Berliner Schulen

Immer mehr Kinder beschweren sich über Mobbing

Die Zahl der von Schülern und Lehrern gemeldeten Fälle von Diskriminierung und Mobbing hat sich in Berlin fast verdoppelt.

Auch über die sozialen Netzwerke können Kinder gemobbt werden

Auch über die sozialen Netzwerke können Kinder gemobbt werden

Foto: Oliver Berg / dpa

Berlin. Immer mehr Schüler und Lehrer melden sich bei der Berliner Diskriminierungsstelle. Die Zahl stieg in den vergangenen drei Jahren von 147 auf 276 Fälle und hat sich damit fast verdoppelt. Das geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen im Abgeordnetenhaus hervor. „Die gestiegenen Zahlen zeigen einmal mehr, dass Politik endlich entschlossen gegen Diskriminierung an Schulen vorgehen muss“, sagte der Anti-Diskriminierungsexperte der Fraktion, Sebastian Walter. „Wir fordern dafür schon lange ein stadtweites Gesamtkonzept für alle Berliner Schulen.“

Diskriminierungen und Mobbing wegen körperlicher Defizite

Vor allem Kinder und Jugendliche wandten sich zuletzt an die Diskriminierungsbeauftragte des Landes (258), aber auch immer mehr Lehrer fühlen sich in verschiedenster Art benachteiligt. Ihre Zahl stieg von sechs im Jahr 2016 auf 18 im abgelaufenen Schuljahr. In den meisten Fällen beklagten sich die Betroffenen über rassistische Herabwürdigungen oder Diskriminierung wegen der Herkunft, der Religion oder der Nationalität (171). In 54 Fällen wurde anti-muslimischer Rassismus als Ursache angegeben, 34 Betroffene beschwerten sich über Diskriminierungen wegen einer möglichen Behinderung oder anderer körperlicher Defizite. In 19 Fällen klagten die Betroffenen über antisemitische Herabwürdigungen.

Die Grünen fordern eine Stärkung im Kampf gegen Diskriminierungen an Schulen. „Es ist klar, dass die gemeldeten Vorfälle nur ein Ausschnitt der realen Zustände an den Berliner Schulen darstellen“, sagte Walter. „Ziel muss es daher sein, die Meldebereitschaft weiter zu erhöhen.“ Dies könne nur gelingen, wenn die Stelle der Antidiskriminierungsbeauftragten bei der Bildungsverwaltung weiter gestärkt werde. Neben einer Personalaufstockung gehöre dazu auch „zwingend eine Ausweitung der Befugnisse zur Unterstützung, Beratung und Intervention“.

Kinder geben an, Mobbing ginge von Lehrern aus

Bemerkenswert an der Auswertung der Zahlen ist, dass die Schüler in 96 Fällen angaben, die Diskriminierung sei von Lehrern ausgegangen. „Das weit verbreitete Bild, Diskriminierung entstehe vor allem durch den Streit unter Schülern, ist eine verkürzte Sicht auf die Dinge“, sagte die Sprecherin für Flucht und Migration der Grünen-Fraktion, Bettina Jarasch. „Deshalb hilft gegen Diskriminierung auch nicht einfach eine Aufforderung zu mehr Toleranz.“ Es gehe darum, Schubladen in den Köpfen und die Schulkultur insgesamt zu ändern. „Es braucht verbindliche Fortbildungen für Leitung und Schulaufsicht“, so Jarasch.

Umfassende Fortbildung für Pädagogen ist geplant

Die Bildungsverwaltung hat das Problem erkannt. „Die Zahlen zeigen, dass wir unser Engagement gegen Diskriminierung ausbauen müssen“, sagte der Sprecher der Bildungsverwaltung, Torsten Metter. „Und gegen Mobbing und Diskriminierung vorgehen müssen.“

Dazu gehört den Angaben des Sprechers zufolge, dass die Antidiskriminierungsstelle in der Verwaltung personell gestärkt wird, alle Schulleiter und Pädagogen ein Fortbildungsangebot erhalten, ein Anti-Mobbingbeauftragter ernannt wird und alle Schulen bis zum Ende der Legislatur einen Sozialarbeiter erhalten sollen. Außerdem sollen künftig auch zwei Schüler als Ansprechpartner für Diskriminierungsfälle zur Verfügung stehen – für diejenigen Betroffenen, die sich nicht einem Erwachsenen anvertrauen möchten.

Mit dem Pilotprojekt „Pro Respekt“ werden zudem ab dem kommenden Schuljahr Sozialarbeiter als mobile Eingreiftruppe an einzelne Schulen gesandt, wenn strukturelle Probleme beim Kampf gegen Diskriminierung auftreten. Das Projekt startet mit sechs Sozialarbeitern in Reinickendorf, soll nach und nach auf die anderen Bezirke übertragen werden.

Bisherige Ansprechpartnerin gibt die Aufgabe ab

Wie groß das Mobbing- und Diskriminierungsproblem an Berliner Schulen tatsächlich ist, darüber besteht in der Bildungsbehörde Unklarheit. Die bisherige Auswertung der meldepflichtigen Vorfälle war nach Angaben der Verwaltung nicht aussagekräftig. Demnach fehlte bislang eine Differenzierung nach den Ursachen. Die Meldekriterien werden nun überarbeitet, deswegen liegen nur die Zahlen der Anti-Diskriminierungsbeauftragten vor.

Unklar ist außerdem, wie es mit der Stelle der Anti-Diskriminierungsbeauftragten in der Bildungsverwaltung weitergeht. Saraya Gomis, die seit drei Jahren die Aufgabe wahrnimmt, hat angekündigt, nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Über die Gründe dafür herrscht Unklarheit. Gerüchten zufolge hat sich Gomis mehr Befugnisse für die Stelle gewünscht und ist damit bei Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) abgeblitzt.