Stadtführung

Flüchtling erklärt Touristen die Geschichte von Berlin

Vor vier Jahren floh Nafee Kurdi von Syrien nach Berlin. Nun erzählt er Touristen die Geschichte der Stadt – und seine eigene.

Nafee Kurdi aus Syrien führt als Stadtführer Touristen durch Berlin-Mitte und berichtet von seiner Flucht und der Stadt, in der er jetzt lebt.

Nafee Kurdi aus Syrien führt als Stadtführer Touristen durch Berlin-Mitte und berichtet von seiner Flucht und der Stadt, in der er jetzt lebt.

Foto: Anikka Bauer

Am Checkpoint Charlie strömen die Menschen in alle Richtungen, Touristen zücken hastig ihre Fotokameras, es ist schwer, sich durch die Massen hindurchzuschlängeln. Schwer vorstellbar, dass an diesem Ort vor gerade mal 30 Jahren noch die Mauer stand – und der Grenzübergang, der dem Ort bis heute seinen Namen gibt. Eine originalgetreue Nachbildung der Kontrollbaracke des amerikanischen Militärs erinnert an die damalige Zeit. Das großes Bild eines US-Soldaten hängt über dem kleinen weißen Häuschen, die amerikanische Flagge ist gehisst, dahinter ein Stapel mit Sandsäcken. Rechts daneben steht ein Schild mit der Aufschrift: „You are leaving the american sector“. Zum Glück gehört das der Vergangenheit an.

Nafee Kurdis Flucht ist gerade mal vier Jahre her

Der Checkpoint Charlie in Mitte zählt heute zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Berlins – vielleicht auch, weil man sich trotz des Trubels immer noch vorstellen kann, wie es früher hier war. Lediglich Ausländer und Funktionäre der Bundesrepublik und DDR duften damals den Übergang zwischen dem sowjetischen Bezirk Mitte im Osten und dem US-amerikanischen Bezirk Kreuzberg im Westen passieren. An keinem anderen Ort konnte man damals die Atmosphäre des Kalten Krieges so deutlich spüren wie hier, wo sich sowjetische und alliierte Panzer mit scharfer Munition gegenüber standen. Es war ein Schauplatz zahlreicher Fluchten, die zum Teil tödlich endeten. Heute gehört dies der Vergangenheit an.

An diesem historischen Ort startet die Stadtführung von Nafee Kurdi durch das Berliner Zentrum. Für Nafee ist seine

Flucht gerade mal vier Jahre her. 2015 hat er seine Heimat in Damaskus verlassen und ist nach Berlin geflohen. Heute lebt er in Berlin und veranstaltet regelmäßig Stadtführungen. Bei seiner Tour will Nafee von seiner Flucht aus Syrien erzählen und seine Erlebnisse mit der deutschen Geschichte verknüpfen. Moment mal. Was haben Deutschland und Syrien wohl für Gemeinsamkeiten? Immerhin sind das sind doch zwei Länder, die unterschiedlicher kaum sein könnten – oder?

Ehemaliger Checkpoint Charlie erinnert ihn an seine Heimat Damaskus

Der ehemalige Checkpoint Charlie erinnert ihn sehr an seine Heimat in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Dort sind solche Kontrollpunkte auch heute gegenwärtig, an denen sich täglich gefährliche Fluchten ereignen. Nafee erzählt, wie er einst einen der Checkpoints passieren wollte. „Sie hätten mich festnehmen können“, seine Stimme klingt immer noch etwas ängstlich. „Sie nehmen willkürlich Menschen fest und fordern dann Geld von ihnen für die Freilassung“. Zum Glück ist bei ihm alles gut verlaufen. Nafee zeigt ein Bild von einem Kontrollpunkt aus Damaskus, der dem Checkpoint Charlie in Berlin äußerst ähnlich sieht.

Gäste sind Studenten aus den USA

Weiter geht es entlang der Zimmerstraße, wo einst die Berliner Mauer verlief. Heute ist es schwer vorstellbar, dass es in den 28 Jahren, in denen die Mauer stand, allein in Berlin 5000 Ostdeutsche über diese Grenze in den Westen schafften. Eine Flucht war damals nur unter Lebensgefahr möglich. Dennoch nahmen zahlreiche DDR-Bürger das Wagnis auf sich. Die Anzahl der gescheiterten Fluchten ist bis heute nicht bekannt. Nur noch wenige Überreste der Mauer erinnern heute an die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin. Zum Beispiel an der Niederkichnerstraße, durch die Nafees Tour führt. Seine Gäste sind Studenten aus den USA, die in einem Sommer-Seminar Europa besuchen. Sie hören aufmerksam zu, einige schreiben mit.

Mit 18 entschied er, nach Deutschland zu fliehen

Vor gerade mal vier Jahren nahm Nafee seine Flucht von Damaskus nach Berlin auf. „Ich war 14 Jahre alt, als die Revolution in Syrien begann“, erzählt Nafee. Als Kriegskind sei es für ihn normal gewesen, täglich Waffen zu sehen und permanent den Knall von Bomben zu hören. „Ich wusste nicht, was Freiheit ist“, erzählt er weiter. Mit 18 Jahren traf er die Entscheidung nach Deutschland zu fliehen. Damals studierte der junge Syrer Wirtschaft, Politik und Sozialwissenschaften an einer Universität in Damaskus. Im August 2015 wurde seine Uni zerbombt – für Nafee ein traumatisches Ereignis, das sein Leben ändern sollte.

Durch den Angriff auf die Universität starben Professoren und Kollegen

Es stand eine Prüfung bevor, zu der Nafee aber nicht erschienen war, weil er nicht dafür gelernt hatte. „Als ich zur Universität kam, war überall Blut. Viele meiner Professoren und Kollegen waren tot“, erzählt der Syrer und man hört die

Trauer in seiner Stimme. Seitdem habe er sich nirgends mehr sicher in seiner Heimat gefühlt. Daraufhin entschloss er, mit seinem besten Freund die Flucht aufzunehmen. „Ich hatte zwar Angst, festgenommen zu werden, aber die Angst, in meiner Heimat zu sterben, war noch größer.“

Nach zehn Tagen in Deutschland angekommen

Am 5. Oktober startete seine Flucht. Mit dem Bus ging es zuerst nach Libanon und von da aus weiter in die Türkei. Um nach Griechenland zu kommen, mussten sie ein Boot nehmen, das beim ersten Versuch kaputt ging, weswegen sie zurück schwimmen mussten. Nach mehr als zehn Tagen hatten sie es dennoch bis in die deutsche Hauptstadt geschafft. „Es war damals noch leichter, nach Deutschland zu kommen, weil zu dem Zeitpunkt die Grenzen noch offen waren“. Rund 3000 Dollar habe ihn die Flucht gekostet.

Nafee Kurdis lebte sechs Wochen in einem Flüchtlingsheim

Die Tour geht weiter und Nafee bleibt vor einem alten Gebäude stehen. Es sieht heruntergekommen aus, eine Sanierung würde nicht schaden. „Die ersten eineinhalb Monate habe ich in einem solchen Flüchtlingsheim gelebt“, erzählt Nafee und fügt an: „300 Betten gab es – somit auch kaum Privatsphäre. Es war unhygienisch und dreckig“.

Doch eine Wohnung zu finden sei als Ausländer ohne Sprachkenntnisse und festen Job nicht einfach gewesen. „Gerade der Anfang war schwer und ich habe meine Familie vermisst.“ Aus diesem Grund habe er die meiste Zeit draußen verbracht und sich die Stadt angeguckt. „Dabei habe ich viele Touristen getroffen uns es hat mir Spaß gemacht, mich mit ihnen zu unterhalten“. Also suchte er sich einen Job bei einem Hostel. Über eine Freundin kam er später zu den Stadtführungen von „Querstadtein“ und führt heute seine eigene Tour.

Größter Unterschied zwischen Deutschland und Syrien liegt in den Grundbedürfnissen

Um sich besser in Deutschland zu integrieren und die Sprache zu lernen, hat Nafee Deutschkurse besucht. „Es war nicht gerade einfach, Integration ist ein großes Problem in Deutschland“, sagt er bedauernd. Dennoch sei er sehr froh, in Deutschland zu leben, vor allem, weil er sich hier sicherer fühle. „Ich fühle mich wohl in Berlin, vor allem gefällt mir die vielfältige Kultur“. Den größten Unterschied zwischen Syrien und Deutschland sehe Nafee in den Grundbedürfnissen. In Syrien gebe es nicht ausreichend Wasser und Strom – hier eine Selbstverständlichkeit. „In Deutschland planen viele Leute ihre Zukunft. In Syrien ist das ungewiss“. Bis vor 30 Jahren mögen viele Menschen in der DDR ähnliche Zukunftssorgen beschäftigt haben, auch wenn „nur“ kalter Krieg herrschte. Dennoch: Berlin und Syrien verbindet anscheinend mehr, als man denkt.

Alle bisher erschienenen Stadtführungen hier: www.morgenpost.de/themen/stadtfuehrung

Touren: Berlin aus der Sicht von Geflüchteten

Die Gruppentouren „From Damascus to Berlin“ werden zu individuellen Terminen vereinbart. Auf der Internetseite von „Querstadtein“ kann man einen unverbindlichen Wunschtermin mit Uhrzeit angeben. Buchungen und Informationen zur Führung bekommen Sie unter: 030 24 33 94 42, E-Mail: info@querstadtein.org , Internet: www.querstadtein.org

Die Stadtführung „From Damascus to Berlin“ dauert ungefähr zwei Stunden. Tourguide Nafee spricht Deutsch und Englisch. Die Führung startet am Checkpoint Charlie und endet an der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße. Anfahrt: Mit dem öffentlichen Nahverkehr gelangt man mit der U-Bahn Linie U6 bis Kochstraße oder mit den Buslinien 265 bis Stadtmitte/Krausenstraße, M29 bis Kochstr./Checkpoint Charlie

Außerdem bietet der Verein Querstadtein weitere Touren von Geflüchteten an: „Stories of Migration: Reading the City along the U6“, „Global Politics, the City and my Life“ und „Neukölln from the Newcomers’ Perspective“. Für Gruppentouren wird jeweils eine pauschale Teilnahmegebühr von 175 Euro berechnet, gestaffelt nach Art der Gruppe und der Gruppengröße. Sonntags werden auch offene Touren für Privatpersonen zum regulären Preis von 13 Euro pro Person angeboten.