Religion

„Das Studium der islamischen Theologie wird ein Kracher“

Ab Oktober wird das neue Institut der Humboldt-Universität seinen Lehrbetrieb aufnehmen. Es gibt mehr Bewerbungen als erwartet

Die Humboldt-Universität an der Straße Unter den Linden. Ab Oktober sollen Studierende hier Lehrveranstaltungen des Studiengangs Islamische Theologie  besuchen können.

Die Humboldt-Universität an der Straße Unter den Linden. Ab Oktober sollen Studierende hier Lehrveranstaltungen des Studiengangs Islamische Theologie besuchen können.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Berlin. Das neu gegründete Institut für Islamische Theologie der Humboldt-Universität wird seinen Lehrbetrieb mit deutliche mehr Studierenden aufnehmen als erwartet. Wie der Gründungsdirektor des Instituts, der Historiker Michael Borgolte, auf Anfrage mitteilte, lägen bereits 240 Bewerbungen vor. Gerechnet hatte das Institut mit lediglich 80 Immatrikulationen. Nun wird von 150 bis 180 Studierenden ausgegangen. „Das Studium der islamischen Theologie wird ein Kracher“, sagte Borgolte.

Wenn zum Start des Wintersemester im Oktober die ersten Lehrveranstaltungen beginnen, könnte der Start allerdings etwas holprig verlaufen. Denn bei der Besetzung der sechs Lehrstühle kam es zu Verzögerungen. Das Auswahlverfahren wurde erst für eine Professur abgeschlossen. „Das Studium kann aber dennoch definitiv ab dem 1. Oktober beginnen“, sagte Borgolte. Wenn die Verfahren nicht rechtzeitig abgeschlossen würden, würden die Lehrveranstaltungen zunächst von Gastprofessoren abgehalten, mit denen sich das Institut bereits über die mindestens vorübergehende Zusammenarbeit geeinigt habe.

Beirat kann Besetzung der Stellen noch verhindern

Die vom Institut bereits getroffene Entscheidung über die endgültige Besetzung könnte allerdings noch torpediert werden – vom Beirat des Instituts. In dem Gremium sind Vertreter unterschiedlicher islamischer Verbände vertreten. Sie sollen sicherstellen, dass die am Institut vermittelten Lehrinhalte der islamischen Glaubenslehre entsprechen. Leicht ist das nicht. Denn anders als etwa im Katholizismus gibt es im Islam keine Institution oder Person, die von der überwiegenden Mehrheit der Gläubigen akzeptiert ist und die Leitlinien der Glaubenslehre quasi per Amtshandlung definieren kann. Im Islam existieren vielmehr unterschiedliche Interpretationen der Glaubenslehre, die miteinander konkurrieren und nicht immer ohne weiteres miteinander in Einklang zu bringen sind.

In Beiräten anderer Institute hatte es wegen dieser unterschiedlichen Interpretationen heftige Zerwürfnisse gegeben. Die Folge: Berufungsverfahren zogen sich in die Länge, Kandidaten, von den Berufungskommissionen ausgewählte Kandidaten für Professuren wurden abgelehnt, meist, weil sie die islamische Glaubenslehre nach Ansicht von Beiratsmitgliedern zu liberal interpretierten.

Gründungsdirektor Borgolte hofft, dass dem Berliner Institut solche Streitigkeiten erspart bleiben. „Wir haben bei den Kandidaten für die Professuren eine gute Mischung gefunden von hochrangigen Kollegen, die auch international ein hohes Ansehen genießen, und jüngeren Kollegen“, sagt Borgolte.

Mischung aus weiblichen und und männlichen Kandidaten

Auch die Mischung zwischen weiblichen und männlichen Kandidaten sei ausgewogen. „Wenn der Beirat grünes Licht gibt und die ausgewählten Kandidaten dem Ruf folgen, werden wir das stärkste Institut für islamische Theologie in Deutschland haben“, sagt Borgolte.

Ob die Mehrzahl der Berliner Muslime das Institut als legitime Lehreinrichtung akzeptiert, ist indes offen. Denn der türkische Dachverband Ditib hat sich nach Streitigkeiten über die Kompetenzen bereits kurz nach der Gründung aus dem Beirat des Universitätsinstituts verabschiedet.

Für die Bemühungen der Institutsgründer, möglichst viele muslimische Strömungen einzubinden, um dem Institut zu einer größtmöglichen Akzeptanz zu verhelfen, war die Absage der Ditib ein herber Rückschlag.

Weiterhin vertreten sind im Beirat dagegen die Islamische Föderation, die als Ableger der türkisch dominierten und sunnitisch-konservativen Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs gilt, außerdem der ebenfalls sunnitische und konservative Zentralrat der Muslime, sowie die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands (IGS). Zudem gehören dem Beirat zwei muslimische Vertreter der Hochschule an.

Personalvorschläge könntenzu Diskussionen führen

Er gehe davon aus, dass der Beirat seine Aufgabe sehr ernst nehme. „Es ist aber auch denkbar, dass es über die Besetzungen in dem ein oder anderen Fall Diskussionen geben könnte“, sagte Borgolte. Entscheiden werde der Beirat über die noch nicht abgeschlossenen Besetzungsverfahren vermutlich bei einer Sitzung in rund zwei Wochen.

Der Start der Ausbildung zum Islam-Lehrer musste indes bereits verschoben werden, weil der Akademische Senat die Zeit zur Vorbereitung als zu kurz erachtete. Statt wie ursprünglich vorgesehen zum Oktober dieses Jahres soll das Studium nun zum Wintersemester 2020 starten. Das sei aber kein Beinbruch, sagt Instituts-Direktor Borgolte. Studierende, die sich zum Islam-Lehrer ausbilden lassen wollten, könnten bereits ab dem kommenden Wintersemester Lehrveranstaltungen besuchen und sich diese später für das Lehramtsstudium anerkennen lassen.

Mittel- und langfristig werde das Institut eine bedeutende Rolle spielen, ist Borgolte überzeugt. Für die noch recht junge universitäre Disziplin der Islamischen Theologie werde das Institut wichtige Impulse liefern. Bei muslimischen Eltern werde sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es besser sei, wenn ihren Kindern der Glauben von Lehrkräften vermittelt werde, die an einer Universität ausgebildet seien. Auch bei Konflikten zwischen muslimischen Gruppierungen und der Mehrheitsgesellschaft könne das Institut eine wichtige Rolle spielen.