Prozess beginnt

Georgine Krüger: Erster Prozesstag dauert nur wenige Minuten

Ali K. soll 2006 Georgine Krüger (14) vergewaltigt und getötet haben. Nach wenigen Minuten war am ersten Prozesstag schon Schluss.

Ali K. soll Georgine Krüger vergewaltigt und erwürgt haben.

Ali K. soll Georgine Krüger vergewaltigt und erwürgt haben.

Foto: Davids/privat/BM Montage / BM

Berlin. Der mit Spannung erwartete Prozess im Mordfall Georgine Krüger ist am Mittwoch nach wenigen Minuten bereits wieder unterbrochen worden. Die Unterbrechung erfolgte auf Antrag der Verteidigung. Diese hatte moniert, sie sei erst einen Tag zuvor über die Besetzung des Gerichts informiert worden und habe so keine Gelegenheit gehabt, die ordnungsgemäße Besetzung der Kammer zu überprüfen. Der Prozess wird am 7. August voraussichtlich mit der Verlesung der Anklage fortgesetzt.

Die Schülerin Georgine Krüger aus Moabit verschwand vor 13 Jahren spurlos. Nach langer, vergeblicher Suche nach der Vermissten erhärtete sich bald der Verdacht, die damals 14-Jährige könne einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein. Ins Visier der Ermittler geriet bald ein heute 44-jähriger Mann aus der Nachbarschaft von Georgine Krügers Familie. Inzwischen ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, dass der Verdächtige das Mädchen in einen Kellerverschlag gelockt, dort zunächst vergewaltigt und schließlich erdrosselt hat. Die Leiche des Opfers ist allerdings bis heute nicht gefunden worden.

Unterbrechung eines Prozesse ist nicht ungewöhnlich

Unterbrechungen eines Prozesses zur Überprüfung der ordnungsgemäßen Gerichtsbesetzung sind nicht ungewöhnlich. Die Regeln über die Besetzung einer Kammer, insbesondere im Hinblick auf die Schöffen, sind ungewöhnlich streng. Jeder Kammer werden für einen bestimmten Zeitraum zwei Hauptschöffen zugeordnet, die bei allen Prozessen dabei sind. Darüber hinaus gibt es an jedem Gericht eine Liste mit so genannten Hilfsschöffen. Fällt ein Hauptschöffe aus, rückt der erste Hilfsschöffe auf der Liste nach, ist auch der verhindert, folgt der zweite und so weiter.

Es reicht beispielsweise nicht aus, dass ein Schöffe mitteilt, er sei zum Zeitpunkt einer geplanten Hauptverhandlung im Urlaub. Hat er für diese Zeit einen Urlaub in der Karibik oder eine Mittelmeerkreuzfahrt gebucht und bereits angezahlt, gilt er als entschuldigt. Wer hingegen seinen Urlaub im heimischen Schrebergarten verbringt, dem ist durchaus zuzumuten, dass er zu den Gerichtsterminen erscheint.

Ähnliches gilt in Krankheitsfällen. Ein Schöffe, der mit 40 Grad Fieber im Bett liegt, kann schlecht im Gericht erscheinen. Einer, der auf Grund einer Verletzung eine leichte Gehbehinderung davon getragen hat, kann das hingegen sehr wohl. Vorausgesetzt, im Gerichtsgebäude in Moabit funktioniert der Aufzug, was keinesfalls immer der Fall ist.

Was Außenstehenden als übertrieben penible Vorschrift erscheint, hat einen ernsten Hintergrund. Nach den Erfahrungen der NS-Zeit sollte bei Gründung der Bundesrepublik verhindert werden, dass Sonder- und Geheimgerichte mit willkürlich ausgewählten Richtern und Schöffen Urteile fällen, die die Herrschenden erwarteten. Die im Grundgesetz (Niemand darf seinem gesetzlichen Richter entzogen werden) und im Gerichtsverfassungsgesetz verankerten strengen Regeln sollen jederzeit gewährleisten, dass Gerichte neutral und unabhängig entscheiden.

Fall Georgine Krüger: Verdeckter Ermittler hörte Details der entsetzlichen Tat

Verdeckte Ermittler waren im Umfeld des Verdächtigen Ali K. installiert worden. Einem Beamten gelang es in mühsamer und langwieriger Arbeit, das Vertrauen des Mannes zu gewinnen. Schließlich zahlte sich das Geduldsspiel aus, das Vertrauensverhältnis wurde so eng, dass Ali K. gegenüber seinem vermeintlich engen Freunden die Tat gestanden haben soll. Entsetzliche Details der Tat sollen die Ermittler dabei in Erfahrung gebracht haben, auch darüber, wie sich K. der Leiche entledigt haben soll. Sie sind Bestandteil der Anklage, die am kommenden Mittwoch zum Prozessauftakt verlesen wird und sie werden auch durch die Befragung der verdeckten Ermittler als Zeugen zur Sprache kommen.

Fälle wie dieser gehören mit zum Schwersten, was Gerichte im Zusammenhang mit Kapitalverbrechen zu bewältigen haben. Nicht umsonst sind für den Prozess 25 Verhandlungstage angesetzt. „Mord ohne Leiche“, dieser Begriff umschreibt die Problematik. Das es keine Leiche gibt, heißt nicht nur, dass die Ermittlungen ohne das heutzutage wohl wichtigste Beweismittel, den Abgleich von DNA-Spuren auskommen muss. Keine Leiche, dieser Umstand beschert den Richtern weitere Fragen, die zum verfahrensrechtlichen Prozedere gehören und die zumindest die Verteidigung wohl mehr als einmal stellen wird.

Gericht muss Möglichkeit erörtern, dass Georgine Krüger nicht ermordet wurde

Denn es ist unerheblich, ob die Ermittler die Wahrscheinlichkeit, dass Georgine Krüger einem Verbrechen zum Opfer fiel, mit 97, 98 oder 99 Prozent beziffern. So lange es nicht die hundertprozentige Gewissheit und damit den letzten ultimativen Beweis für ein begangenes Verbrechen gibt, muss das Gericht die – wenn auch theoretische – Möglichkeit, dass gar kein Mord vorliegt, zumindest erörtern.

Auch die Klärung, ob der Angeklagte die Tat begangen hat, dürfte noch eine mühsame Angelegenheit werden. Gegenüber den verdeckten Ermittlern soll K. die Tat zwar gestanden haben. In seiner ersten offiziellen Vernehmung als Beschuldigter soll er die früheren Angaben allerdings widerrufen haben. Es ist Sache des Gerichts, zu entscheiden, welche der völlig widersprüchlichen Aussagen die glaubwürdigere ist.

Georgine Krüger verschwand 2006 in Moabit und wurde zum Vermisstenfall

Georgine Krüger verschwand am 25. September 2006 in Moabit und wurde damit zum Vermisstenfall. Die Suche nach dem Mädchen wurde mit großem Aufwand betrieben. Die Beamten durchsuchten 200 Gebäude samt Kellern und Dachgeschossen in ihrem Wohnumfeld und befragten wochenlang jeden Passanten, der ihnen in Moabit über den Weg lief. Doch die damals 14-Jährige blieb verschwunden.

Bereits 2009 wurde die Polizei erstmals auf Ali K. aufmerksam. Zwei elf und 13 Jahre alte Mädchen meldeten sich und gaben an, von dem Mann sexuell belästigt worden zu sein. In einer Befragung räumte K. den Kontakt zu den Mädchen ein, bestritt aber den Vorwurf der sexuellen Belästigung. Zwei Jahre später erstattete eine 17-Jährige Anzeige gegen Ali K. wegen Vergewaltigung. Der Tatort liegt an der Stendaler Straße, dort wohnte Georgine, dort lebte bis zu seiner Festnahme auch Ali K. Bei ihrer Befragung soll die 17-Jährige auch erwähnt haben, K. könne etwas mit dem Verschwinden von Georgine Krüger zu tun haben.

Die Behörde will das Wort „Pannen“ nicht gelten lassen

Die weiteren polizeilichen Maßnahmen nach der Anzeige der 17-Jährigen gaben und geben Rätsel auf, auch wenn die Behörde das Wort „Pannen“ nicht gelten lassen will. Die Angaben der Jugendlichen lassen sich heute nicht mehr nachvollziehen, ihre Aussagen wurden – aus welchem Grund auch immer – nicht protokolliert.

2012 wurde K. dann wegen der Vergewaltigung verurteilt, unklar bleibt, weshalb sich die Ermittler trotzdem nicht näher mit ihm befasst haben. Auch nicht, nachdem sich 2014 eine weitere Jugendliche bei der Polizei meldete und ebenfalls angab, von Ali K. sexuell belästigt worden zu sein.

2016 kam endlich Bewegung in den Fall. Bei einer routinemäßigen Überprüfung aller Personen, die im Verlauf der Ermittlungen bekannt wurden. Dabei stießen die Beamten auch auf die Verurteilungen von Ali K. wegen der Sexualstraftaten. Danach wurden nochmals alle Opfer und Zeugen befragt. Ein Jahr später wurden alle neuen und auch die alten Erkenntnisse ausgewertete, anschließend galt Ali K. für die Beamten der 6. Mordkommission als „dringend tatverdächtig“.

Ali K. soll Georgine Krüger aus sexuellen Motiven in einem Keller geötet haben

Daraufhin begann der Einsatz der verdeckten Ermittler und im Dezember 2018 erfolgte die Festnahme des Mannes. Es bestehe der dringende Verdacht, dass K. Georgine Krüger aus sexuellen Motiven auf ihrem Heimweg von der Schule abfing, in seinen Keller lockte und das Mädchen dort tötete, teilte die Staatsanwaltschaft zu der Festnahme mit.

Die Möglichkeit eines Verbrechens zog die Polizei bereits früh in Betracht, als das verschwundene Mädchen offiziell noch als Vermisstenfall gewertet wurde. Dass eine vermisste Person auch nach längerer Abwesenheit nicht einmal das kleinste Lebenszeichen an die Familie oder andere Vertraute sendet, ist nach den Erfahrungswerten der Ermittler die absolute Ausnahme. Viel wahrscheinlicher erscheint ihnen da die Möglichkeit, dass der oder die Vermisste Opfer eines Verbrechens wurde.

Die Mutter von Georgine tritt als Nebenklägerin auf

In dem Prozess tritt die Mutter von Georgine Krüger als Nebenklägerin auf – ein immens schwerer Gang für die Frau, die bis zuletzt auf ein Wunder hoffte und angesichts der fehlenden Leiche womöglich immer noch insgeheim hofft. Seine Mandantin befinde sich derzeit in einer extrem belastenden Situation, sagte ihr Anwalt Roland Weber.