Bildung in Berlin

Lehrermangel: Berlin setzt weiterhin auf Quereinsteiger

Für das Schuljahr 2019/20 wurden 2734 neue Lehrkräfte eingestellt. Nur vierzig Prozent von ihnen sind regulär ausgebildete Lehrer.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zeigt sich zufrieden, dass sie für das kommende Schuljahr genügend Lehrer gefunden hat: 60 Prozent der neuen Lehrkräfte an Berlins Schulen werden  Quer- und Seiteneinsteiger sein.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zeigt sich zufrieden, dass sie für das kommende Schuljahr genügend Lehrer gefunden hat: 60 Prozent der neuen Lehrkräfte an Berlins Schulen werden Quer- und Seiteneinsteiger sein.

Foto: Annette Riedl / ZB

Berlin. Ohne Quer- und Seiteneinsteiger geht es an Berlins Schulen nicht mehr. Von 2734 zum Schuljahr 2019/20 neu eingestellten Lehrkräften sind nur 1085 klassische Lehrer. „Das sind minimal mehr als letztes Jahr“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf der Pressekonferenz zum Schuljahresbeginn. 60 Prozent der neuen Lehrkräfte an Berlins Schulen werden dagegen Quer- und Seiteneinsteiger sein. Quereinsteiger sind Lehrkräfte, die nicht auf Lehramt studiert haben, aber in einem der Berliner Mangelfächer einen Studienabschluss gemacht haben. Berlin stellt dieses Jahr 711 Quereinsteiger ein – also 26 Prozent der neuen Lehrkräfte. Für den Quereinstieg hatten sich 2500 Menschen beworben, aber nur 711 von ihnen wurden genommen. „Wir nehmen nicht jeden“, betonte Scheeres. Es müsse schon passen – je nach Fächerkombination, Fähigkeit und Bedarf.

Noch höher ist dieses Jahr die Zahl der Seiteneinsteiger: Hier sind es mit 938 Personen rund 34 Prozent der Neueinstellungen. „Darunter sind aber kaum neue Seiteneinsteiger“, erläuterte Scheeres. Viele Seiteneinsteiger hätten schon letztes Jahr einen befristeten Vertrag erhalten, der nun von der jeweiligen Schule um eine weiteres Jahr verlängert wurde. Letztes Jahr hießen Seiteneinsteiger noch „Lehrer ohne volle Lehrbefähigung“, kurz LovL. Viele von ihnen begannen als Lehrkraft in einer Willkommensklasse oder als Vertretungslehrer. Sie sind oft schon seit Jahren an einer bestimmten Schule tätig.

Durch die befristeten Verträge sind Seiteneinsteiger – im Gegensatz zu Quereinsteiger – in einer sozial schwierigen Lage. Jahr für Jahr sind sie abhängig von einer Schulleitung, damit ihr Vertrag verlängert wird. Das Problem hat man auch in der Senatsverwaltung für Bildung erkannt. „Der nächste Schritt ist eine Dauereinstellung“, sagte die Senatorin. Zumindest, wenn klar sei, dass diese Seiteneinsteiger voll im Kollegium eingebunden sind. Man denke darüber nach, diesen Seiteneinsteiger eine Option auf einen Quereinstieg zu ermöglichen. Das sei aber noch in der Beratung, so die Senatorin.

Kommentar: In Berlins Schulen muss endlich wieder gelernt werden!

Quereinsteiger in Berlin: Besonders Randbezirke können kaum "echte" Lehrer binden

Ein weiteres Problem ist die Verteilung der Quer- und Seiteneinsteiger über die Bezirke. Während bestimmte, meist eher bürgerliche Bezirke wie Steglitz-Zehlendorf fast nur klassisch ausgebildete Lehrer haben, können Randbezirke wie Spandau oder Marzahn-Hellersdorf kaum solche „echten“ Lehrer, auch Laufbahnbewerber genannt, binden. Inzwischen werden Berliner Schulen verpflichtet, ein bis zwei Quereinsteiger zu nehmen. Doch es bleibt das Problem, dass manche Schulen kaum an fachlich gut ausgebildete Lehrkräfte kommen. Daran habe auch die Brennpunkt-Zulage nichts geändert, wie Senatorin Scheeres offen zugab. „Das ist kein Steuerungsinstrument, sondern ein Anerkennungsinstrument“, sagte sie. Man habe aber diesmal bei den Einstellungen sehr darauf geachtet, auch die freien Stellen in den Randbezirken besetzt zu bekommen.

Berlins Schulen hätten, betonte die Senatorin, eine Überausstattung – die Stundentafel liegt momentan bei 142 Prozent. Das käme gerade den Brennpunktschulen zugute. Denn während sich Schulen mit eher bürgerlicher Schülerschaft mit 110 Prozent Überausstattung bei der Stundentafel arrangieren müssten, seien es bei Brennpunktschulen „160, 180, ja sogar bis zu 210 Prozent“. Dort gebe es dann besondere Sprachförderung oder verstärkten Teilungsunterricht.

Grund dafür ist, dass die Leistungsunterschiede in der Stadt und auch zwischen den Schulen sehr groß sind. Das haben auch die letzten Vera3-Ergebnisse der Berliner Schüler aus dem vergangenen Schuljahr wieder verdeutlicht. Rund 30 Prozent der Drittklässler erreichten in Mathe und Deutsch nicht mal den Mindeststandard, weitere 25 Prozent blieben unter dem zu erwartenden Durchschnitt. „Wir sind nicht zufrieden mit solchen Leistungen“, sagte Scheeres. Deshalb habe man für die Kernfächer Deutsch und Mathematik Maßnahmen beschlossen, um die Schüler besser zu fördern. Und die erforderten eben mehr Lehrkräfte, die nun eingestellt worden seien. Hatte man letztes Jahr in ganz Berlin noch 32.321 Lehrkräfte, werden es im kommenden Schuljahr 32.800 sein. Die Zahl wächst also.

Kritik von der Gewerkschaft und der Opposition

Von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kam Kritik an den Neueinstellungen. Nur rund ein Drittel habe eine abgeschlossene Lehramtsausbildung. „Damit können wir nicht zufrieden sein“, sagte der Berliner GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. Auch eine faire Verteilung der Quereinsteiger innerhalb Berlins habe wieder nicht stattgefunden. Burkard Dregger, Vorsitzender der CDU-Fraktion in Berlin, warf Scheeres vor, den Notstand nur noch zu verwalten. Die Probleme würden nicht gelöst. Die CDU verlangte deshalb die Wiedereinführung der Verbeamtung von Lehrern. Berlin ist das letzte Bundesland, das nicht verbeamtet.

Der bildungspolitische Sprecher der Berliner FDP, Paul Fresdorf, sagte: „So kann und darf es nicht weitergehen.“ Der Senat kriege den Lehrermangel nicht in den Griff. Die Quereinsteiger müssten noch besser auf ihren Einsatz in den Schulen vorbereitet werden.