. Gelingt nicht immer.

Wer die Grundschule verlässt, sollte gut schreiben, lesen und rechnen können. Gelingt nicht immer.

Foto: dpa Picture-Alliance / Florian Schuh / picture alliance / dpa Themendie

Diese Stadt ist geteilt. Das hat natürlich eine gewisse Tradition, aber diesmal ist die Teilung sozial. Vereinfacht gesagt: in ärmer und reicher, in funktionierende und weniger funktionierende Kieze. Das wirkt sich auch auf die Schulen aus. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) machte es diese Woche selbst zum Thema: „Wir haben Schulen in den eher bürgerlichen Vierteln der Stadt, die locker mithalten können bei starken Leistungen.“ Wo die Schüler also genauso viel und gut lernen wie beispielsweise Schüler in Bayern oder Sachsen. „Und dann gibt es Gebiete in der Stadt, wo wir nicht zufrieden sind mit den Leistungsdaten“, betont die Senatorin.

Bestimmte Faktoren tauchen dort regelmäßig auf: Elternhäuser, die von Sozialtransfers leben. Kinder, die nur während der Schulstunden überhaupt Deutsch sprechen, danach kaum noch. Und auch in manchen Fällen das Problem einer gewissen Verwahrlosung. Dort müssen die Schulen viel mehr leisten, als nur Wissen zu vermitteln. Sie müssen auch erziehen.

Gute Ergebnisse nicht nur in bürgerlichen Bezirken erzielen

Die Frage liegt auf der Hand: Wie verbessert man in der Breite die Leistungen der Berliner Schüler? So, dass sie die Grundschule verlassen, ordentlich lesen, schreiben und rechnen können – und ein umgängliches Sozialverhalten haben. Und so, dass fast alle am Ende einen guten Schulabschluss in der Tasche haben. Ob die Berufsbildungsreife (BBR), den Mittleren Schulabschluss (MSA) oder das Abitur. Zuletzt verließen 11,7 Prozent der Berliner Schüler am Ende ohne irgendwas die Schule. Bundesweit sind es lediglich 6,9 Prozent.

Mit diesem Schuljahr wird einiges von der Senatsbildungsverwaltung verstärkt auf den Weg gebracht. In den Grundschulen wird es ab jetzt in jeder Jahrgangsstufe in Deutsch und Mathematik eine Lernstandserhebung geben, außer in der dritten Klasse, da kommt die Vergleichsarbeit Vera3. Damit sollen Lehrer und Eltern schneller merken, ob ein Schüler zurückfällt.

Die Schulen sollen Rechenschaft ablegen

Außerdem werden Schulverträge zwischen den Schulen und der Schulaufsicht abgeschlossen, in denen die Leistungsdaten der Schüler, die Frage, wie viel geschwänzt wird oder – bei weiterführenden Schulen – wie viel Prozent der Schüler einen Abschluss machen, eine tragende Rolle spielt. 286 solcher Verträge wurden im vergangenen Schulhalbjahr abgeschlossen, 670 weitere sollen bis Ende 2019 dazukommen, heißt es aus der Bildungsverwaltung.

Eigentlich kann man es auf einen Punkt zusammenfassen: Die Schulen müssen Rechenschaft ablegen. Funktionieren meine Unterrichtsmethoden? Lernen meine Schüler wirklich? Selbstevaluation heißt das modern.

Das dreigliedrige Schulsystem ist in Wahrheit noch da

„Im Beruf ist das eigentlich ein normaler Moment – dass man schaut, was man macht. Und ob es gelingt“, wundert sich Oliver Görs, Vorstand im Bezirkselternausschuss Pankow. Seit fast zehn Jahren hat der Berliner jetzt dank seiner Kinder mit der Schulpolitik der Stadt zu tun. Ein komplexes Gebiet, es dauerte eine Weile, um sich dort als Ehrenamtlicher einzuarbeiten. Er meint, es hat sich etwas verändert. „Es hat ein unwahrscheinlich starker Wandlungsprozess innerhalb der Senatsbildungsverwaltung und der Politik stattgefunden. Probleme werden jetzt benannt.“ Endlich.

Denn eine herausfordernde Schülerschaft kennt man in Berlin schon lange. Zumindest in manchen Bezirken. Schon in den 70er-Jahren veränderte sich beispielsweise in Kreuzberg die Struktur radikal, hatte man in SO36 plötzlich Schulen mit bis zu 80 Prozent nichtdeutscher Schülerschaft – überwiegend die Kinder der türkischen Gastarbeiter, wie sie damals noch hießen. Und auch das Problem der „Resteschulen“ ist alt. Früher waren es häufig die Hauptschulen der Stadt, heute sind es oft die Sekundarschulen ohne Oberstufe. Das dreigliedrige System, es ist in gewisser Weise verdeckt geblieben: Gymnasium, Sekundarschule mit Oberstufe, Sekundarschule ohne.

„Was nicht wirklich folgt, ist die Konsequenz“

Gut, die Probleme werden benannt, erste Maßnahmen wie Schulverträge ergriffen, ein Indikatorenmodell soll frühzeitig Schulen zeigen, ob sie sich verbessern oder verschlechtern. Allerdings: Was passiert, wenn eine Schule merkt, es läuft bei ihr nicht? „Wenn man festgestellt hat, es funktioniert nicht, dann kommt das große Fragezeichen“, gibt Norman Heise zu bedenken, der Vorsitzende des Landeselternausschusses Berlin. „Was nicht wirklich folgt, ist die Konsequenz.“ Damit trifft er einen wunden Punkt. Entpuppen sich beispielsweise die Schulverträge womöglich als zahnlose Tiger? Auch vor dem Hintergrund, dass die Schulaufsichten genauso mit Personalmangel zu kämpfen haben. Über 700 Schulen haben wir in Berlin. Und die sind „eigenverantwortlich“. Das heißt, sie dürfen viele Dinge selbst entscheiden wie beispielsweise ihre Lehrmethoden.

Norman Heise macht sich da so seine Gedanken: „Was heißt eigenverantwortliche Schule versus nicht stattfindender Qualitätsverbesserung?“ Sprich: Ab wann darf eine Schulaufsicht in den Schulalltag einer Schule eingreifen, wenn es nicht läuft? Denn die Wahrheit ist auch: Wir brauchen jeden Schulplatz. Schon jetzt sind manche Schulen übervoll. Das liegt einerseits an der wachsenden Stadt. Aber auch daran, dass manche Schulen schlicht von Eltern, die bewusst auf Bildung setzen, gemieden werden.