Verkehrssicherheit

Neuköllns erster Poller-Radweg bekommt Lob und Buh-Rufe

An der Karl-Marx-Straße gibt es die erste Protected Bike Lane - und ein Fahranfänger nutzte sie als Fahrspur mit seinem Auto.

Der neue geschützte Radweg an der Karl-Marx-Straße.

Der neue geschützte Radweg an der Karl-Marx-Straße.

Foto: Nina Kugler

Die Einstandsfahrt ließ sich Martin Hikel (SPD) nicht nehmen. Neuköllns Bezirksbürgermeister fuhr zur Eröffnung selbst über den rund 300 Meter langen, neuen Radweg entlang der Karl-Marx-Straße – und dürfte sich dabei als Radfahrer so sicher wie an kaum einer anderen Stelle in seinem Bezirk gefühlt haben. Denn der Abschnitt zwischen Hermannplatz und Reuterstraße ist Neuköllns erster, geschützter Radweg. Die im Fachjargon „Protected Bike Lane“ genannte Anlage ist mit Pollern zu den Fahrstreifen des motorisierten Verkehrs hin geschützt. Nicht vollständig allerdings, denn ein Autofahrer nutzte den Radweg am Mittwoch einfach als Fahrspur.

Der Mann stand mit seinem Wagen kurz hinter der Kreuzung zur Hermannstraße auf dem Radweg. Als Mitarbeiter des Ordnungsamts ihn darauf hinwiesen, dass er dort nicht stehen dürfe, fuhr er los – und dreist den Pollerradweg entlang. Nur um jedoch nach zwei Wendemanövern wieder an der Stelle zu halten, an der er gerade erst widerrechtlich gestanden hatte – und wo das Ordnungsamt immer noch wartete. Die Mitarbeiter erklärten dem Fahranfänger daraufhin, dass er seinen vor einem Monat erhaltenen Führerschein wohl wieder abgeben müsse.

Radweg in Neukölln - Protected Bike Lane in der Karl-Marx-Straße nur in einer Fahrtrichtung

Trotz dieses „Ausreißers“ nannte Hikel den neuen Radweg bei der Eröffnung eine „sinnvolle Maßnahme“. Schon jetzt werde der Weg sehr intensiv genutzt. „Damit haben wir nun fast eine durchgängige Protektion vom Südstern bis zur Reuterstraße.“ Diese 600 Meter Strecke sei „ein echter Mehrwert“.

Damit sprach Hikel allerdings nur für die Straßenseite in Richtung Reuterstraße. Auf der anderen Seite stehen keine Poller und sind dort auch nicht geplant. Der Bezirk habe sich bewusst für eine Mischvariante entschieden, sagte Hikel, da der Nutzen eines geschützten Radwegs in Richtung Hermannplatz überschaubar gewesen wäre. „Auf der anderen Seite gibt es mehrere Ausfahrten. Dazwischen wären es nur einzelne Poller und kein geschützter Weg gewesen.“

Mehrere Transporter halten auf dem Radstreifen

Dort hat der Bezirk stattdessen dem motorisierten Verkehr eine Spur genommen und einen breiten Radstreifen aufgemalt. Wie wenig das jedoch wert sein kann, zeigt sich am Mittwochmittag: Mehrere Transporter stehen auf dem Streifen. Radfahrern bleibt da nichts anderes übrig, als die Hindernisse über die Autospur zu umkurven. Ein Phänomen, das es überall in Berlin gibt. Nur einige hundert Meter weiter südlich sind die Radstreifen auf der Karl-Marx-Straße zwischen Uthmannstraße und Kienitzer Straße seit einiger Zeit grün eingefärbt. Das hat Kraftfahrer bisher nicht davon abgehalten, auch dort widerrechtlich zu parken.

Hikel sieht die nun gewählten Varianten im Norden der Karl-Marx-Straße zunächst als Versuch. „Wir wollen erstmal schauen, was funktioniert und was nicht.“ Auch sei heute grundsätzlich in Berlin noch nicht klar, wie der Straßenraum in Zukunft aufgeteilt werde und ob Poller oder, wie etwa in Kopenhagen, Bordsteine die Radwege abtrennen und schützen sollen.

Karl-Marx-Straße wird im Norden komplett umgebaut

Die Erkenntnisse und Entwicklungen will man daher in Zukunft auf dem Abschnitt berücksichtigen. Denn ab 2022 soll die Karl-Marx-Straße in diesem Bereich ohnehin großflächig umgebaut werden. Bis dahin wollte sich der Bezirksbürgermeister jedoch nicht mit seinen Maßnahmen Zeit lassen. „Wenn wir so lang gewartet hätten, wäre über mehrere Jahre nichts passiert.“

Nicht alle zeigten sich mit dem geschützten Radweg zufrieden. Während der Eröffnung schallten Buhrufe aus einer auf der anderen Straßenseite gelegenen Bäckerei herüber. Die Parkplätze entlang der Straße fallen durch die 30.000 Euro teure Maßnahme weg. Für Gewerbetreibende sei es zunächst ein Verlust, so Hikel. „Auch deshalb haben wir es erstmal nur auf einer Seite gemacht“. Langfristig sei er jedoch überzeugt, dass Radfahrer eher anhielten, um einen Kaffee zu trinken.

Paradigmenwechsel in Neuköllns Verkehrspolitik

Froh über die neue Radweganlage war Helmut Große Inkrott vom Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln, das die Idee für den geschützten Weg vor bald drei Jahren an das Bezirksamt herantrug. „Man muss den Bezirk loben, dass er das unterstützt hat.“ Zwar hätte sich Große Inkrott grundsätzlich auch Poller auf der gegenüberliegenden Straßenseite gewünscht, doch die Bedenken des Bezirksamts wegen der vielen Ausfahrten könne er verstehen. „Bei der Parkdisziplin in Neukölln würde der Radstreifen an diesen Stellen geblockt.“

Allgemein erkenne er einen Paradigmenwechsel auch in der Neuköllner Verkehrspolitik. „Vor vier, fünf Jahren wäre man für diese Idee noch ausgelacht worden.“ Der Pollerweg an der nördlichen Karl-Marx-Straße wird wohl nicht der letzte im Bezirk bleiben. Für die südliche Karl-Marx-Straße würde der Schutz gerade geprüft, sagte Hikel. Und auch für Poller auf der Hermannstraße habe man Planungen aufgesetzt.