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Immer mehr homophobe Übergriffe in Berlin

Die Fallzahlen sind um ein Drittel gestiegen. Vor allem bei Beleidigung zeigt sich ein besorgniserregender Trend.

Bastian Finke leitet seit fast 30 Jahren das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo

Bastian Finke leitet seit fast 30 Jahren das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo

Foto: Philipp Siebert

Berlin.  Sichtbarkeit bedeutet oft Gefahr. Im vergangenen Jahr zählte das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo insgesamt 382 Fälle homo- und transphober Übergriffe. 2017 waren es 324, 2016 nur 291. Das ist ein Anstieg um ein Drittel in zwei Jahren. Den Großteil machen Beleidigungen aus. Hier ist auch die größte Steigerung von 45 Fällen im Jahr 2016, 68 im Jahr 2017 auf 123 im Jahr 2018 zu verzeichnen. Die Fallzahlen der einfachen und gefährliche Körperverletzungen sind dagegen zurückgegangen (2018: 67; 2017: 80; 2016: 77). Gleiches gilt für Nötigung und Bedrohung (2018: 54; 2017: 59; 2016: 64) sowie für Raubstraftaten (2018: 20; 2017: 28; 2016: 35). Die meisten Vorkommnisse wurden mit 49 im Stadtteil Schöneberg zu gezählt, gefolgt von Neukölln mit 38, Mitte mit 27, Tiergarten mit 26 und Kreuzberg mit 22.

Opfer zeigen Taten immer häufiger an

Homo-, Bi- und Transsexualität gehöre selbstverständlich zu einer offenen Gesellschaft, sagt Maneo-Projektleiter Bastian Finke. „Es gibt aber noch immer genug Menschen, die Veränderungen nicht wahrhaben oder sie bewusst nicht zur Kenntnis nehmen wollen und sich dagegen wehren.“ Diese Gruppe werde zwar nicht größer, aber die Menschen würden sich mehr trauen. „Ich glaube, dass sich viele ermutigt fühlen, sich sehr lautstark dagegen zu positionieren und meinen, irgendeine Zeitgeistströmung würde sie dazu ermutigen.“ Diese Bedrohung würde vor allem von rechtsextremer Seite wahrgenommen.

Daher sei es wichtig, die Errungenschaften der vergangenen Jahre zu erhalten und zu verhindern, dass homo- und transphobe Haltungen wieder salonfähig werden, so Finke weiter. Denn diese würden zunehmend lauter geäußert und fänden mehr Aufmerksamkeit. „Wir müssen dagegen halten und dürfen diesen Strömungen nicht die Räume überlassen.“ Es gelte, mehr Bereiche zu sensibilisieren. Dass „schwul“ an Schulhöfen eine Beleidigung ist, sei nicht Schuld der Kinder. Das käme aus dem Elternhaus oder dem sozialen Umfeld. „Die Offenheit hat noch nicht alle Teilbereiche unserer Gesellschaft durchdrungen.“

Seit 2012 werden in Berlin homophobe Übergriffe automatisch an den Staatsschutz weitergegeben. Laut Finke eine klare Botschaft. Denn Angriffe auf bestimmt Gruppen seien eine Bedrohung für die gesamte Gesellschaft. Außerdem zeigen Opfer Taten immer häufiger an. „Eine wichtige Veränderung“, meint Finke. Dennoch sei von einer großen Dunkelziffer auszugehen.

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