Start-up

Infarm - Die Kräuterkammer der Zukunft kommt aus Berlin

Das Start-up Infarm will mit Gewächshäusern die städtische Versorgung revolutionieren. Die Kräuter überzeugen auch Spitzenköche.

Das Berliner Start-up Infarm hat, so wie hier in einer Edeka-Filiale in der Knesebeckstraße, bereits mehr als 200 Indoor-Farmen in Lebensmittelläden aufgestellt.

Das Berliner Start-up Infarm hat, so wie hier in einer Edeka-Filiale in der Knesebeckstraße, bereits mehr als 200 Indoor-Farmen in Lebensmittelläden aufgestellt.

Foto: Infarm/Uwe Eichhorn

Berlin. Der Sternekoch Tim Raue ist auch ein echter Kräuterexperte. Auf einer seiner Reisen lernte er irgendwann die peruanische Minze kennen. Das Kraut, das hierzulande kaum zu bekommen ist, schmeckt fruchtiger und lebendiger als die herkömmliche Minze. Raue brachte Überreste der Art mit nach Berlin zu den Kräuterkennern des Indoor-Farming-Start-ups Infarm. „Ein paar Wochen später hatten wir die erste Pflanze angebaut. Jetzt wächst die Minze bei Tim Raue direkt in der Küche und ist Teil seines Menüs“, erzählt Infarm-Mitgründerin Osnat Michaeli.

Infarm hat 100 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt

Tim Raue und auch andere Restaurants in Berlin beziehen mittlerweile zahlreiche Kräuter von dem Unternehmen. Infarm stellt intelligente Geräte her, in denen die Kräuter autark wachsen können. Neben Restaurants stattet Infarm auch Supermärkte mit den smarten Gewächshäusern aus. Bis heute hat das Start-up mehr als 200 Indoor-Farmen in Lebensmittelläden installiert. Zu den Kunden gehören Edeka, Metro, Intermarché, Auchan, Selgros und Amazon Fresh in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Luxemburg. Weitere Gewächshäuser sollen noch in diesem Jahr in England und Frankreich aufgestellt werden. Dazu betreibt das Unternehmen etwa 150 Indoor-Farmen in Logistikzentren, von denen aus zusätzliche Abnehmer beliefert werden.

Infarm baut nicht nur die Geräte, in denen die Pflanzen wachsen, selbst. Teil des Geschäftsmodells ist auch ein Service: In den Supermärkte bauen die Mitarbeiter des Start-ups regelmäßig die gewachsenen Kräuter ab und setzen neue Pflanzen ein. Die Geschäftsidee war Investoren zuletzt rund 100 Millionen Dollar wert. Der Deal gehörte zu den größten europäischen Finanzierungsrunden für junge Agro-Tech-Unternehmen. Mit dem Geld soll nicht nur die Zahl der Farmen wachsen. Infarm plant auch die Expansion nach Japan und in die USA.

„Der Konsum frischer Produkte ist eine große Bürde für die Umwelt unseres Planeten. Diese wird aufgrund der steigenden urbanen Population weiter zunehmen. Das ist auf lange Sicht nicht nachhaltig“, sagt Hiro Tamura, Partner bei Atomico, einem der Infarm-Investoren. Die Technologie von Infarm löse dieses Problem und mache die Produktion frischer Lebensmittel nachhaltig. Das Berliner Start-up habe deswegen eine weltweite Zielgruppe. „Infarm hat den idealen Weg gefunden, ein großes globales Problem zu lösen und baut die Infrastruktur für eine nachhaltigere und gesündere Zukunft“, erklärt Tamura.

Auf der Suche nach vergessenen Kräuter-Varianten

Das Herz der Kräuterkammer der Zukunft schlägt in einem Unternehmenspark an der Colditzstraße in Tempelhof. Auf einer Fläche von fast 1300 Quadratmetern hat Infarm Labore, Produktion und Gewächshäuser aufgebaut. Auch Verwaltung und Geschäftsführung des Start-ups sitzen hier, mittlerweile sind europaweit mehr als 250 Mitarbeiter für das junge Unternehmen tätig.

Bei einem Rundgang durch den Infarm-Sitz können Besucher die gesamte Produktionskette nachvollziehen. Osnat Michaeli öffnet eine Glastür. Dahinter setzen Mitarbeiter die Saat in kleine Töpfe ein. „Die industrielle Landwirtschaft hat unsere Auswahl in Supermärkten verringert. Ein großer Teil unserer Arbeit ist Varianten zu suchen, die vergessen worden sind“, erklärt Osnat Michaeli, die das Unternehmen 2013 gemeinsam mit den Brüdern Guy und Erez Galonska gegründet hat. Infarm arbeitet eng mit Saatgut-Firmen zusammen. Mehr als 65 verschiedene Kräuter-Arten hat das Start-up derzeit im Programm. Dazu gehören neben der peruanischen Minze zum Beispiel auch Wasabi-Rucola, Sauerklee und verschiedene Senf-Arten. Neben den Kräutern wachsen in den intelligenten Gewächshäusern mittlerweile auch Salatblätter.

Kräuter werden in den Supermärkten geerntet

Nachdem das Saatgut eingesetzt wurde, verbleiben die kleinen Förmchen zunächst in den unternehmenseigenen Gewächshäusern. Einige Wochen kann es dauern bis die Kräutertriebe die Infarm-Kammer verlassen und an die Kunden ausgeliefert werden. In den Supermärkten können Kunden den Kräutern noch einige Zeit beim Wachsen zugucken. Später werden die Kreationen von Infarm-Mitarbeitern geerntet und gehen dann in den Verkauf. Kosten für Transport und Lagerung sparen sich die Lebensmittelmärkte. Die Kunden bemerken davon aber zunächst noch nichts: Bei Edeka etwa kosten 15 Gramm Basilikum stolze 1,29 Euro. Zum Vergleich: Das aus Israel importierte Pendant ist für weniger als einen Euro zu haben.

Die schrankhohen Kräuterkammern, die Infarm bei seinen Kunden abstellt, sind eine Eigenentwicklung des Start-ups. In den Glaskästen werden die Kräuter mit speziellen Nährstoffen, Licht und Wasser versorgt. Ein Computer steuert die Bewässerung und regelt die Temperatur. Mehrere Jahre habe es gedauert, die mit Algorithmen gesteuerte Anlage zu entwickeln, sagt Osnat Michaeli. Mithilfe der Technik sei es möglich den Wasser- und Energieverbrauch deutlich zu reduzieren, so Michaeli. Infarm würde deswegen bei der Kräuterproduktion etwa 95 Prozent weniger Wasser verbrauchen als die industrielle Landwirtschaft.

Start-up will 2020 auch Gemüse in den intelligenten Kästen anbauen

Die Idee zu Infarm entstand ursprünglich in einer Art Nachbarschaftsprojekt in den Kreuzberger Prinzessinnengärten. Drei Monate lang diskutierten die drei Gründer mit Anwohnern über die Ernährung und die Lebensmittelproduktion der Zukunft. Das Ziel danach: Nahrungsmittel sollten mehr vor Ort produziert und weniger importiert werden. Auch das sei ein Grund dafür gewesen, Infarm in Berlin zu gründen, erzählt Osnat Michaeli. Nach Deutschland würden etwa 80 Prozent der Nahrungsmittel importiert. Weltweit konzentriere sich die Produktion von Gemüse oder Früchten auf nur wenige Klimazonen. Häufig lägen Herstellungsort und Verkaufsstelle mehrere Tausend Kilometer auseinander. Infarm hingegen wolle zu einhundert Prozent lokal sein, sagt Michaeli.

Nachdem Infarm bereits erfolgreich die intelligente Kräuterkammer etabliert hat, plant die junge Firma die nächsten Schritte. Neben der Expansion in weitere Länder, will Infarm ein weiteres Geschäftsfeld erobern. So wie Kräuter soll auch Gemüse vor Ort in Supermärkten wachsen und geerntet werden. Im nächsten Jahr will Infarm deswegen unter anderem Karotten, Pilze und Tomaten in sein Sortiment aufnehmen.